Für die "Konspirativen KüchenKonzerte" wurden Hirn und Wanst für den Grimme-Preis nominiert. (© Claudia Höhne )

Zinnwerke in Wilhelmsburg: Mit Hirn und Wanst mitten ins Herz

Hirn und Wanst in den Wilhelmsburger Zinnwerken sind kreative Tausendsassa – und hochgelobt. Für Fernsehsendungen, Filme, Bücher, soziale Projekte, die Kaffeeklappe und Mensa-Catering.

Es waren einmal drei junge Menschen: Eva Ritter-Steindorf, Marco Antonio Reyes Loredo und Kerstin Schaefer. Zwei von ihnen lebten auf einer verwunschenen Insel mitten auf der Elbe, alle drei haben einst Kulturwissenschaft beziehungsweise Kulturanthropologie studiert. Sie fanden es doof, wie Kunst auf der Fernsehmattscheibe dargestellt wurde und machten sich auf, daran etwas zu ändern.

Dieser märchenhafte Texteinstieg ist durchaus passend. Denn das, was die drei von Hirn und Wanst in wenigen Jahren aus den Zinnwerken in Wilhelmsburg heraus auf die Beine gestellt haben, klingt in jeder Hinsicht fabelhaft. Sie machen Filme, Musikvideos, betreiben die Kaffeeklappe, die Mensa der Hochschule für bildende Künste Hamburg und diverse Berufsschulmensen. Um nur einige wenige Punkte zu nennen. Doch der Reihe nach.

Sind Hirn und Wanst (v.l.): Kerstin Schaefer, Marco Antonio Reyes Loredo und Eva Ritter-Steindorf. (© Claudia Höhne )

Konspirative KüchenKonzerte mit prominenten Gästen

Angefangen hat das alles mit Marcos Kochleidenschaft. "Quatschen und kochen", das ist das, was er gut kann, wie er selbst sagt. Er hatte eine Kochsendung bei Tide Radio – auch wenn das nicht unbedingt das optimale Medium dafür ist. Aber Fernsehen? "Nee, das fand ich doof. Finde ich eigentlich immer noch."

Doch dann zog er um, nach Wilhelmsburg. Das Zentrum der neuen Wohnung war die Küche, in die er ein Podest einbaute, damit das Abwasser aus der Spüle auch wieder ablief. Daraus musste man doch etwa machen können? "Ich habe dann Nils Koppruch eingeladen, Musik zu machen, während ich kochte. Und weil wir fanden, dass dazu noch bildende Kunst passen würde, haben wir auch noch Thorsten Passfeld dazugeholt, den Maler und Bildhauer." Freilich fehlten dann noch die nötigen Filmfachleute, Regie, Kamera, Ton. Aber schließlich wimmelte es in Marcos Umfeld von Freunden und Bekannten, die Lust hatten, das alles auszuprobieren. Voilà, da war es: die erste Sendung Konspirative KüchenKonzerte. Einfach mal so gemacht, ohne Ahnung, ohne Hintergedanken, ohne Geld.

Das Konzept schlug ein wie eine Bombe. Weitere Sendungen mit unterschiedlichen Künstlern folgten, darunter Christoph Faulhaber & Kreisky, Armin Chodzinski & Superpunk, Vogel / Hehemann & Ensemble Resonanz, Tobias Rehberger, Andreas Dorau, H.P. Baxxter oder auch Baldur Burwitz, der 200.000 Fliegen aufs Publikum losließ, welches beim wilden Wedeln und Verhüllen selbst zur Performance wurde. Heißer Scheiß, serviert in der kreativen Pop-Kombüse.

Als erste freie Produktion für den Grimme-Preis nominiert

"Weil wir keine Ahnung hatten, wie 'Fernsehen machen' eigentlich geht, fragten wir beim Grimme-Institut nach, ob die uns nicht helfen könnten und schickten eine DVD hin", erzählt Marco Antonio Reyes Loredo. Die Antwort: die Nominierung für den Grimme-Preis, als erste freie Produktion überhaupt. "Das war wirklich lustig, alle fragten sich, wer wir sind. Und wollten wissen, wer hinter uns steht. Dass das Ganze aus einem Hinterhof in Wilhelmsburg kam, wollte niemand glauben." ZDF Kultur wollte einen Vertrag mit ihnen abschließen, dafür brauchten sie aber eine Produktionsfirma. Sich nach jemandem richten müssen? Auf gar keinen Fall. "Also haben wir selbst eine GmbH gegründet und waren unsere eigene Produktionsfirma", erzählt Eva. Der Name stand auch schnell: Hirn und Wanst. Schließlich sollte das Ganze sowohl Geist als auch Körper füttern. Und zwar auf lustvolle Art und Weise, wie Marco betont.

Nach gut 30 Sendungen genügte es aber irgendwie mit den Konspirativen KüchenKonzerten. Alle verlangten nach mehr, vielleicht nach einem Film. "Ja nee", meint Marco Antonio Reyes Loredo. Doch dann kam 2013 die Internationale Bauausstellung nach Wilhelmsburg. "Und wir dachten, da dreht bestimmt jemand einen Film über die Insel", erinnert sich Kerstin. "Wir haben uns schon gefreut und uns gefragt, ob die dann wohl auch uns erwähnen." Nur: Es kam niemand. "Und dann haben wir irgendwann realisiert, dass wir den Film wohl selbst machen müssen."

"Die wilde 13": Buch, Film, Theaterstück

Wie es der Zufall so wollte, hatte Kerstin Schaefer gerade ihre Magisterarbeit fertig geschrieben. "Die Wilde 13", über den Linienbus, der durch ganz Wilhelmsburg fährt und quasi eine Art Mikrokosmos darstellt. "Mit dem Bus müssen wirklich alle fahren, hier trifft der Anzugträger auf die alte Omi und den Jungen mit Migrationshintergrund." Ein Stoff, wie gemacht, um das Quartier abzubilden. "Die Wilde 13" erschien zuerst als Buch (mehr dazu: Top 5 Bücher aus Wilhelmsburg), 2013 dann als Film – produziert von Hirn und Wanst. "Tja, und so entstand unser erster Kino-Dokumentarfilm", sagt Marco. Schließlich gab's sogar eine Bühnenadaption im Thalia Theater.

Es folgten Aufträge vom Bundesverband für Popularmusik, dem Hafenmuseum Hamburg, dem Handball Sport Verein Hamburg, dem Museumsdienst Hamburg, dem Mehr! Theater am Großmarkt, der Stadtwerkstatt / Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg und anderen. Zu den Arbeiten gehörten Imagefilme, Musikvideos, Dokumentarisches.

Die Kaffeeklappe: Solide, regionale Kost in hamburgischer Tradition

Soweit das Hirn. Der Wanst bekam sein Futter ebenfalls während der Dreharbeiten zur "Wilden 13". "Eigentlich freuten wir uns den ganzen Tag darauf, was uns unser Praktikant und Produktionsassistent Volker wohl kochen würde", erzählt Kerstin. Denn so etwas wie einen leckeren und trotzdem halbwegs gesunden Mittagstisch gab es damals in Wilhelmsburg noch nicht. "Dann wurden in der Fährstraße Räume frei und wir wurden gefragt, ob wir nicht jemanden kennen würden, der sie übernehmen wollte", sagt Marco. Schließlich kannten die drei von Hirn und Wanst in Wilhelmsburg Gott und die Welt. Doch keine Frage: "Machen wir selbst."

Das war die Geburtsstunde der Kaffeeklappe, die im März 2015 mit dem (dann ehemaligen) Hirn-und-Wanst-Praktikanten Volker von Witzleben als Chef eröffnet wurde. Ganz in der Tradition der Hamburger Hafenkantinen gibt's hier kein Schickimicki, sondern solide Kost. Suppen, Salate, Schmackhaftes aus regionalen, saisonalen Zutaten. Vieles vegetarisch, manches sogar vegan (auch interessant: mehr Restaurants mit veganen Speisen in Wilhelmsburg). Das Ganze in liebevoll ausgesuchter, gemütlicher, historisch angehauchter Atmosphäre – "wir haben sogar das Stück Zollzaun, das Olaf Scholz selbst abgeflext hat", sagt Kerstin stolz. Ein stimmiges, durchdachtes Konzept, das entsprechend gut ankam. "Der Ansturm hat uns zu Beginn völlig überrascht", gibt Marco zu. Doch die Begeisterung hielt an, heute ist die Kaffeeklappe nicht mehr aus Wilhelmsburg wegzudenken.

Vom Catering zur eigenen Hochschul-Mensa

Auch Produzentenfreunde, die das hirnwanstige Trio mit in ihr Lokal schleppte, waren begeistert. "Macht ihr auch Catering?", wurden sie gefragt. Klar, warum nicht. So feierte das Thalia Theater 2015 sein Sommerfest in den Zinnwerken – mit Essen für 300 Leute aus der neun Quadratmeter großen Kaffeeklappen-Küche. Eva muss heute noch lachen. "Die hatten ein super Fest. Für uns war's halt ein bisschen stressig." Eine größere Küche wäre schon schön gewesen.

Die kam von alleine, und zwar von Seiten der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK), die ihre Mensa neu ausschrieb und bei Hirn und Wanst anklopfte. "Nö, das passt gerade echt nicht", habe er gesagt, meint Marco. Schließlich hatten sie genug mit der Kaffeeklappe und allen möglichen anderen Projekten zu tun. Doch Kerstin ließ nicht locker. Schließlich fand sie die Idee, dort Kunst und Essen zu verbinden, perfekt. "Ich wollte das unbedingt. Wir haben uns also beworben – und es erstmal nicht bekommen", sagt sie.

Kunst meets Kulinarik, II: Hirn und Wanst betreibt die Kantine der Hochschule für bildende Künste. (© Hirn und Wanst )

Und dann klappte es ganz kurzfristig doch. Marco ist immer noch fassungslos, wenn er daran zurückdenkt: "300 bis 400 Essen pro Tag, das ist schon eine andere Liga als unsere kleine, liebevoll durchdachte Kaffeeklappe." Doch sie machten es. Und schafften es. Irgendwie. Nein, nicht irgendwie, natürlich nicht. Die Mensa der HFBK zählt zu den besten und schönsten in ganz Deutschland. Ist mehr als State-of-the-Art, im Mensa-Test der FAZ und im Zeit Magazin ausgezeichnet.

"FlohZinn": Hirn und Wanst sind das Herz der Zinnwerke

Es gäbe noch so viel über Hirn und Wanst zu erzählen. Zum Beispiel, dass sie den monatlichen kulturellen Flohmarkt "FlohZinn" ins Leben gerufen haben, den jedes Mal bis zu 5000 Leute besuchen und der mittlerweile eine Art interkulturelles Stadtteilfest geworden ist. Allein dafür brauchen sie mehrere Auszubildende und Angestellte; insgesamt sind es mittlerweile um die 65. Dann gab es noch "Inselflimmern", eine Bürgerredaktion. Zinnemax, das Jugendfilmfest. Oder das Musikvideo-Projekt „BeatUp“ in Kooperation mit der Goethe-Schule Harburg. Einer der Schüler ist mittlerweile Auszubildender für Mediengestaltung Bild und Ton bei Hirn und Wanst.

Eva, Kerstin und Marco sind aber nicht nur Hirn und Wanst, sondern auch Herz – der Wilhelmsburger Zinnwerke. Sie waren die ersten, die hier ihre Wirkungsstätte fanden. "Wir sind hier sehr verwurzelt, das hier ist unsere Basis und unser Frei- und Möglichkeitsraum", sagt Marco. Diesen Raum sehen sie nun durch die Pläne der Stadt bedroht. "Wir begrüßen, dass hier am Kulturkanal etwas passiert", erklärt Kerstin, "aber wir wollen gerne unser Wissen und unsere Erfahrungen mit einbringen." Schließlich haben sie hier Vieles aufgebaut, mittlerweile haben an die 100 Hamburger und Wilhelmsburger Kreative, Künstler, Kulturschaffende und soziale Initiativen hier ihre Ateliers und Büros. Und sie alle wollen bleiben. Mehr zur Entwicklung in Sachen Zinnwerke lest ihr hier.

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