Bei Made of Veddel entsteht edle Abendmode, häufig gestrickt oder gehäkelt. (© Made auf Veddel )

"Made auf Veddel": Ein Modelabel, das unserer Gesellschaft gut steht

Sie sprechen kaum Deutsch, können aber fantastisch nähen oder häkeln: Beim Modelabel "Made auf Veddel" der Hamburger Modedesignerin Sibilla Pavenstedt bekommen Frauen die Chance auf Eigenständigkeit – und vielleicht sogar den ganz großen Durchbruch.

Hilfe zur Selbsthilfe – das gilt in der Regel als das beste Rezept, wenn jemand Unterstützung braucht. Die Hamburger Modedesignerin Sibilla Pavenstadt hat 2008 auf der Veddel ein wunderbares Projekt ins Leben gerufen, bei dem Frauen aus diesem Viertel ihre Handwerkskünste nutzen können: das Modelabel "Made auf Veddel". Hier werden die Frauen in Nähen, Stricken und Häkeln weitergebildet, lernen Deutsch und können eigenes Geld verdienen. Wir haben mit Sibilla Pavenstedt gesprochen, um mehr zu erfahren.

Frau Pavenstedt, wie ist die Idee zu “Made auf Veddel” entstanden?
Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich hatte vorher als Designerin 15 Jahre lang ein Atelier in Paris, in dem ganz viele Nationalitäten zusammengearbeitet haben. Parallel hatte ich auch eines in Hamburg, und da kamen viele Leute vorbei, die gefragt haben, ob sie für mich arbeiten können. Die meinten dann: Wir können zwar kein Wort Deutsch, aber wir können nähen, wir können stricken. Das war etwa Mitte der 90er-Jahre, und es waren Gastarbeiter oder Asylsuchende, Iraner, Afrikaner, Russen, Türken. Bei allen spielt Handwerk in ihrer Heimat eine große Rolle, sie waren also durchaus versiert. Und sie wollten gerne etwas tun, waren aber in einer Endlosschleife beim Arbeitsamt gefangen: Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, mussten sie vorweisen, dass sie Arbeit haben und um Arbeit zu bekommen, brauchten sie die Arbeitserlaubnis. Wirklich eine vertrackte Situation.

Und Sie haben sie beschäftigt?
Einige habe ich als Praktikanten aufgenommen und manche waren so gut, dass ich sie dann wirklich richtig bei mir angestellt habe. Eine russische Frau beispielsweise, die kein Wort Deutsch sprach, als sie zu uns kam, hat sich so gut entwickelt, dass sie die Leiterin meines Ateliers wurde und dann sogar von Jil Sander abgeworben wurde. Da wurde mir erst richtig bewusst, dass es egal ist, ob man ein Zeugnis hat. Hauptsache, man ist gut in dem, was man macht. Und wenn jemand erst einmal bei mir gearbeitet hat, dann wissen andere auch, dass derjenige Qualität hat. Wenn diese Frau gleich bei Jil Sander geklopft hätte, dann hätten die sie ausgelacht. Auf diese Art und Weise kann ich den Leuten also zu einer Art Qualitätsmarke verhelfen: Wer das Projekt durchlaufen hat, hat die Qualität, Aufträge annehmen und damit Geld verdienen zu können.

Das Projekt "Made auf Veddel" entstand im Rahmen der IBA

Aber wie entstand denn dann "Made auf Veddel"?
Das war vor zehn Jahren. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellungen wurden Ideen für Projekte gesucht. Meine war es, dass nicht Gebäude einen Stadtteil zusammenhalten, sondern Menschen. Das wird in der Architektur oft vergessen. Ich schlug also ein Projekt mit den Frauen, die auf der Veddel leben, vor. Erst wollte ich ein Näh-Projekt machen, habe dann aber gemerkt, dass die Frauen alle sehr gut stricken und häkeln konnten. Und es machte ja Sinn da anzusetzen, wo schon Fertigkeiten da sind.

Das heißt, Sie haben einen Raum gemietet und Zettel aufgehängt, dass sie Frauen suchen? Oder wie ging das?
Wir haben zunächst einen Verein gegründet, der dann ein Atelier für die Frauen auf der Veddel gemietet hat. Diese Frauen führen das Atelier in Selbstverwaltung. Sie nehmen Aufträge entgegen, nicht nur von mir, sondern auch von anderen Firmen, die ich vermittle. Sie werden permanent vom Verein weitergebildet, damit sie immer besser qualifiziert sind: im Nähen, Häkeln, und es gibt auch Deutschunterricht. Parallel bearbeiten sie Aufträge.

Auf eine Flugblattaktion meldeten sich mehr als 80 Frauen

Und wie haben Sie die ersten Frauen gefunden?
Wir haben eine Aktion mit Flugblättern gestartet, mit denen wir für dieses Projekt geworben haben. Daraufhin haben sich über 80 Frauen beworben. Die haben ihre Arbeiten mitgebracht und gezeigt, was sie so zuhause machen. Von ihnen haben wir dann zehn ausgewählt. Inzwischen haben mehr als 40 Frauen das Projekt durchlaufen. 15 Frauen sind fest dabei.

Welche Nationalitäten haben die Frauen eigentlich?
Sehr bunt gemischt. Die Frauen kommen aus der Türkei, der Ukraine, Georgien, Iran, Afrika, Afghanistan und Syrien.

Einige der Frauen lehren mittlerweile selber

Hat sich das Projekt durch die Flüchtlingskrise verändert?
Ja, natürlich. Es sind mehrere Projekte nach dem Vorbild von "Made auf Veddel" angestoßen worden. Auch bei uns ist Neues entstanden: Aktuell haben wir ein Projekt in Kooperation mit der BAMF, also mit der Bundesagentur für Migration und Flüchtlinge, wo 45 Frauen in drei Stadtteilen unter anderen auch von den Frauen auf der Veddel ausgebildet werden. Das heißt, die Frauen, die früher bei uns gelernt haben, sind mittlerweile selbst Lehrerinnen. Da stärkt zum einen natürlich das Selbstwertgefühl, und zum anderen können sie auch noch mehr Geld verdienen.

Wie viel verdienen diese Frauen denn?
Diese 15, die fest dabei sind, zwischen 200 und 1000 Euro im Monat. Und sie werden stetig weitergebildet.

Und wer übernimmt ihre Ausbildung?
Das sind Leute aus meinem Atelier, die also sehr qualifiziert sind. Den Deutschunterricht übernehmen ebenfalls qualifizierte Lehrer. Dass die Frauen Deutsch lernen, war mir von Anfang an sehr wichtig. Und dass sie aus ihrer Isolation rauskommen, in der sie vielfach leben. Das war und ist für mich eigentlich das Wichtigste. Ich selbst war ja immer eine sehr selbstbewusste, emanzipierte Frau, und mir war es wichtig, den Frauen von der Veddel diese Freiheit und Offenheit auch zu vermitteln. Spannend ist auch der gesellschaftliche Spagat: Da sind die Frauen von der Veddel, die zum Teil seit 20 Jahren in Deutschland leben, aber kein Deutsch sprechen, weil sie völlig isoliert waren. Und dann sind da die Frauen, die die Produkte kaufen: Weil die immer ein Label mit dem Namen der Frau tragen, die es gemacht hat, lernen die Käuferinnen auch die Frauen kennen, die es hergestellt haben. Es geht also auch hier ganz stark um Kommunikation, Menschlichkeit und Wertschätzung.

Das Atelier ist gleichzeitig ein Freiraum für die Frauen

Gehen die Frauen jeden Tag wie zu einer anderen Arbeit ins Atelier? Oder nur gelegentlich mal für ein paar Stunden?
Das läuft so: Das Atelier ist in der Veddeler Brückenstraße. Die Frauen haben alle einen Schlüssel und können kommen und gehen, wann sie wollen. Das ist wichtig, denn so haben sie auch einen Freiraum außerhalb ihres Zuhauses. Im Atelier stehen Nähmaschinen und andere Utensilien. Die Frauen können da auch privat etwas machen. Drei Mal die Woche haben sie unterschiedlichsten Unterricht und können dann entweder zuhause oder im Atelier ihre Arbeiten weiterführen.

Was wird denn da so hergestellt?
Entweder sehr aufwändige Abendkleider oder auch Dinge wie umhäkelte Weihnachtskugeln oder Ostereier. Alles Kleider und Objekte, die man kauft, weil man sie wirklich schön findet.

Bestellt werden können die Produkte im Atelier Sibilla Pavenstedt

Und wo kann ich die Sachen kaufen?
Die kann man in meinem Atelier in der Langen Reihe 13 bestellen. Man kann da vorbeikommen und sich die Sachen angucken. Wir können aber auch Fotos schicken. Und am 2. Dezember haben wir eine große Veranstaltung im Hotel Tortue in der Stadthausbrücke 10, eine große, sehr aufwändige Charity-Modenschau. Das ist eine echte Kunst-Inszenierung.

Kann da jeder kommen, gibt es Karten?
Ja, die kann man bei uns bestellen (Kontakt sh. unten, Anm. d. Red.). Allerdings kosten sie 150 Euro, da die Eintrittsgelder ja in das Projekt einfließen, und da können wir jeden Euro brauchen. Aber es lohnt sich!

Info: Atelier Made auf Veddel, Veddeler Brückenstr. 128-130, 20359 Hamburg; Atelier Sibilla Pavenstedt, Lange Reihe 13, 20099 Hamburg; www.madeaufveddel.de
Kontakt: Telefon 040/ 80 60 24 80, Mail info@madeaufveddel.de

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