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Ottensens schöne Saiten: Zu Besuch bei Geigenbauerin Anneke Degen

An der kleinen Werkbank ihrer Werkstatt baut Anneke Degen kleine und große Streichinstrumente – und restauriert die, die gerettet werden müssen.

Im Atelier von Anneke Degen riecht es nach Holz. Die Dielen knarzen mit jedem Schritt, Licht fällt durch die alten Fabrikfenster auf Hobel, Schnitzmesser und Holzspäne. Dass es in der Werkstatt so ruhig ist, kommt selten vor. Eigentlich sei immer jemand bis spätabends da, erzählt Anneke. Ob es die Kollegin ist oder ihre Kunden, viel beschäftigte Solisten oder Hochschulprofessoren. "Wenn dann mal ein paar Tage nicht so viele Leute hier sind, nehme ich mir immer viele Dinge vor, die ich mal in Ruhe machen kann", sagt sie. "Aber meistens denke ich dann: Komm, jetzt schnitze ich doch noch die Schnecke zu Ende. Geigenbauen ist einfach meine allerliebste Beschäftigung."

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Die Schnecke ist der oberste Teil der Geige, dort, wo sich das Holz scheinbar zusammen rollt. Nicht nur hier ist millimetergenaue Arbeit nötig: "Wenn man die F-Löcher, die Schalllöcher der Geige, nur einen Viertelmillimeter weiter auseinander setzt, dann klingt das Instrument schon ganz anders." Hier, in den winzigen, fast unsichtbaren Details, kann Anneke ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Die Härte und Zusammensetzung des Lacks, die Art des Holzes, die millimetergenauen Abmessungen der Kurven und Abstände - jedes Detail verändert den Klang des Instruments. "Man gestaltet eigentlich ein ästhetisches Objekt", schwärmt Anneke, "aber bei einer Geige kommt eben noch die Dimension des Klangs dazu, im Gegensatz zu Skulpturen." Die Zusammensetzung dieser Details gelingt Anneke ganz intuitiv, aber auslernen möchte sie trotzdem nicht. "Je mehr man über das Geigenbauen lernt, desto mehr Fragen tun sich auf, die man erforschen kann“, so Anneke. "Es wird nie langweilig."

Niedrige Frauenquote im Geigenbau

Annekes Faszination mit Geigen war wohl Liebe auf den ersten Blick. Als sie klein war, sah Anneke im Fernsehen, wie ein Kind das Instrument vor einem ganzen Orchester spielte. Bis zum Abitur lies die Geige sie nicht mehr los. "Das Spielen mochte ich auch sehr, aber sobald ich an der Geigenbauschule anfing, wusste ich: das ist es." Heute ist Anneke Hamburgs einzige selbstständige Geigenbaumeisterin. "Zumindest ist das mein letzter Stand.", erklärt sie lachend. Genaue Zahlen zu den Betrieben der Branche, die von Frauen geführt werden, hat sie nicht. "Aber sie sind schon eine Seltenheit."

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In der Branche hat sich Annekes Betrieb und ihre gute Arbeit inzwischen herumgesprochen. "Die Leute kommen her, weil ich gut mit den Klängen der Instrumente spielen und sie einstellen kann", bestätigt sie. Ihre Kundschaft, viele hochprofessionelle Musiker, käme inzwischen nicht nur aus dem norddeutschen Raum oder dem ganzen Land, sondern auch aus dem Rest Europas und sogar den USA. "Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie ist meine Kundschaft sogar noch ein bisschen internationaler geworden."

Geduld ist gefragt

Vom Auftragsabschluss bis hin zum fertigen Instrument müssen die Musiker allerdings eine Weile warten: Sie und ihre Kollegin brauchen für eine Geige ungefähr drei Monate, für ein Cello auch mal ein halbes Jahr. "Und wenn dann mal ein Kontrabass kommt, dauert es noch länger", lacht Anneke. Wenn die Warteliste lang ist, würde sie sich schon manchmal wünschen, dass der Arbeitsprozess etwas schneller geht und sie die Kunden zeitnaher bedienen könnte. Aber eigentlich sei die detailgenaue und liebevolle Herstellung der Streichinstrumente auch der Grund, warum sie ihre Arbeit so liebt – und warum ihre Kunden ihre Arbeit so schätzen. "Ich investiere gerne viel Zeit in ein Instrument, das zeigt sich ja auch im Endergebnis", erklärt Anneke. Außerdem würden viele Geigen viel älter werden als wir Menschen. "Die ältesten Geigen, die heute noch gespielt werden, wurden vor über 400 Jahre gebaut", so Anneke. "Das ist das Schönste: Dass das Instrument, dass ich mit meinen Händen schaffe, so lange überlebt."

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