Haben die Fairtrade-Treter nach Hamburg gebracht: Store-Leiter Elias Assefa und die Gründerin von soleRebels, Bethehem Tilahun Alemu. (© soleRebels )

Schuhe aus Autoreifen: Deutschlands erster "soleRebels" Store in Hamburg

Als erstem Schuhlabel überhaupt wurde der äthiopische Marke "soleRebels" das Fairtrade-Zeichen verliehen. Auf St. Pauli hat nun der erste Flagstore in Hamburg aufgemacht. Die Geschichte hinter Schuhen, deren Sohlen aus recycelten Autoreifen bestehen.

Es ist nicht nur die Geschichte eines Fair-Trade-Unternehmens, sondern die Lebens- und Erfolgsgeschichte zweier Äthiopier. Mit nur 14 Jahren flüchtete Elias Assefa alleine nach Deutschland – nun führt er den ersten "soleRebels"-Laden in Hamburg. Wie ist es dazu gekommen? Er hatte von einer Äthiopierin gehört, die in einem Vorort von Addis Abeba eine Schuhfirma gegründet hatte: Bethlehem Tilahun Alemu. Elias kontaktierte sie, lernte sie kennen und holte gemeinsam mit ihr "soleRebels" nach Hamburg. Im Neuen Kamp auf St. Pauli könnt ihr die bequemen Treter jetzt kaufen. Der Clou: Die Schuhe sind nicht nur Fair Trade, ihre Sohlen bestehen auch noch aus recycelten Autoreifen. Wie 2004 alles begann, was es Bethlemen Tilahun Alemu bedeutet, die erste Schuhproduzentin zu sein, der überhaupt das Fairtrade-Siegel verliehen wurde und was sie sich für ihr Heimatland wünscht, lest ihr im Interview.

Bethlehem Tilahun Alemu gründete soleRebels 2004. Ihr ist vor allem wichtig, dass die Produktion nachhaltig und die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter fair sind. (© soleRebels )

Bethlehem, du hast soleRebels in Zenabwork gegrün­det, einem kleinen Vorort der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba – wie sah und sieht es dort aus?
Das ist ein kleines Dorf mit 5000 Einwohnern. Ich wurde dort geboren, bin dort aufgewachsen, und meine gesamte Familie lebte dort in einer sehr armen Nachbarschaft unter ähnlichen Verhältnissen. Als unsere Schule damals geschlossen wurde, haben meine Brüder und ich viel Zeit mit den Kindern dieser Nachbarschaft verbracht: Die Menschen dort sind sehr talentiert und warten auf die Möglichkeit, das der Welt zu zeigen. Meine Familie lebt heute noch in Zenabwork. Es hat sich wenig verändert.

Was für Einsichten hast du in der Zeit in Zenabwork gewonnen?
Mir ist aufgefallen, dass Menschen, selbst wenn sie nicht das Geld verdienen, das sie für ihre Arbeit bekommen sollten, trotzdem weitermachen. Menschen, die hart arbeiten, sollten am Ende wenigstens in der Lage sein, ihre Familie zu ernähren. Mit diesem Vorsatz habe ich 2004 mein Unternehmen gegründet.

Wie sah die erste Produk­tionsstätte, der erste Verkaufs­raum aus?
Meine Oma hatte eine kleine Fläche für den Laden. Damals waren die Produktionsabläufe noch sehr schlicht: Die benötigten Materialien Leder, Baumwolle und ausrangierte Autoreifen waren einfach und kamen alle aus der Region.

"soleRebels": Für den Anfang lieh sich Bethlehem Geld bei ihrer Familie

Gab es Hürden?
Um damit zu beginnen, brauchten wir ein Startkapital von 5000 Dollar. Das Geld kam von meiner Familie. Es war wirklich sehr schwierig – die ersten zwei Jahre war das Geschäft alles andere als erfolgreich.

Trotzdem stand deine Familie weiter hinter dir. War es das Vertrauen in dich oder die Hoffnung für die Familie?
Ich glaube, es hat viel mit beidem zu tun. Meine Eltern und auch mein Mann wollten sehen, wie weit ich mit meiner Geschäftsidee komme. Natürlich haben sie gehofft, dass ich es schaffe. Es hätte aber auch schiefgehen können – das ist das Risiko, das sie auf sich genommen haben. Dafür braucht es Vertrauen. Meine Mutter und mein Vater haben beide trotzdem oft genug gesagt, dass ich wieder zur Schule gehen solle. Aber ich habe mich nun mal für den anderen Weg entschieden.

Das Unternehmen ist auch ein Statement gegen das Ent­wicklungsland-­Image und für Afrika auf dem Weltmarkt – mit welchem Ziel?
Nach meiner Erfahrung bedeutet die Gründung einer internationalen Marke wie soleRebels für die Menschen, die dort arbeiten, ein Ozean an neuen Möglichkeiten, die sie sonst nicht gehabt hätten. Vor allem sich und ihr Land weiterzuentwickeln, in einem Kontext, in dem sie bisher nur Abneigung erfahren haben. Ich wollte und will das ändern.

Autoreifen sind nicht nur unter den Schuhen, sondern geben auch eine gute Ladendeko ab. (© soleRebels )

"Ich möchte den Menschen eine Zukunft in ihrem eigenen Land ermöglichen."

Wie?
Menschen wünschen sich eine faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Überall. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen eine Zukunft in ihrem eigenen Land zu ermöglichen. Deshalb möchte ich möglichst viele Leute anstellen, die dann ihre Familien ernähren können. Ich sehe darin einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Armut, Hunger, Elend. Vielleicht müssten dann auf lange Sicht auch weniger Menschen fliehen.

Glaubst du, dass deine Idee ein Startschuss für die gesamte Branche sein kann?
Absolut, ja. Wir haben in Äthiopien bereits die Tür für junge Unternehmer geöffnet, damit sie ihre Erfahrungen mit den Menschen teilen und ihre Produkte an verantwortungsvolle Konsumenten verkaufen können. Ich bin nicht mehr die Einzige, die dort eine Marke gegründet hat.

Was unterscheidet vor diesem Hintergrund einen lokalen Shop von einem Online­-Store?
Die Überlegung ist folgende: Es ist zwar möglich, seine Produkte ausschließlich online zu vermarkten und zu verkaufen. Aber wenn das erst mal läuft, ist es genauso möglich, einen lokalen Shop zu eröffnen – und dort die Produkte für die Menschen dann spürbar zu machen und seine Erfahrungen zu teilen. In einem reinen Onlinebusiness kannst du deine Story nicht weitergeben. Aber die Geschichte ist wichtig. Wer sind die Menschen dahinter? Welche Motivation hatten sie, so eine Anstrengung auf sich zu nehmen? Mit wem arbeitet das Unternehmen zusammen und warum? Es gibt tausend Dinge zu erzählen, die Mensch und Produkt in eine völlig neue Beziehung treten lassen.

Angeboten werden Slipper, Sandalen und Boots in vielen Farben. (© soleRebels )

"Jeder profitiert im Produktionsprozess. Das ist für mich Fairtrade."

Und welche Materialien sehen und fühlen die Kunden heute in den Stores?
Wir verwenden noch immer hauptsächlich Baumwolle, Leder und recycelte Autoreifen, haben uns aber natürlich optimiert, was die Beschaffenheit der einzelnen Elemente betrifft. Wir verarbeiten die Materialien nun so, dass wirklich unglaublich bequeme Schuhe herauskommen, die man einfach überall gerne trägt. Deshalb erzeugen wir auch eine große Bandbreite von Designs und Farben. Wir folgen dabei den Trends und dem, was die Menschen gerne tragen und versuchen, sowohl fair als auch stylish zu sein.

Stichwort Fairtrade: Was be­deutet das Siegel für dich?
Die Leute reden viel über Fairtrade. Für mich hat diese Auszeichnung vor allem mit den Arbeitsbedingungen zu tun und mit den Rohstoffen, die wir verwenden. Wir kümmern uns darum, dass das Basismaterial gut und sauber ist und gleichzeitig darum, unsere Angestellten vernünftig zu bezahlen. Das ist die Grundlage. Wenn die Produktion beginnt, verzichten wir auf Chemikalien und im Versand auf Plastiktüten und ähnliches. Jeder profitiert im Produktionsprozess. Das ist für mich Fairtrade.

Was ist mit dem Erdöl in den Auto­reifen, wenn ich die Schuhe wegschmeißen muss? Ist das ein Dilemma für dich?
Ja, das ist es. Absolut. Es ist immer Raum da, um besser zu werden. Mit allem was wir tun. Aber bis dahin kann man die Schuhe auch recht einfach selbst reparieren.

Zum Abschluss eine obligato­rische Frage im Hinblick auf die Verbesserung der Welt: private Angelegenheit oder Aufgabe der kritischen Masse?
Jeder hat eine Wahl. Egal ob Schuhe oder Apfel: Es ist unsere Wahl, was wir essen oder tragen. Es beginnt bei uns, bei jedem einzelnen Individuum. Von dort aus erreicht es die Familie, die trägt die Ideale in das Milieu und von dort gelangt die Idee schließlich ins ganze Land. Das hört sich einfach an, wie ein Selbstläufer, nach meiner Auffassung erwächst dadurch aber für jeden auch eine eigene Verantwortung. Also: Es ist Privatsache.

Wo: Neuer Kamp 3, 20359 Hamburg;
Wann: Mo–Fr 11-19 Uhr, Sa 10-19 Uhr
Netz: www.solerebels.com

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