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Verwaist und vergessen: Sterben Hamburgs Einkaufsstraßen aus?

Wann wart ihr zuletzt zum Shoppen in der Mönckebergstraße? Vermutlich ewig nicht mehr. Hamburgs Haupteinkaufsstraßen büßen immer mehr Kunden ein, das zeigt die jährliche Passanten-Zählung. Doch woran liegt es?

Die Grillen zirpen, irgendwo weht einer von diesen losen Heuballen aus Wild-West-Filmen über die Straße (Anm. d. Red.: Die Teile heißen "Steppenläufer"). Die Hamburger Einkaufsstraßen sind kein quirliges Shopping-Pflaster mehr – das zeigt auch der bundesweite Vergleich.

Zahlen belegen: Wir bilden uns das nicht ein

Drei Jahre in Folge rutscht die einstige Flaniermeile Mönckebergstraße ab, das zeigt die jährliche Passanten-Zählung der Immobilienfirma Jones Land LaSalle (JJL). Am 14. April waren es in der Mönckebergstraße gerade einmal 8.800 Passanten pro Stunde. Das mag sich nach viel anhören, doch der traurige Vergleich mit anderen deutschen Metropolen zeigt ein anderes Bild: Auf der Zeil in Frankfurt und der Kaufinger Straße in München schwirren fast doppelt so viele Kunden mit Einkaufstüten durch die Straßen.

Vor drei Jahren noch schaffte es die Mönckebergstraße bundesweit auf Platz fünf, im Vorjahr begnügte sie sich mit Platz acht, nun muss sie sich mit Platz zwölf abgeben. Auch Hamburgs Einkaufsstraße Nummer 2, die Spitalerstraße, befindet sich im kontinuierlichen Sinkflug: Sie fällt von Platz 21 auf Platz 24 zurück. Sprechen die Zahlen für das schon lange prophezeite Aussterben der Innenstadt-Kultur? Nur bedingt. Denn bundesweit gesehen geht die Zahl der Innenstadt-Besucher nur um einen Prozentpunkt zurück, der Jungfernstieg zum Beispiel verlor allerdings gleich 14 Prozent seiner kauffreudigen Kundschaft. Das ist auffällig – und laut JLL auf die gewachsene Kriminalität auf dem Jungfernsteig zurückzuführen. Ob es so einfach zu erklären ist?

Wenn man bedenkt, dass Hamburg Deutschlands zweitgrößte – und seien wir mal ehrlich – ersttollste Stadt ist, regt die Shopping-Situation zum Nachdenken an. Angefangen beim eigenen Shopping-Verhalten.

Die Gründe: Schaut auf euer eigenes Shopping-Verhalten

Auch ich gehöre zu denen, die seit Jahren den Bereich rund um die Mönckebergstraße nicht mehr betreten haben. Die Gründe dafür sind zahlreich. Fangen wir bei der wichtigsten Frage an: Können wir dem bösen, bösen Online-Handel die alleinige Schuld in die – nicht anprobierten, aber sehr schnell gelieferten – Schuhe schieben? Wohl kaum. Auch ich kaufe gern online, aber nicht ausschließlich, und das habe ich auch nicht vor.

Wer sein eigenes Einkaufsverhalten über die letzten Dekaden beobachtet, wird festgestellt haben: Hamburg ist keine attraktive Shopping-Stadt. Die Hamburger Einkaufsstraßen sind irgendwo zwischen schnöselig und Mainstream: Schöne Tüten von Lacoste und Hermés treffen auf quietschbunte Tüten der Läden, in denen ich mit 14 eingekauft habe und die immer noch da sind. Mein Gesicht spiegelt sich abwechselnd in kalten Schaufenstern, in denen ich mir nichts leisten kann, oder in Schaufenstern, in denen billige Mode ausgestellt wird, die morgen reif für die Mülltonne ist.

Shoppen in Hamburg ist anstrengend. Hätte ich mit 14 einen Fitness-Tracker getragen, wäre ich bei meinen Streifzügen durch die Innenstadt vermutlich einen Halbmarathon gelaufen: Die Läden von Interesse sind weit verstreut. Im Urlaub – egal wo – macht es mir mehr Spaß, durch kleine Gassen und Boutiquen zu flanieren. Umgekehrt wirkte es bei meinen letzten Ausflügen ins einstige Hamburger Shopping-Mekka so, als sei die Hamburger Innenstadt nur noch von Touris bevölkert. Teenies vom Lande, die ihre Eltern zu den ganz großen Playern zerren und stolz ihre Tüten umhertragen. Es riecht. 2012 breitete sich die Dunstwolke von Abercrombie & Fitch aus – ich weiß nicht, ob sie noch da ist, und ich werde es in diesem Leben vielleicht nicht mehr herausfinden.

Weniger ist mehr

Die Ausflüge zu Zara, oft in Begleitung meiner kaufwütigen Mutti, waren nur so lange das Highlight meines Teenie-Lebens, bis Zara an jeder Ecke zu finden war und alle in den gleichen Outfits durch die Gegend liefen. Die Outfits von H&M: eine moderne Uniform. Und überhaupt: H&M und Görtz finden sich auch in der Ottenser "Innenstadt". Kein Grund, dafür in die S-Bahn zu steigen. Auch Geschenke und Kinderkleidung finde ich in meinem eigenen Stadtteil, meinem Wohlfühl-Areal.

Die Boutiquen in Ottensen oder Eimsbüttel protzen nicht mit großer Auswahl, aber sie sind handverlesen. Wer die Teile im Schaufenster ansprechend findet, wird in der Regel auch im Ladeninneren fündig – und ist vor allem bei kleinen Läden schnell durch mit der Angelegenheit, hat Zeit für anderes. Für Cafés und Bars zum Beispiel.

Auch in anderer Hinsicht greift das "Weniger ist mehr"-Prinzip: Unsere Stadt und ihre Bewohner bewegen sich mehr in Richtung Nachhaltigkeit: Wir setzen mehr auf Regionalität, Fair Trade, Qualität, Langlebigkeit. Wir erstöbern Liebhaberstücke auf Flohmärkten, wir schmeißen weniger weg, möchten weniger konsumieren. Wenn das der Grund ist, warum die Innenstädte leerer werden, würde ich mich persönlich darüber freuen.

Shopping-Tipps aus den Vierteln

Was ist mit euch, geht ihr zum Shoppen noch in die Hamburger Innenstadt? Lasst es uns wissen! Wer mehr in die eigenen Viertel horchen möchte, für den haben wir hier ein paar Tipps: zum Beispiel Hamburger Modelabels, die ihr auf dem Schirm haben solltet, schöne Kinderläden in Ottensen oder auch Vintage-Läden in Wandsbek. Wir wünschen euch viel Spaß beim Stöbern!

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