Strassenblues e.V. )

Bundestagswahl: Ohne Heim, aber mit Stimme

Nikolas Migut und sein Verein Straßenblues wollen mit der Aktion "Straßenwahl" Wohnungslose motivieren, wählen zu gehen – das stärkt die Demokratie und das Selbstvertrauen der Menschen am Rande der Gesellschaft.

kiekmo: Nikolas Migut, was hat dich motiviert, die Straßenwahl zu initiieren?

Nikolas Migut: Die Idee ist aus einem Gespräch mit meiner Frau Milena entstanden, als wir uns über die momentanen politischen Zustände in Europa und den USA ausgetauscht haben. Gefühlt geht gerade die Demokratie vor die Hunde und wir wollten unseren Verein nutzen, um etwas dagegen zu tun.

Die Obdachlosen wissen oft nicht, dass sie eine Wahlstimme haben, die genauso zählt wie alle anderen. Und wie sie wählen können, wissen sie meist auch nicht

Wählen zu gehen bei der anstehenden Bundestagswahl fördert die Demokratie, und da kam uns in den Sinn, dass die Obdachlosen oft nicht wissen, dass sie eine Wahlstimme haben, die genauso zählt wie alle anderen. Und wie sie wählen können, wissen sie meist auch nicht.

Ihr wollt Stimmen generieren?

Ja, aber nicht nur. Auf der einen Seite wollen wir die Obdachlosen aufklären, wie sie wählen gehen können und sie motivieren, dies auch zu tun. Dafür möchten wir sie ganz objektiv darüber aufklären, welche Parteien es gibt und was diese planen. Das neutralste Mittel ist dabei der Wahl-O-Mat von der Bundeszentrale für politische Bildung. Mit Hilfe von Tablets bieten wir den Obdachlosen eine Möglichkeit, sich zu informieren, damit sie nicht irgendwo ein Kreuz machen. Die andere Gruppe, die wir erreichen wollen, sind die Nichtwähler. Wir hoffen, dass unsere Plakatkampagne, bei der Horst als wohnungsloser Wähler zu sehen ist, Menschen zum Nachdenken anregt: „Wenn er sich als Wohnungsloser informiert hat und wählen geht, warum mache ich das eigentlich nicht?“

Das klingt aufwendig. Wie setzt ihr das um?

Das ist tatsächlich nicht so einfach, denn momentan fehlt uns noch ein Teil der finanziellen Mittel. Wir machen auf jeden Fall Flyer mit einer „Schritt für Schritt“-Anleitung für Obdach- und Wohnungslose: Welchen Antrag müssen sie ausfüllen, wo machen sie das und wo können sie überhaupt wählen gehen. Das könnten wir auch bundesweit leisten. Die Nichtwähler wollen wir mit Plakaten und Freecards erreichen, die in sechs großen Städten verteilt werden sollen. Und wir produzieren Videos für die virale Verbreitung. Wir versuchen gerade, über Crowdfunding die restliche Summe zu erreichen.

(© Straßenblues e.V. )

Parteiprogramme greifen oft populäre Bereiche auf, von denen ein Obdachloser nicht partizipiert. Warum sollte ein Obdachloser wählen gehen?

Wie überall in der Gesellschaft sind auch unter ihnen einige, die von der Politik enttäuscht sind, weil mutmaßlich nichts für sie getan wird. Doch ein wichtiger erster Schritt ist, dass sie mal wieder zu einem Amt gehen, um ihre Angst davor zu verlieren. Und es gibt ja auch einige Parteien, die sich für die Schwächeren der Gesellschaft einsetzen. Wir hoffen, dass der Wahl-O-Mat Fragen beinhaltet, die sich beispielsweise auf Wohnungsbau beziehen, auf soziale Leistungen oder im weitesten Sinne auf Armutsbekämpfung, unabhängig von der Partei. Darüber hinaus spreche ich mit vielen Obdachlosen und weiß, dass sie sich auch für andere Themen interessieren, lokale aber auch Umweltthemen und dazu eine klare Haltung haben. Das Wichtigste für uns ist, dass im Rahmen dieser Aktion ein Austausch zwischen Wohnungslosen und Nicht-Wohnungslosen stattfindet.

In der öffentlichen Wahrnehmung kämpfen Obdachlose um das tägliche Überleben, immer auf der Suche nach einem Unterschlupf und oft alkohol-abhängig. Schwer vorstellbar, dass in dieser Lebensform Politik überhaupt Raum findet. Ist das ein Klischee?

Die meisten Menschen denken sofort an die wenigen Obdachlosen, die das Straßenbild prägen, weil man sie als obdachlos erkennt. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Erst einmal muss man unterscheiden zwischen obdachlos und wohnungslos. Es gibt bundesweit etwa 335.000 Wohnungslose mit steigender Tendenz. Und 39.000 Obdachlose, die also ohne jede Unterkunft auf der Straße leben. Bei vielen, die unter der Brücke schlafen und „Platte machen“, ist es tatsächlich so, dass sie im Kopf keinen Raum haben, um über Politik nachzudenken. Diese Menschen, die oft unter psychischen Schwierigkeiten oder unter Abhängigkeiten leiden, werden wir auch nicht erreichen. Die Wohnungslosen, die einfach nur keine eigene Wohnadresse haben, haben mehr Möglichkeiten, sich zu informieren. Nur hat kaum jemand diese Menschen im Kopf, weil sie sich optisch nicht von Menschen mit einem Zuhause unterscheiden.

Glaubst du, dass die Aktion funktioniert?

Für mich ist der qualitative Erfolg am wichtigsten. Wenn wir erreichen, dass Menschen sich austauschen, miteinander ins Gespräch kommen, Vorurteile abgebaut werden, dann ist die quantitative Anzahl nicht entscheidend. Diese Aktion haben wir ins Leben gerufen, weil wir uns nicht ohnmächtig fühlen wollen und deshalb einfach handeln. Auch wenn wir nur ein kleiner Haufen von Menschen sind, die sich für die Demokratie einsetzen. Es wäre sehr schade, wenn jeder es einfach laufen lässt.

Warum kümmerst du dich um Obdachlose?

Die Geschichte geht bis 2012 zurück. Während ich eine NDR-Reportage über Obdachlose am Berliner Zoo gedreht habe, bin ich Alex begegnet. Er hat mich fasziniert, wie er mir seine sehr traurige Geschichte erzählt hat und dabei trotzdem dieses Leuchten in den Augen hatte. Ich habe ihn dann eine Nacht durch die Straßen begleitet und daraus ist ein erster Kurzdokumentarfilm entstanden. Diesen habe ich auf Filmfestivals gezeigt und die Zuschauer waren sehr berührt, sind auf mich zugekommen und haben mich nach Alex gefragt, wie es ihm geht und was er jetzt macht. Da ich es nicht wusste, habe ich mich auf die Suche nach ihm gemacht, und ihn schließlich in Neumünster gefunden. Aus meiner erneuten Begegnung mit ihm ist die Dokumentation „Straßenblues“ entstanden. Heute ist Alex Teil unseres Vereins, den wir im November 2016 gegründet haben.

Er war ausschlaggebend?

Ich habe gemerkt, dass ich mit einem Video Menschen erreiche, sie zum Nachdenken anregen kann, so dass sie auch aktiv werden und beispielsweise spenden. Und vielen Obdachlosen ist es sehr wichtig, dass sie ihre Geschichte erzählen können.

Du bezeichnest dich als Storyteller und nicht als Sozialarbeiter. Wie unterscheidet sich das in deinem Wirken?

Wir erzählen die Geschichte der Menschen. Über Videos zeigen wir den Menschen dahinter und wollen Aufmerksamkeit schaffen. Aber wir sind nicht diejenigen, die Wohnungen vermitteln oder als regelmäßiger Ansprechpartner da sind. Sozialarbeiter haben die Expertise und sind direkt an der Basis. Wir arbeiten mit ihnen eng zusammen und tauschen uns aus, hier in Hamburg sind es das Jesus-Center, Pik As oder die Heilsarmee.

Aber ihr fördert auch obdachlose Künstler ...

Manchmal können wir Obdachlose unterstützen, indem wir ihre Talente fördern. Das ergibt sich eher zufällig. Günter, ein talentierter Musiker, hat mit einem Musikproduzenten einen Song aufgenommen. Da Günter sehr krank ist und nicht mehr lange zu leben hat, haben wir seinen letzten Wunsch erfüllt, noch einmal vor großem Publikum zu spielen. Horst, der das Gesicht unserer Straßenwahl-Kampagne ist, kann wunderbar Holz schnitzen. Wir wollen ihm helfen, seine Arbeiten zu verkaufen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Informationen: www.strassenwahl.de

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