(© Jakob Börner )

Ottenser kämpft gegen Hetze im Netz

Hannes Ley hat die Hetze im Internet nicht mehr ausgehalten. Er gründete die Facebook-Gruppe #ichbinhier, die in den Kommentarspalten um Respekt und einen sachlichen Ton kämpft. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Kiekmo: Hallo Hannes. Ende letzten Jahres hast du #ichbinhier gegründet. Mittlerweile sind es fast 36.500 Mitglieder und vor Kurzem wurdest du mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Wie bist du auf #ichbinhier gekommen?

Hannes Ley: Die Idee habe ich von der schwedischen Gruppe „jagärhär“ übernommen. Ich fand das großartig und habe über Nacht entschieden, das hier in Deutschland zu starten. Seit Jahren lese ich die Kommentarspalten und frage mich: Was geht eigentlich in unserem Land ab? Und was ist aus unseren humanistischen Grundprinzipen geworden? Ich habe mich oft ohnmächtig gefühlt. Aber diese Gruppenstärke hat die Kraft, im Netz was zu bewegen.

Was ist die Kernarbeit der Gruppe?

Nachrichten werden immer mehr über Facebook konsumiert und dort kommentiert. Wir vom Moderationsteam durchforsten die großen Publikumsmedien und wenn eine Kommentarspalte von Hassrede dominiert wird, machen wir daraus eine Aktion, in dem wir die Gruppe auffordern, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Pro Tag sind es drei bis vier.

Wie wollt ihr die Gesprächskultur vom teilweise unterirdischen Ton ins Sachliche drehen?

Wenn hunderte Leute von #ichbinhier unter einem Artikel sachlich kommentieren und mehrere Tausende diese Kommentare liken, wandern die Beiträge in den Kommentarspalten nach oben. Mit einer geballten Präsenz von positiven und sachlichen Beiträgen wollen wir die hetzerischen Kommentare verdrängen und die Diskussion in eine lösungsorientierte Richtung drehen. Es geht uns um den Ton, dabei sind Meinungen jeder politischen Couleur erlaubt.

Seit Jahren lese ich die Kommentarspalten und frage mich: Was geht eigentlich in unserem Land ab?

Du hast gesagt, der Hashtag sei wie ein Schutzmantel für die Gruppenmitglieder ...

Viele unserer Mitglieder sind schon länger in den Kommentarspalten der Medien aktiv, aber bisher immer alleine. Die Übermacht der Hater ist so groß, dass sie richtig fertiggemacht wurden und irgendwann resigniert aufgegeben haben. Wenn wir zu einer Aktion aufrufen, gehen Hunderte von uns gleichzeitig in dieselbe Diskussion und es entsteht ein Gefühl von Zusammenhalt. Viele haben uns geschrieben, dass sie deshalb wieder Hoffnung haben.

Aber der Preis für die Verteidigung menschlicher Werte scheint hoch ...

Das ist die Kehrseite. Viele von uns, vor allem die Frauen, werden verbal angegriffen. Wir bekommen private Droh- oder Hass-Nachrichten über den Messenger. Da stehen ziemlich üble Sachen drin.

Sind es immer dieselben Leute, die Hassparolen verbreiten?

Die Hater organisieren sich in Gruppen und machen das schon viel länger als wir. Sie wissen genau, unter welchen Bedingungen sie hetzen können und was strafrechtlich relevant ist. Entsprechend formulieren sie ihre Sätze.

Bist du bei dem ganzen Hass schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Heftig war es, als vor längerer Zeit der Artikel über einen ermordeten Flüchtling in Berlin erschienen ist. Die Kommentare darunter waren unfassbar rassistisch. Und Focus online hat stundenlang nicht eingegriffen und somit eine sehr schlimme Diskussion zugelassen. Wenn Leute sich darüber lustig machen und jubeln, dass ein Mensch, der schon viel Elend durchleben musste, umgebracht wurde, geht mir das sehr nahe. Ich war fassungslos.

Was sagt Facebook?

Facebook ist der Meinung, dass das schnelle Löschen von Hasskommentaren und Profilen das gesellschaftliche Problem nicht lösen würde. Es gibt Studien, die besagen, dass 15 Prozent der Gesellschaft latent rassistisch sei und das seit Jahrzehnten. Nur jetzt haben sie mit Facebook ein Sprachrohr.

Hat Facebook überhaupt Interesse „sauber“ zu bleiben?

Sie sind sehr vorsichtig, um nicht unter Verdacht zu geraten, dass sie die Meinungsfreiheit einschränken. Zudem haben die Mitarbeiter oft nicht das politische bzw. juristische Backup für ihre Entscheidungen, denn wenn Profile aufgrund strafrechtlich relevanter Argumente gelöscht werden, muss das Hand und Fuß haben. Und man darf nicht vergessen: Facebook verdient mit seinen Usern viel Geld. Jeder einzelne ist ein potentieller Werbekunde, auch der Hater.

Vielen Dank für das Interview, Hannes!

Ihr wollt mitmachen und euch engagieren? Hier geht's zur Facebook-Gruppe von #ichbinhier: https://www.facebook.com/groups/718574178311688/?fref=ts

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