Michael Westhagemann (© BWVI )

Was bewegt unsere Stadt? Ein Interview mit Hamburgs Wirtschaftssenator

Baustellen, überall Baustellen in der Hansestadt: Michael Westhagemann, Senator für Wirtschaft, Innovation und Verkehr, über die Lage auf Hamburgs Straßen.

Raus aus dem Haus und rein ins Chaos. Nicht selten empfinden Hamburger das Unterwegssein in der Stadt als reines Durcheinander – wenn es denn überhaupt zu einem Unterwegssein kommt. Hier ein Bus- und da ein Bahnausfall, dort ein Stau und, nicht zuletzt: Baustellen, überall Baustellen. Licht ins Dunkel versucht seit Ende 2018 Michael Westhagemann zu bringen. Der 61-Jährige wurde neuer Senator für Wirtschaft, Innovation und Verkehr, verschaffte sich einen Überblick über die Lage, legte los mit der Arbeit. Dass seine Aufgaben mit der Zeit nicht weniger werden – eh klar. Die Stadt steht nicht still, der Verkehr ab und an schon noch. Was Westhagemann tat, tut und tun wird: ein Gespräch.

Für mich sind alle Themen wichtig, die Hamburg zukunftsfähig machen.

Als Sie Ende 2018 Verkehrssenator wurden, wollten Sie sich zunächst einen allgemeinen Überblick verschaffen. Wie fiel Ihr Fazit aus? Standen Sie vor mehr Problemen als erwartet?
Mein Fazit war: Uff – das sind unglaublich viele Themen, die in meinem Ressort bewegt werden. Themen, die buchstäblich die Stadt bewegen sollen. Eine große Verantwortung.

Was haben Sie denn beim Amtsantritt als Ihre größte Herausforderung gesehen?
Für mich sind alle Themen wichtig, die Hamburg zukunftsfähig machen. Das Thema Mobilität ist für die Bürgerinnen und Bürger enorm wichtig. Darum haben wir hier zuerst angepackt und entwickeln sukzessive eine bessere Koordination der Baustellen, den Ausbau von Bus und Bahn, der Velorouten und auch neue Mobilitätsangebote. Natürlich stehen die Hafenentwicklung, Innovationsförderung, Start-ups, Handwerk, Mittelstand und Industrie und viele andere Themen, die den Wirtschaftsstandort Hamburg entwickeln, auf der Tagesordnung.

Die gewünschte Veränderung im Verkehrsverhalten der Bürger wurde in einem Mobilitätskonzept festgehalten. Welche Angebote sind denn seitdem entstanden?
Wir bauen die U4 weiter, wir planen die U5, eine S-Bahn im Westen, wir haben auf vielen Metrobuslinien eine Taktverdichtung. Es ist schon heute im inneren Ring der Stadt so, dass man auf sein Verkehrsmittel vielfach nur zwei bis drei Minuten warten muss. Mit dem Hamburg-Takt sollen alle Hamburgerinnen und Hamburger Zugriff auf ein Mobilitätsangebot innerhalb von fünf Minuten bekommen.

Wir haben mit MOIA einen neuen Shuttle-Dienst. Anfang des Jahres haben wir die neuen Stadträder bekommen. In der HafenCity gibt es einen Modellversuch mit einem selbstfahrenden Bus der Hochbahn. Und ioki (App für On-Demand-Mobilität; Anm. d. Red.) ist so erfolgreich, dass wir damit auch im Osten der Stadt das Mobilitätsangebot deutlich verbessern. Ich glaube, um alles zu nennen, reicht hier der Platz nicht (lacht).

Bei jeder Straßenbaumaßnahme denken wir den Radverkehr mit.

Gibt es auch schon mehr Fahrradwege als vor Ihrer Senatorenarbeit?
Klar gibt es mehr Radwege, Schutzstreifen und Fahrradstraßen. Der Ausbau der Velorouten schreitet ebenfalls voran. Bei jeder Straßenbaumaßnahme denken wir den Radverkehr mit.

Mal ganz realistisch: Ist Hamburg wirklich eine zukünftige Fahrradstadt?
Es geht hier nicht um Bezeichnungen. Mir ist wichtig: Die Menschen, die Radfahren wollen, sollen das so bequem und einfach wie möglich können und sich dabei sicher fühlen. Dafür müssen wir das Angebot bereitstellen. Und da sind wir auf einem guten Weg.

Irgendwelche Gesetze, neben zum Beispiel Dieselfahrverboten, die helfen könnten, diesen Weg ganz zu schaffen?
Gesetze oder Verbote helfen nicht. Nur ein gutes Angebot kann dazu führen, dass die Menschen ihr Auto stehen lassen und alternative Angebote wählen. Die Betonung liegt auf „wählen“ – wir wollen nichts vorschreiben.

Was ist mit E-Rollern, die vermehrt im Verkehr sind? Nur ein kurzer Trend?
Das wird sich zeigen. Im Augenblick probieren das Hamburgerinnen und Hamburger und auch Touristen aus. Es ist ein weiteres Mobilitätsangebot. Ob es sich durchsetzen wird, weiß ich nicht. Ob sie sich langfristig ins Mobilitätsportfolio unserer Stadt integrieren, hängt im Wesentlichen von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab.

In anderen Ländern gab es nach Einführung der E-Scooter zum Teil chaotische Zustände. Das wollen wir vermeiden und haben uns gut vorbereitet. Hamburg hat mit allen Sharing-Anbietern im Rahmen einer Vereinbarung wichtige Regelungen festgehalten. Damit wollen wir das geordnete Stadtbild erhalten. Ob eine gezielte Steuerung der Angebote notwendig ist, wird die Zukunft zeigen.

Ab 2020 werden wir nur noch emissionsfreie Busse anschaffen.

Ob E-Roller sich durchsetzen, ist womöglich auch eine Frage der Sicherheit. Viele Verkehrsteilnehmer fühlen sich von E-Roller-Fahrern irritiert bis gefährdet.
Nach Rücksprache mit der Polizei gibt es zurzeit sehr wenige Beschwerden.

Und die E-Busse, die Sie aktuell testen lassen: Sind die noch ziemliche Zukunftsmusik?
Keineswegs. Wir werden ab 2020 in Hamburg nur noch emissionsfreie Busse anschaffen. Die können elektrisch betrieben sein oder mit Wasserstoff. Die Hersteller müssen da Gas geben.

Ein weiteres Vorhaben von Ihnen beim Amtsantritt: die Optimierung des Baustellenmanagements. Schon etwas passiert in dieser Hinsicht?
Ganz viel. Wir ziehen alle an einem Strang und arbeiten gut zusammen. Die Baustellenhotline läuft. Wir haben für alle Bürgerinnen und Bürger unter www.hamburg.de/baustellen eine Karte online mit den wichtigsten Baustellen und Informationen.

Es gibt jetzt außerdem Koordinatoren in den Bezirken. So konnten wir schon an einigen Stellen eingreifen, um zu verhindern, dass sich zwei Baustellen ins Gehege kommen. Ich sage an der Stelle aber auch: Was kaputt ist, muss repariert werden. Und die beste Koordination führt nicht dazu, dass eine Baustelle unsichtbar wird.

Wir müssen noch über den Hafenausbau sprechen und die Digitalisierung der dortigen Industrie. Was haben Sie schon erreicht – und was müssen Sie noch erreichen?
Natürlich entwickeln wir den Hamburger Hafen kontinuierlich weiter – sowohl analog, also seine Infrastruktur, als auch digital. Erst kürzlich haben wir mit dem Ausbau der Fahrrinne der Elbe begonnen. Außerdem konnten wir die Sanierung der Oströhre des alten Elbtunnels erfolgreich abschließen, so dass diese seit April wieder zugänglich ist. Im Bereich Digitalisierung sind die Hafenunternehmen selbst bereits sehr aktiv.

Auch die Hamburg Port Authority setzt auf Digitalisierung, um die Waren- und Verkehrsflüsse im Hafen zu verbessern und die Infrastruktur smart zu machen. Wir unterstützen den smartPORT auch durch ein Digitales Testfeld – hier fördert auch der Bund – oder den Digital Hub Logistics. Doch wir ruhen uns nicht auf dem Erreichten aus. So planen wir jetzt bereits einen Ersatzbau für die in die Jahre gekommene Köhlbrandbrücke. Wir werden auch neue Flächen im Hafen bereitstellen und so den Standort stärken.

Kurzer Blick voraus: Welche Verbesserungen in der Hamburger Mobilität erwarten Sie sich noch bis zum Ende Ihrer ersten Amtsperiode?
Wir werden weitere Straßen und Brücken saniert haben. Die neue Wilhelmsburger Reichsstraße wird fertig sein, der Tunnel Schnelsen eröffnet. Auf vielen Buslinien werden wir eine Taktverdichtung haben, mehr U- und S-Bahnen werden barrierefrei sein. Die Velorouten werden weiter wachsen, ebenso die Fahrradwege. Es wird neue StadtRAD-Stationen geben und mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Auch die Fußgängerinnen und Fußgänger werden an vielen Stellen breitere Wege und eine bessere Aufenthaltsqualität haben. Das ist eine ganze Menge.

Melde dich für unsere kostenlose Zusammenfassung aller News aus deinem Viertel an. Jede Woche neu.

Jetzt kostenlos anmelden

Weitere Artikel aus deinem Viertel

kiekmo verbindet Hamburger mit ihrer Stadt, ihrem Viertel, ihren Nachbarn.

Suche und biete, was du brauchst oder kannst, entdecke ständig Neues und nutze die kostenlosen Schließfächer der Haspa-Filialen in deiner Nähe.