Die Initiative um Heike Janssen (2. v. re.) (© Heike Janssen )

"Ottenser gestalten": Anwohner gegen Auto-Chaos

Das hohe Verkehrsaufkommen in Ottensen nervt die Anwohner. Einige von ihnen haben sich in der Initiative "Ottenser gestalten" zusammengetan, um für ein artgerechtes Viertel zu kämpfen. Wie das aussehen soll und welche Alternativen es gäbe, erzählt Mitgründerin Heike Janssen im Interview.

Was macht die Initiative "Ottenser gestalten"?
Heike Janssen: Es ist mittlerweile unter allen Experten Konsens, dass der Verkehr viel zu stark und durch Abgase und Lärm auch gesundheitsschädigend ist. Viele Leute verbringen sehr viel Zeit in Staus. Wir wollen, dass sich das grundlegend ändert. Und die Bemühungen der Stadt, neue Verkehrskonzepte zu entwickeln, unterstützen.

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Was ist der Hintergrund?
Ich wohne seit zehn Jahren in der Keplerstraße an der Ecke Arnoldstraße und der Verkehr wird immer schlimmer. Als der Lessingtunnel gesperrt war, konnte ich im Sommer die Fenster nicht einmal mehr öffnen, weil der Verkehrslärm so laut war. Daraufhin habe ich ein Treffen mit der Polizei und den Behörden organisiert und mein Eindruck war, dass sehr wenig dagegen getan wird. Ich habe mich mit Uta Lohmann, die schon lange in dieser Sache unterwegs ist, zusammengetan und über die sozialen Netzwerke Leute gesucht, die sich uns anschließen. Vor rund einem Jahr haben wir ein Gründungstreffen mit zehn Leuten veranstaltet und unsere Ziele formuliert. Kurzfristig wollen wir erreichen, dass in Ottensen der Durchgangsverkehr reduziert und die Parkplatznot verringert wird. Dafür brauchen wir Alternativen.

Welche Alternativen könnten das sein?
Ein gutes öffentliches Nahverkehrsnetz würde den Autoverkehr reduzieren. Wir brauchen bessere und breitere Rad- und Fußwege, denn das Fahrradfahren muss den Menschen hier erleichtert werden. Noch ist es lebensgefährlich, wie in vielen Stadtteilen. Ständig parken Autos auf diesen aufgemalten Radwegen, oder diese enden einfach auf der Straße oder Baumwurzeln kommen durch den Asphalt. Es muss grundsätzlich umgedacht werden, denn Hamburg ist sehr auf Autos ausgerichtet. Aber es gibt mehr Radfahrer und Fußgänger. Das Autofahren muss unbequemer werden, so dass die Autofahrer dahingetrieben werden, sich Alternativen zu suchen, die bequemer sind. Es gibt ja schon die Idee für eine App, die die besten und schnellsten Wege zum Ziel zusammenstellt und dabei die Öffentlichen, Stadträder und Car2Go kombiniert.

Wie stellen Sie sich die Parkraumbewirtschaftung vor?
Dazu gehört Bewohnerparken. Das heißt, dass abends ab einer bestimmten Uhrzeit hier nur noch Bewohner parken dürfen und andere abends zum Ausgehen nicht mehr mit dem Auto reinkommen. Denn man muss zu den Restaurants und Kneipen nicht mit dem Auto fahren und hier alles zuparken. Ich nehme immer öffentliche Verkehrsmittel, wenn ich in anderen Vierteln ausgehe.

Aber wer außerhalb wohnt hat das Problem, dass abends ab circa halb eins die Bahnen nicht mehr fahren ...
Bis dann fahren ja die Bahnen.

Das heißt, der Abend muss mit den HVV-Fahrzeiten enden?
Nicht unbedingt. Die Leute können ja auch mit dem Auto bis zu einer Bahnstation am Stadtrand fahren, wo die Dichte nicht so hoch ist und von da mit der Bahn reinfahren. Es ist für mich übrigens kein Privileg, in der Stadt zu wohnen. Denn ich atme die Abgase von allen Pendlern ein, ich habe nachts den ganzen Lärm und den Autoverkehr von den Leuten, die hier ausgehen, vor meiner Tür.

Das ändert ja nichts daran, dass ab halb eins die Bahn nicht mehr fährt, egal wohin.
Das ist natürlich die Voraussetzung, dass der HVV gewährleistet, dass man überall bequem hinkommt.

Also ist der HVV weichenstellend für die Umsetzung der Alternativen?
Ja, auf jeden Fall. Der HVV müsste sein System umstellen wie zum Beispiel eine kürzere Taktung, die sich auch in den späten Abend hineinzieht. Ich arbeite im Schichtdienst und komme zu bestimmten Zeiten mit dem HVV nicht zu meinem Arbeitsplatz. Ich muss zweimal umsteigen und stehe dann teilweise 20 Minuten spätabends am Bahnsteig und warte auf den Anschlusszug. Das ist nervig. Deshalb nehme ich zu bestimmten Zeiten auch das Auto, weil ich sonst über eine Stunde unterwegs bin.

Ist der HVV mit im Boot?
Der HVV war einmal bei einer Versammlung mit dabei. Aber erst einmal müssen die Politiker umdenken und sich fragen, ob Individualverkehr in der Stadt noch zeitgemäß ist. Im Moment sperrt sich die Politik noch, zum Beispiel scheut sie sich vor einer blauen Plakette und will es sich aus verschiedenen Gründen mit bestimmten Leuten und Unternehmen nicht verderben. Aber unsere Stadt ist autodominiert und unsere Politiker müssen jetzt Rückgrat zeigen im Sinne der Gesundheit unserer Anwohner. Wir fühlen uns von der Politik und der Verwaltung allein gelassen und haben auch unter der Hand erfahren, dass in Ottensen eigentlich niemand zuständig ist für Parksünder, die beim Parken Wege und gute Sicht für Fußgänger versperren. Die Leute ändern sich nicht von alleine. Wir sind alle bequem und faul. Aber so war es auch beim Rauchverbot, wenn sich was von außen durch Gesetze verändert, ändert sich auch das Bewusstsein. Manchmal finden es die Leute dann sogar besser als vorher.

Was ist Ihre Strategie?
Wir wollen auf der einen Seite einen politischen Druck aufbauen aber gleichzeitig natürlich gucken, was realistisch und umsetzbar ist. Wir machen Informationsveranstaltungen, die Hintergrundwissen vermitteln und Perspektiven aufzeigen. Langfristig wollen wir ein Viertel, das lebenswert und artgerecht für Menschen ist. Denn immer mehr Menschen ziehen in die Städte und deshalb brauchen wir auch weniger Verkehr und mehr Grünflächen, wo die Seele durchatmen kann. Durch die Verdichtung entstehen ja auch Aggressionen, die auch in Ottensen spürbar sind. Heutzutage müssen unsere Kinder lernen, sich vor Autos zu fürchten, deren Fahrer sich danebenbenehmen. Warum muss der Autofahrer nicht Rücksicht auf die Kinder nehmen? Es gilt momentan das Recht des Stärkeren. Der Umgang aller Verkehrsteilnehmer miteinander, egal auf welcher Ebene sie unterwegs sind, muss besser werden.

Weitere Infos: www.ottensergestalten.de

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