(© Sabrina Pohlmann )

Ottensen-Kolumne: Streit um den Spritzenplatz

An dieser Stelle schreibt Wahl-Hamburgerin Sophia über ihre Lieblingsorte und schönsten Entdeckungen in Ottensen und gibt ihren Senf zu Themen dazu, die das Viertel beschäftigen. Heute geht es um den um den umstrittenen Neubau, der am Spritzenplatz entstehen soll.

Ich verbringe meine Zeit gerne auf dem Spritzenplatz: Punks schlürfen in der Sonne einen Espresso, der Grieche serviert pfeifend einen Gyrosteller nach dem anderen, und der Straßenmusiker klimpert auf seiner Gitarre. Die Leute zu beobachten, die hier täglich aufeinander treffen, macht mir besonders Spaß. Nirgendwo anders mischt sich das Volk so sehr wie in Ottensen. Und der Spritzenplatz ist für mich das Herz dieser kunterbunten, weltoffenen Gemeinschaft.

11 Meter und nicht weiter

Doch seit einigen Jahren wirft ein Bauprojekt buchstäblich einen Schatten auf den Trubel des Platzes. An der Hausecke an der Ottenser Hauptstraße, der Bahrenfelder Straße und dem Spritzenplatz soll ein neues, modernes Gebäude entstehen. Die Bürgerinitiative "Spritzenplatz bleibt – Unser Platz an der Sonne" sammelte deswegen bis November 2015 mehr als 7.000 Unterschriften, um der geplanten Bebauung einen Riegel vorzuschieben. Ein Neubau soll die Höhe der umliegenden Häuser, elf Meter, nicht überschreiten. Ein zu hohes Gebäude würde die Sonnenstrahlen blockieren und außerdem überhaupt nicht dem Stadtbild von Ottensen entsprechen.

Zunächst ist die Initiative auf Erfolgskurs: Ende 2016 tritt die Bezirksversammlung dem Bürgerbegehren mit großer Mehrheit bei. Gemeinsam können sie eine Veränderungssperre durchsetzen, die einen Vorschritt der Pläne verhindert. Seitdem hat sich allerdings nicht viel getan. Ein sogenannter Auslobungstext muss her, der die Vorgaben für einen Architekturwettbewerb enthält. Die Bezirksversammlung lehnt einen ersten Entwurf eines solchen Textes, der mit den Wünschen das Bürgerbegehrens zum Großteil übereinstimmt, allerdings ab – obwohl die Bezirksversammlung doch eigentlich die Forderungen des Bürgerbegehrens übernommen haben. Termine werden verschoben, Beschlüsse hinausgezögert. In Treffen müssen die Sprecher der Initiative feststellen, dass vieles schon entschieden war, bevor die Bürger sich überhaupt einbringen konnten. Einen Tag nach der Ankündigung für ein zweites Bürgerbegehren wird schließlich doch ein neuer Auslobungstext-Entwurf vorgelegt. In einem offenen Schreiben vom Mai 2018 kündigt die Bürgerinitiative daraufhin an, aus dem Verfahren auszutreten. Ihre Wünsche wären im Entwurf nur aus rein kosmetischen Gründen genannt worden. Außerdem wollen sie vom Amt nicht als Vorwand für eine Bürgerbeteiligung genutzt werden. Bei einem Gespräch mit der Initiative merke ich, dass sich die Beteiligten wirklich hintergangen fühlen: "Es bleibt das schale Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein."

Veränderung ist Teil eines Viertels

Schon in den letzten Jahren haben sich die Ottenser gegen die schleichende Gentrifizierung ihres Viertels gewehrt. Aber gehört Veränderung nicht zu einem Stadtteil dazu? Ist es denn sinnvoll, immer an der Vergangenheit festzuhalten und sich vehement gegen Neues zu stellen? Die Wohnungsnot in Hamburg ist kein unbekanntes Problem, mehr als 1,8 Millionen Menschen leben in der Hansestadt. Auch Ottensen platzt aus allen Nähten. Da nur zwei, anstatt drei oder vier Stockwerke zu bauen – ist das nicht glatt Platzverschwendung in einer Metropole wie Hamburg? Schaue ich mir die Karte des Spritzenplatzes auf Google Maps an, fällt mir außerdem auf, dass das viel diskutierte Gebäude in der nordöstlichen Ecke des Platzes liegt. Zumindest für mein ungeschultes Auge sieht es also so aus, als würde sowieso nur eine Ecke des Platzes vom Schattenwurf betroffen sein. Ich frage also nach: "Es geht eher um den Schluchtcharakter, den ein solches Gebäude mit sich bringen würde", erklärt mir die Initiative. "Das Gebäude verschattet den Platz zwar nicht völlig, aber die Atmosphäre mit Licht, Luft und Sonne wäre weg."

Große Ketten statt Einzelhandel

Insgesamt kann ich verstehen, warum das geplante Gebäude vielen Ottensern übel aufstößt. Schon in den letzten Jahren sind einige große Ketten ins Viertel gezogen, der Einzelhandel musste weichen. Ein neues Gebäude zieht auch meistens höhere Mieten mit sich. Diese könnten sowohl den Einzelhandel, die Gastronomie als auch die ehemaligen Bewohner verdrängen. Auch dagegen wehrt sich die Bürgerinitiative. Hinzu kommt die fragwürdige Vorgehensweise der Bezirksversammlung und der Stadt. Den Ärger der Initiative über die fehlende Zusammenarbeit und die scheinbar absichtliche Hinauszögerung des Verfahrens kann ich nachvollziehen. Umso schöner finde ich es zu sehen, dass sich die Ottenser nicht mit Entwürfen abspeisen lassen, die hinter ihrem Rücken entstanden sind.

Ich bin nicht in Hamburg geboren, sondern nur zugezogen. Umso häufiger fällt mir auf, wie zäh und engagiert die Hamburger und vor allem die Ottenser sind. Egal, wie hoch das Gebäude also am Ende wird – wichtig finde ich beim Thema vor allem, dass die Initiative ein ordentliches Mitspracherecht bekommt. Einfach, weil ich den Ottensern wünschen würde, dass sie ihr Viertel auch in Zukunft mitgestalten können. Eben genauso, wie sie es bis jetzt getan haben.

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