Ansichtskarte der Eimsbütteler Chaussee von 1920 (© Geschichtswerkstatt Eimsbüttel )

Wie gut kennt ihr Eimsbüttel? Zu Besuch in der Geschichtswerkstatt

Migranten- und Arbeiterviertel, Zentrum von Hamburgs alternativer Studentenszene, durchgentrifiziertes Familienparadies. Das alles war und ist Eimsbüttel. Die bewegte Geschichte des Stadtteils wird seit 1983 in der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel in der Sillemstraße aufgearbeitet.

Auch wenn sie in ihrem Jubiläumsjahr häufig kritisiert wird, verkörperte die 68er-Bewegung für viele Menschen eine sehr wichtige Sache: den Willen zum Aufbruch, zur Veränderung und zur Mitbestimmung. Auch als Mitte der 1970er die Zeit der großen Erzählungen vorbei, der Traum von der Revolution ausgeträumt war und die Studentenbewegung an inneren Konflikten zerbrach, stellten sich immer noch viele junge Menschen in der Bundesrepublik die Frage, wie sie selbst aktiv Einfluss auf politische und gesellschaftliche Prozesse nehmen konnten. Was dann folgte, war eine Wiederbesinnung auf die eigene Herkunft und Region sowie die Menschen vor Ort, die selbst Beteiligte der Geschichte waren und Geschichten zu erzählen hatten.

Das Vorbild für diese Form der Aufarbeitung der eigenen Geschichte kam aus Großbritannien und Schweden. Hier hatte in den 1960er und 1970er Jahren die sogenannte "oral history", also die Befragung von Zeitzeugen, Einzug in die Forschung und Geschichtsschreibung gefunden. Nach dem Motto "Grabe, wo du stehst" gründeten sich nun in ganz Europa Initiativen und Vereine, die die Geschichte vor Ort erforschten, Zeitzeugenberichte sammelten, Ausstellungen und Veranstaltungen zur eigenen Stadtteilgeschichte organisierten. Aus diesem alternativen Geist heraus wurde 1978 die Galerie Morgenland zunächst als Stadtteilkulturzentrum von Eimsbütteler Künsterlerinnen und Künstlern gegründet. Dass dieses Stadtteilzentrum damit zu den ersten in Hamburg gehörte, erklärt sich heute auch aus der Bewohnerstruktur der damaligen Zeit: Eimsbüttel war mit seiner Nähe zur Uni, den alternativen Kneipen und Buchläden in den 70er Jahren Zentrum der studentischen Szene und der Frauenbewegung.

Geschichtswerkstatt Eimsbüttel: Lebendige Geschichte vor der eigenen Haustür

Das erste größere Projekt einer Geschichtsgruppe von Anwohnerinnen und Anwohnern, aus dem dann heraus die Geschichtswerkstatt Eimsbüttel entstand, war 1983 die Publikation "Kennen Sie Eimsbüttel? – Einblicke in einen Hamburger Stadtteil". Das Spektrum der Themen, die hier in den vergangenen 35 Jahren erforscht wurden, umfasst mittlerweile etliche Facetten der Zeitgeschichte. Dazu gehören unter anderem städtebauliche Entwicklungen des Stadtteils seit 1860, die jüdische Geschichte im Bezirk, der Nationalsozialismus im ehemals "roten" Stadtteil Eimsbüttels, Geschichten von Migrantinnen und Migranten oder die Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen in den 1970er Jahren.

Kerstin Otto und Jörg Petersen von der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel (© Katharina Grabowski )

Das Hauptanliegen der Mitarbeiter und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Geschichtswerkstatt ist es dabei, bei den Eimsbüttelern das Interesse für die Geschichte ihrer alltäglichen Umgebung zu wecken. Behilflich dabei sind nicht zuletzt das Archiv und die kleine Bibliothek, die häufig von Schülern und Studenten, aber auch oft von Anwohnerinnen und Anwohnern genutzt wird, wenn diese zum Beispiel zur Geschichte des eigenen Hauses oder eines Straßenzugs forschen möchten. "Manchmal führt es dazu, dass Leute nach einiger Zeit wiederkommen und die Geschichte ihrer Familie oder ihre Autobiografie geschrieben haben", erzählt Jörg Petersen, der die Geschichtswerkstatt hauptamtlich leitet. Aus dem persönlichen Interesse eines Einzelnen können dann sogar Bücher entstehen, die die Werkstatt in ihr Archiv aufnimmt. Mit Freude erzählt Petersen auch vom neuesten Buchprojekt: dem Bildband "Gezweckt und aufgemöbelt" der Hamburger Fotografin Frederika Hoffmann, in dem sie die Inhaberinnen und Inhaber von Eimsbütteler Traditionsgeschäften porträtiert hat. Darunter "Fisch Schlüter" im Stellinger Weg, die "Konditorei Peukert" in der Fruchtallee, das "Leihhaus Werdier" in der Osterstraße oder auch das bekannte "Pelzhaus Schmidt", das seit Anfang 2018 geschlossen hat.

Bildband "Gezweckt und aufgemöbelt" über inhabergeführte Geschäfte in Eimsbüttel. (© Frederika Hoffmann )

Rundgänge, Lesungen und Klöntreffs für alle Eimsbütteler

Neben der Sammlung von Fotos, Dokumenten und Erinnerungen sowie der Veröffentlichung von Publikationen sind auch die Klöntreffs ein fester Bestandteil des Angebots der Geschichtswerkstatt. Hier werden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus dem Stadtteil eingeladen, die bei Kaffee und Kuchen von ihren Erlebnissen – meist zu einem bestimmten Thema – berichten. In den wärmeren Monaten des Jahres stehen außerdem auch regelmäßig Stadtteilspaziergänge auf dem Programm. Diese sind Teil der Reihe "Kiek mol", mit der die Hamburger Geschichtswerkstätten seit fast 30 Jahren Rundgänge in ganz Hamburg anbieten, bei denen Interessierte zusammen mit einem fachkundigen Ehrenamtler durch den Stadtteil spazieren und gemeinsam Orte der Geschichte erforschen. Los geht’s wieder im April 2019.

Themenabende zu Flucht, Exil und Migration

Noch bis zum Jahresende stehen alle weiteren Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt unter dem Motto "Flucht, Exil und Migration". So wird beispielsweise am 13. November 2018 der Dokumentarfilm "Revenir" im Filmraum in der Müggenkampstraße gezeigt, der die Geschichte von Kumut Imesh erzählt, der vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Elfenbeinküste nach Frankreich floh. Am 27. November 2018 wird es in einem Vortrag des Historikers und Dozenten Stephan Scholz bei "Ikonen erzwungener Wanderung" um die Bilder von Flucht und Vertreibung gehen, bevor die Regisseurin und Autorin Patricia Paweletz am 11. Dezember 2018 aus ihrem Buch "Unterwegs zu Gaby Glückselig" liest, in dem sie sich als "Kriegsenkelin" mit den Aus- und Nachwirkungen des Holocaust auseinandersetzt.

Info: Sillemstraße 79, 20257 Hamburg, Öffnungszeiten: Di & Mi 13 bis 18 Uhr, www.galerie-morgenland.de

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