Von Altona nach Diebsteich: Bahnhof-Umzug mit Hindernissen

Demnächst soll der Altonaer Bahnhof nach Diebsteich umziehen. Der Umzug kostet hunderte Millionen Euro und ist ein Hamburger Vorzeigeprojekt. Doch es gibt auch Widerstand.

Michael Jung schwingt sich aufs Fahrrad. Er spricht fast ununterbrochen, auch wenn er radelt. Zwei Stunden wird die Tour an diesem Tag dauern. Während Fakten und Kritik aus ihm heraussprudeln, sucht er sich seinen Weg durch das gigantische Neubaugebiet an der Harkortstraße. Sein roter Anorak flattert im Wind. Ab und zu rückt er seine dunkelblaue Schirmmütze zurecht, jene mit dem Logo der Kreditanstalt für Wiederaufbau an der Seite. Die Rohbauten der ersten neuen Wohnhäuser lässt er links liegen, die haushoch gestapelten Bierkisten der Holstenbrauerei rechts. Plötzlich versperrt ihm ein Bauzaun den Weg.

Michael Jung kämpft mit seiner Bürgerinitiative gegen die Pläne von Stadt und Bahn (© Philipp Jung )

„Die Käufer der Wohnungen haben etwas unterschreiben müssen“, ruft er. Die Investoren, die hier die Häuser hochziehen, hätten von den neuen Eigentümern verlangt, nicht wegen Bahnlärm und Brauereigeruch nachträglich eine Minderung des Kaufpreises zu verlangen. „So sichern die sich ab, sollten Brauerei und Fernbahnhof doch nicht verlegt werden“, sagt er, während er umständlich wendet. Seine Reifen haben sich zentimetertief in den gelben Sand der Baustelle gegraben.

Bürgerinitiative gegen den Umzug

Die Deutsche Bahn und die Stadt Hamburg wollen den Altonaer Bahnhof nach Diebsteich verlegen. Nur die S-Bahn soll weiter dorthin fahren. Michael Jung will das nicht. Der Rentner hat deshalb die Bürgerinitiative „Prellbock“ gegründet. Seit Jahren kämpft er mit seinen Mitstreitern gegen Bahn und Stadt und die Pläne, den Zugverkehr vom Altonaer Bahnhof nach Diebsteich zu verlegen, um Platz für das riesige, prestigeträchtige Neubauprojekt „Mitte Altona“ zu schaffen. Auch die Holstenbrauerei soll deshalb umziehen, in den Hamburger Süden. Schließlich wird so Wohnraum geschaffen und gleichzeitig der Zuglärm reduziert. Außerdem entstehen neben schicken Apartments auch Sozialwohnungen, im Verhältnis zwei zu eins. Doch in Jungs Augen geht das alles auch anders: billiger, schneller, transparenter und ohne den Fernbahnhof zu verlegen.

Werben für den Umzug

Der Pressesprecher der Bahn für den Regionalbereich Nord, Egbert Meyer-Lovis, sitzt in einem kleinen, hellen Konferenzraum im obersten Stock eines Büroneubaus in Hammerbrook. Hier hat die Bahn ihre Hamburg-Zentrale. An Meyer-Lovis' Hand glänzt ein Siegelring. Vor ihm auf dem Tisch liegen Prospekte der Bahn über den geplanten Bahnhofsumzug. In ihnen sind neben Plänen und Luftbildern auch Illustrationen im Graffiti-Stil zu sehen. Sie zeigen Altonaer Bürger, wie sie sich selbst gern sehen: jung, im Trend, grün. Die Deutsche Bahn möchte sie so für sich und für das Projekt gewinnen. Damit springt sie über ihren eigenen Schatten. Für die Bahn gibt es nur Sachbeschädigung, Street Art ist ihr fremd. Jetzt hat sie sie selbst gedruckt.

Zu den hübschen Illustrationen passen auch die Argumente der Bahn für die Verlegung: Nach DB-Angaben spart sie etwa Rangierfahrten, was 370 Tonnen weniger Kohlendioxidausstoß jährlich bedeutet. Zudem sind laut Zahlen der Bahn nur etwa 5.000 der 130.000 Menschen, die täglich in Altona umsteigen, Fernbahnkunden. Das örtliche kleine und große Gewerbe würde also aus Sicht der Bahn nicht allzu sehr leiden, wenn keine Regional- und Fernzüge mehr in Altona halten. Noch dazu, auch das versichert Meyer-Lovis, wird von den 125 Bahnmitarbeitern in Altona niemand entlassen werden. Die Angestellten werden vielmehr mit dem Bahnhof umziehen. Sogar die Alternativvorschläge der Bürgerinitiative haben die Bahner geprüft. Ihr Urteil: So leider nicht machbar, der Betrieb am Altonaer Fernbahnhof wäre auch mit den Vorschlägen von „Prellbock“ nicht aufrechtzuerhalten. Die Bahnhofsverlegung scheint alternativlos zu sein.

Point of no return

„Was nun auf die Bahn zukommt, sind die Kosten für die gesamte Verlegung des Bahnhofes“, sagt Meyer-Lovis. Die würden insgesamt bei rund 360 Millionen Euro liegen. Für ihn ist längst ein Point of no return erreicht: Schon vor Jahren hat die Bahn die Grundstücke für das neue Wohngebiet verkauft. Im nächsten Jahr soll es mit dem Umzug losgehen, 2023 soll alles fertig sein, geht es nach den Bahnern.

Das Feuchtbiotop am Bahnhof Diebsteich soll zugeschüttet werden

Was dann in Diebsteich geschieht, beschäftigt auch die Hamburger Handelskammer. In Zimmer 352 der Kammer hängt eine riesige Landkarte von Hamburg mit vielen roten Markierungen. In diesem Zimmer arbeitet Jan-Oliver Siebrand, er leitet die Abteilung der Kammer für Stadtentwicklung. Längst hat er eigene Pläne für das Gebiet um den neuen Bahnhof in Diebsteich entwickeln lassen. Eine Mehrzweckhalle für Konzerte und Party-Events, Sportplätze auf dem Dach der Lagerhalle eines Großhändlers, ein Parkhaus, ein Hotel, ein Kongresszentrum.

Bis spätestens 2024 muss dieser Bahnhof in Diebsteich stehen.

Die Pläne der Kammer stehen im Widerspruch zu dem, was die Stadt für das Viertel plant. Die Stadt, das ist in diesem Fall Dirk Kienscherf, Experte für Stadtentwicklung der Hamburger SPD und Bürgerschaftsabgeordneter. „Realistisch ist der Bau einer Parkanlage, also ohne Einnahmen, über eine große Gleisanlage bei laufendem Betrieb, nun wirklich nicht“, sagt er. „Bis spätestens 2024 muss dieser Bahnhof in Diebsteich stehen, aber was danach kommt, dafür werden wir uns mehr Zeit nehmen“, sagt er. Mit der städtebaulichen Entwicklungsplanung hätten sie jetzt Vorkaufsrechte geltend gemacht.

Millionen von der Stadt

Kienscherf plant zwei Hochhäuser mit je 16 bis 20 Stockwerken beim Diebsteich, sozusagen als Bahnhofsempfangsgebäude. Die Grundstücke hat die Stadt bereits gekauft. Auch hat Kienscherf durchgesetzt, dass der neue Bahnhof in Diebsteich längere Bahnsteigüberdachungen bekommt. Rund 30 Millionen wird das Ganze die Stadt etwa kosten. Langfristig stellt er sich eine Entwicklung wie in Altonas Mitte vor, also mehr Wohnhäuser mit einem Drittel Sozialwohnungen.

Wo gerade die Mitte Altona entsteht, rauschen noch die Fernzüge vorbei. Damit soll bald Schluss sein (© Philipp Jung )

Michael Jung hält an und steigt vom Fahrrad ab. Er ist jetzt mitten im Niemandsland zwischen Altona und Diebsteich angekommen. Nun ist er nur noch von Schotter, Büschen, alten Schwellen und Gleisen umgeben. Links und rechts rauschen und rattern Züge an ihm vorbei. Er schaut nach vorne, in die Ferne, wo klein der S-Bahnhof Diebsteich zu erkennen ist. 30 Jahre lang war Jung SPD-Mitglied. Dann ist er ausgetreten, wegen der Rentenreform und den Hartz-IV-Gesetzen. Als er noch berufstätig war, hat er sich auch mit Bahnbelangen befasst, um die Waggonbeschaffung hat er sich damals zum Beispiel gekümmert. Seine Bürgerinitiative hat dem neuen Bahnvorstand geschrieben. In dem Brief prangert er die Missstände des Projekts an: Die mangelnde Bürgerbeteiligung, die fehlende Transparenz und die Gefahr, dass die Kosten steigen zum Beispiel. Den Bahnvorstand fordert er auf, das Projekt zu stoppen. Er bekam eine freundliche, aber abschlägige Antwort.

Mehr Informationen:
www.bahnprojekt-hamburg-altona.de

Autor: Sebastian Grundke

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