Blick aus dem Hof hinter der Roten Flora ins Schulterblatt. (© kiekmo )

Warum heißt die Sternschanze eigentlich Sternschanze?

Die Schanze: das Paradebeispiel für Gentrifizierung, zwischen alternativer Linker, Designerläden und jeder Menge Restaurants aller Art. Woher kommt der Name? Und was hat die Geschichte zu bieten?

Wo ist die Schanze? Diese Frage scheint auf den ersten Blick sehr banal. Die Schanze, das ist das Viertel rund um das Schulterblatt, klar. Susannenstraße, Schanzenstraße, Sternstraße, dazu die Quersträßchen. Tatsächlich ist die Sternschanze der kleinste Stadtteil Hamburgs, misst nur 0,6, wenn auch sehr eng besiedelte, Quadratkilometer – und er wurde erst am 6. März 2007 offiziell geschaffen. Und zwar nicht deckungsgleich mit dem schon vorher bestehenden Schanzenviertel, was die Frage weniger banal macht.

Schanzenviertel und Sternschanze: zwei verschiedene Dinge

Denn zu ihm zählen nicht nur das Viertel Sternschanze, sondern auch das heute zum südlichen Eimsbüttel gehörende Gebiet um die Weidenallee mit ihren kleinen, liebevoll geführten Einzelhandelsläden. Manche verorten auch das Karoviertel rund um die Marktstraße, Heimat vieler Jungdesigner, noch zum Schanzenviertel. Offiziell ist das aber – genau wie die Messe – St. Pauli. Was diese gefühlte, größere Schanze eint, ist die Postleitzahl: 20357. Plus einen Zipfel 22769 zwischen Schulterblatt und Stresemannstraße.

Namensgebend war eine Verteidigungsanlage

Die fünfstelligen Zifferncodes gibt es seit den 1990er-Jahren, die Schanze schon viel länger. Namensgebend für das Viertel war eine starke, sternförmige und mit den Wallanlagen verbundene Verteidigungsanlage aus dem Jahr 1682, an der nicht zuletzt die dänische Belagerung (1686) scheiterte. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, sie wurde im 19. Jahrhundert größtenteils abgetragen. 1866 wurde der an der Verbindungsbahn zwischen Hamburg und dem damals noch dänischen Altona gelegene Bahnhof Sternschanze eröffnet. Drumherum: eine Mischung aus Gutbürgertum und Gewerbe.

Von Zoo bis Schlachthof

1874 eröffnete Carl Hagenbeck am Neuen Pferdemarkt seinen Tierpark; aus Platzgründen musste der zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Stellingen ziehen. Der Schlachthof kam zwei Jahre später, er wurde 1996 geschlossen. Den Fleischgroßmarkt gibt es aber immer noch; die ehemaligen Viehhallen, in denen die Tiere auf die Schlachtung warteten, sind Teil der Schanzenhöfe, in denen heute beispielsweise das Ratsherrn-Craft-Beer-Lokal Altes Mädchen, die Kaffeerösterei Elbgold und Tim Mälzers Restaurant Bullerei zu Hause sind.

Widerstand hat hier eine lange Tradition

Zweite Frage: Was macht die Schanze aus? Auch diese Frage scheint banal. Trotz aller Gentrifizierung ist die Schanze zumindest zu manchen Zeiten, an manchen Orten, immer noch ein alternatives, linkes Viertel. Was übrigens eine lange Tradition hat: In den 1930er-Jahren war der Rote Hof in der Bartelsstraße ein Ausgangspunkt des Widerstandes gegen die Nazis durch die Arbeiterbewegung. Heute ist die Rote Flora das aufmüpfige Herz des Viertels, jenes seit 1989 (Happy Birthday zum 30.!) besetzte Haus am Schulterblatt. Apropos, schon gewusst? Der Name der Straße geht zurück auf ein Wirtshaus, das wohl ab dem Jahr 1700 herum das Schulterblatt eines Walfischs als Aushängeschild benutzte, weshalb die Straße "Beim Schulterblatt" genannt wurde. Offiziell heißt sie so seit 1841.

Die Rote Flora: das aufmüpfige Herz der Schanze

Doch zurück zur Roten Flora. In den Räumen des ehemaligen Theaters Flora ist die autonome, radikale Linke zuhause. Hier wurde unter anderem der Widerstand gegen den G20-Gipfel im Juli 2017 maßgeblich organisiert, hier wurden verdeckte Ermittler eingeschleust, Umnutzungspläne gegen jede Menge Widerstand poppten regelmäßig auf. Doch die Rote Flora lebt – und mit ihr auch Konzerte, Ausstellungen und Diskussionen. Dazu eine Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt im Keller und eine Soli-Küche. Unter anderem.

Die Schanze, ja, das ist die Rote Flora. Sie ist Demos, die manchmal auch in Gewalt umschlagen. Die Schanze ist Streetart, Schmierereien und Sticker auf allen geeigneten und ungeeigneten Flächen. Drogen im Park. Das Schulterblatt mit den Bierbänken und Italien-Feeling im Sommer. Der Kletterberg Kilimanschanzo. Schraddelige Kultbars wie Daniela, geliebte Imbisse wie Schabi, Pizza Pazza und Schmitt Foxy Food. Kruschläden und Plattenparadiese. Konzerte im Knust, Schanzenflohmarkt.

Die Schanze: Ein Viertel für (fast) alle

Aber die Schanze ist auch das Fünfsterne-Hotel Mövenpick, die Nobelrestaurants Bullerei und Jellyfish, stylische PR-Büros und schicke Läden wie Wohngeschwisterchen, Lokaldesign, Jimmy Hamburg oder Herr von Eden. Die Antwort auf Frage Nummer zwei kann also nur lauten: Die Schanze ist ein Paradies für Genießer, Mode- und Designfans, Feierwütige und Alternative. Für alle. Okay – für alle außer Naturfreaks, denn außer dem Schanzenpark sind Grünflächen im Viertel eher rar, weshalb ab den 1970er-Jahren die Familien weg- und die Studenten wegen damals niedriger Mieten und Uni-Nähe hinzogen. Heute sind die Immobilienpreise mit um die 15 Euro kalt pro Quadratmeter horrend; neben den Alteingesessenen wohnen hier deshalb eher alternativ angehauchte Gutverdiener.

Die Sternschanze (offizieller Stadtteil) in Zahlen

Einwohner: 8.095, davon 49,5 Prozent weiblich und 50,5 Prozent männlich, 19,9 Prozent ausländischer Herkunft (Hamburger Durchschnitt: 50,8/49,2/16,9 Prozent)
Durchschnittsalter: 38,6 Jahre (Hamburger Durchschnitt: 42,1 Jahre)
Einpersonenhaushalte: 67,9 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 54,4 Prozent)
Haushalte mit Kindern: 14,8 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 17,8 Prozent)
Arbeitslosenquote: 5,5 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 4,8 Prozent)
Durchschnittseinkommen pro Jahr (Stand 2013): 31.125 Euro (Hamburger Durchschnitt: 39.054 Euro)

Wenn nicht anders gekennzeichnet: Stand 31.12.2018.

Genuss und Shoppen in der Schanze

Falls ihr noch mehr wissen wollt: 10 (nicht ganz ernst gemeinte) Gründe, warum die Schanze wirklich furchtbar ist. Und, okay: 10 tolle Läden zum Shoppen und Genießen auf dem Schulterblatt, die ihr unbedingt kennen solltet.

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