Queen Silvia Nursing Award / Lukas Schramm )

Mein Weg mit der Redeangst: Von der letzten Reihe bis vor die Königin

Schwitzige Hände, Herzrasen und einen knallroter Kopf – viele Menschen haben Angst vor Publikum zu sprechen. Auch unsere Stadtteilreporterin Anna-Carina. Wie sie ihre Redeangst überwunden hat und wer ihr dabei geholfen hat, lest ihr hier.

Ich habe Redeangst. Schon seit circa 30 Jahren. Am Anfang war es eine ausgewachsene Sozialphobie. Ich ging fast ein Jahr kaum zur Schule, verließ das Haus nicht und traute mich nicht ans Telefon zu gehen. Erst durch eine Therapie schaffte ich es raus aus der sozialen Isolation. Die Angst blieb allerdings – zumindest ein Stück weit.

Mich nervte, dass andere meine Arbeit präsentieren mussten

Es gibt bestimmte Situationen, in denen mich die Angst noch packt und mich unendlich nervt. Ich stand beruflich wieder einmal vor der Entscheidung: Entweder schweigen oder das Wort für mich und meine Arbeit ergreifen. Dabei nervte es mich so sehr, dass mich "nur" meine Angst daran hindert, meine Arbeit zu präsentieren. Immer versteckte ich mich hinter anderen und war am Ende gefrustet. Das sollte sich ändern. Auf der Suche nach einer Art Konfrontationstherapie stieß ich auf die Hanseredner.

Queen Silvia Nursing Award / Lukas Schramm )

Herzrasen, Kurzatmigkeit, Zittern – das volle Programm beim ersten Treffen

Vor dem ersten Treffen war ich aufgeregt. Aber es waren sehr nette Leute da. Ich trug mich in die Gästeliste ein und der Abend begann. Nach einer Zeit sagte die Präsidentin des Vereins: „Und nun möchte ich die Gäste begrüßen und sie fragen, was sie sich vom Abend erhoffen“. Sofort dachte ich: Oh Gott! Die Liste. An welcher Stelle stand ich da? Und schon war die Angst da: Herzrasen, Kurzatmigkeit, Zittern – das volle Programm. Ich quetschte „Hallo, ich bin Anna. Und ich habe Redeangst.“, aus mir heraus und setzte mich wieder. Erneut genervt von meiner Angst, aber auch ein wenig stolz. Nach der Pause kamen dann die Stehgreif-Reden: spontane, kurze Reden. Vor allem die Gäste bekommen eine Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Ich dachte: Deshalb sitzt du hier doch! Ich meldete mich.

Meine Rede war kurz und ich ziemlich wackelig, aber darum ging es nicht. Ich hatte mich getraut. Ich brachte mich das erste Mal seit langem freiwillig in eine solche Situation vor circa 20 Leuten. Und von da an war ich fast jeden Montag dort. Mittlerweile habe ich meine vierte Rede gehalten und unzählige Ämter übernommen, bei denen ich die Abende mitgestalte.

Die Hanseredner haben mir geholfen

Die Hanseredner gehören zu den Toastmasters International und sind ein nichtkommerzieller Verein. Hier üben alle das Reden vor Publikum in einem geschützten Rahmen. Geschützt heißt: Die Wertschätzung der Redner ist das Wichtigste. Es geht für alle darum, sich individuell zu entwickeln. Nicht alle haben Angst vor anderen Menschen zu sprechen. Einige sind bereits sehr erfahren, möchten sich aber noch weiterentwickeln oder einfach im Training bleiben.

Ich habe sogar vor der Königin von Schweden gesprochen

Ich bin Partnerin eines Pflegepreises, den die Königin Silvia von Schweden jährlich an Pflege-Azubis vergibt. Ich hatte im Rahmen der deutschen Preisvergabe die Möglichkeit ein Grußwort zu sprechen. All die Arbeit, die ich seit drei Jahren in diesen Award stecke, wollte ich diesmal auch wirklich selbst öffentlich repräsentieren. Und das tat ich, ganze fünf Minuten. Die Hanseredner haben mir geholfen ein Urvertrauen wieder zu finden, sodass ich wieder vor Leuten sprechen kann.

Queen Silvia Nursing Award / Lukas Schramm )

Mit meinem Weg möchte ich allen anderen den Mut machen, sich nicht weiter zu verstecken und auch montags um 19 Uhr zu den Hanserednern zu kommen. Jeder kann dort in seinem individuellen Tempo trainieren. Man kann als Gast kostenlos teilnehmen, danach wird als Mitglied ein kleiner Jahresbeitrag fällig.

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