Meisterhaft: Jack Jonni Lieberoth (links) und der Sporttherapeut Andreas Twisselmann (© Szene )

Meisterhaft: Vom Junkie zum Wundertorwart

Früher war er drogenabhängig und kriminell, heute ist er deutscher Meister im Straßenfußball. Die Geschichte von Jack Jonni Lieberoth.

Als Jack Jonni Lieberoth (29) an den Moment zurückdenkt, in dem die Zeit für ihn stillstand, geht ein Ruck durch seinen muskulösen Körper. „Das Gefühl, den Pokal in die Luft zu stemmen, war unbeschreiblich“, sagt Jack. „Das war sie, die Wiedergutmachung.“ Mit dem Team des sozialtherapeutischen Hamburger Trägers Jugend hilft Jugend (JHJ) aus Altona hat Jack vor Kurzem in Nürnberg die deutsche Straßenmeisterschaft 2017 gewonnen. Ein mobiler Soccer-Käfig, zweimal sieben Minuten Spielzeit, Technik, Tricks, tolle Tore und Glanzparaden, den staunenden Zuschauern geboten von drei Feldspielern und einem Keeper pro Team – das ist die Kurzformel des großen Events. Der beste Keeper des Turniers, das war Jack. Hätte der 1,87 Meter große und 80 Kilo schwere, topfitte Modellathlet ein Leben in geordneten Bahnen gelebt, würden ihm heute vielleicht Massen von Fans zujubeln. Jack Jonni Lieberoth, der neue deutsche Wundertorwart. Das klingt richtig gut. Jacks Geschichte gibt diesen Ruhm nicht her. Sie ist wie das Leben. Komplizierter.

2014 sah ich die letzte Rote Karte.

Die Story des Wandsbeker Jungen nimmt früh Züge eines Dramas an. Alkoholkonsum und körperliche Auseinandersetzungen sind in der Familie an der Tagesordnung. „Meinen Vater kenne ich nicht, meine Mutter trinkt bis heute viel. Ich war über zehn Jahre in einer Wohngruppe“, erzählt Jack. Bald darauf folgt das, was er als „meine schwammige Vergangenheit“ bezeichnet. Falsche Freunde, viel Bier, später Schnaps, Cannabis und Koks sind auch ab und an im Spiel. „2014“, so Jack, „sah ich die letzte Rote Karte.“ Denn unter Drogeneinfluss begeht er Straftaten, die Anklage lautet nun schwere räuberische Erpressung. Der letzte Ausweg ist eine Einigung mit dem Staatsanwalt: Drei Jahre Bewährung für die verhängte Gefängnisstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Bedingung: eine sechsmonatige Therapie, eine Entgiftung in Ochsenzoll.

Wer mitspielen will, muss clean sein

Im Zuge der stationären Therapie lernt Jack Andreas Twisselmann (39) kennen. Der Sporttherapeut arbeitet bei JHJ – und holt Jack danach in die Mannschaft. Für ihn gelten nun dieselben Regeln wie für alle anderen Spieler: Wer mitspielen will, muss bei Training und Spiel clean sein. „Er fügte sich sofort toll ein. Fröhlich, witzig, für jeden Schabernack zu haben, ein lieber Mensch, toll für die Gruppendynamik, immer verlässlich beim Training“, so Twisselmann.

Leider hatte der Veranstalter auch nicht aufgepasst und bei einer solchen Veranstaltung für Sportler aus schwierigen Verhältnissen Alkohol angeboten.

Eine Ausnahme bilden die Titelkämpfe 2015 in Aachen. Im Achtelfinale kommt es zum Elfmeterschießen. Der erste Schütze des Gegners verwandelt, Jack verschießt – und das Spiel ist verloren! „Keiner hatte uns vorhergesagt, dass im Elfmeterschießen sofort das Sudden-Death-System gilt. Wir dachten, jedes Team hätte fünf Schützen“, erinnert sich Twisselmann. Aus Frust erleiden einige Teammitglieder abends einen Rückfall, auch Jack. „Leider hatte der Veranstalter auch nicht aufgepasst und bei einer solchen Veranstaltung für Sportler aus schwierigen Verhältnissen Alkohol angeboten“, ärgert sich Twisselmann. Jack tut das Ganze „bis heute extrem leid“. Zwei Jahre lang kann er das Frust-Erlebnis Aachen nicht richtig verdrängen. Selbst der Titelgewinn 2016 in Kiel befriedigt ihn nicht wirklich, da die Spiele „erst abgesagt werden und dann eher provisorisch auf einem Acker ablaufen“, so Twisselmann.

Happy End in Sichtweite

Doch das 8:4 im Finale gegen Wiesbaden in Nürnberg bringt die große Erlösung. Gefeiert wird danach bis tief in die Nacht. „Wir waren die halbe Nacht auf der Piste, haben durchgetanzt, aber auf Cola“, sagt Twisselmann. Jack lächelt selig, als er an die Party denkt. Ganz frei vom Alkohol ist er allerdings bis heute nicht. Das endgültige Happy End seiner Story lugt dafür schon um die Ecke. „Ich trinke längst nicht mehr viel, habe das gut im Griff. Trotzdem möchte ich vom Alkohol ganz wegkommen. Seit einem Monat arbeite ich zudem in einer Möbelspedition. Das gefällt mir sehr“, sagt er. Und eine eigene Wohnung will er, zurzeit lebt er bei seiner Großmutter. Das größte sportliche Ziel für nächstes Jahr steht auch schon fest. „Wir wollen alle gemeinsam wieder deutscher Meister werden“, sagt Jack. Dafür will er jetzt noch härter trainieren, den JHJ-Fitnessraum intensiv nutzen. Damit die Zeit wieder für einen Monat stillsteht, wenn er und seine Mitspieler den Siegespokal in den Himmel heben.

Autor: Mirko Schneider

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