Mirkos Liederbande )

Liedermacher Mirko Frank: "Musik gehört für mich zum Leben wie pinkeln"

Liedermacher Mirko Frank ist ein echtes Ottenser Original: Der Musiker unterrichtet wöchentlich rund 100 Kinder, spielt in einer eigenen Band und hat zudem noch eine Radiosendung. Wir haben ihn für ein außergewöhnliches Interview getroffen.

Seit 17 Jahren bringt der Liedermacher Mirko Frank (51) in der Rothestraße den Kindern aus Ottensen bei, was Musik sein kann – fachlich und mit dem Herzen. Doch im nächsten Jahr wird das Musikatelier aus dem Haus mit dem wunderschönen Innenhof ausziehen müssen. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

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Mirko, was bedeutet dir Musik?

Durch meine Großeltern in Dänemark, wo ich aufgewachsen bin, habe ich schon früh angefangen Musik zu machen. Musik ist in meinem Leben so selbstverständlich wie pinkeln zu gehen oder zu atmen. Und so, wie ich mit Musik sozialisiert wurde, möchte ich es auch den Kindern hier im Atelier rüberbringen. Deshalb mache ich eher Musikvermittlung als Unterricht. Im offiziellen Sinne bin ich auch kein Lehrer, ich bin Liedermacher.

Wie viele Kinder hast du in der Woche?

Neben den Atelier-Kindern unterrichte ich auch in der Rothe Schule und zwei Mal in der Woche hole ich im Rahmen des Nachmittagsprogramms die Schüler aus der Schule hierher. Ich denke, insgesamt rund hundert Kinder.

Stehen dir nicht manchmal die Haare zu Berge bei so vielen Kindern?

Das würde es, wenn alle zwischen 40 und 50 Jahre alt wären ...

Warum?

Dann wäre es Therapie (lacht). Bei Kindern ist die Authentizität das Schöne. Sie wälzen nicht erst alles durch den Kopf, wie wir es tun. Vielen Erwachsenen ist die Intuition total abhanden gekommen. Oft wird erst einmal geguckt, wo sie sich befinden, wie gesprochen werden darf und dann erst lassen sie etwas raus. Klar, eine gewisse kulturelle Bildung und Rücksichtnahme hat ja auch was Gutes. Aber diese Offenheit von Kindern hat mich schon immer sehr bereichert.

Also genießt du es eher?

Viele fragen mich, ob es nicht total anstrengend mit den ganzen Kindern sei. Warum? Das ist so eine deutsche Sichtweise, denn diese Frage impliziert von vornherein, dass Kinder anstrengend sind. Natürlich ist viel Bewegung da und ja, diese Lautstärke, die mir begegnet, ist furchtbar. Ich brauche immer mindestens 15 Minuten, um sie auf ein Level runterzufahren, auf dem wir Musik machen können, denn dabei geht es ganz viel ums Zuhören, was sie auch dabei lernen. Musizieren ist viel nachhaltiger als nur ein Instrument zu lernen.

Oft wollen die Eltern, dass ihr Kind ein Instrument lernt. Wenn das Kind aber absolut unmusikalisch ist, was rätst du den Eltern?

Kein Kind muss Musik machen, wenn der Zugang fehlt und es sich damit quält. Denn die Wahrheit der Musik steckt, meiner Meinung nach, nicht in den Noten. Aber die Menschen sind unterschiedlich, der eine geht auf diese Reise und für den anderen ist es vielleicht besser, Sport zu machen. Natürlich finde ich es gut, wenn Kinder Musik machen, weil es ein Kulturerbe ist, Töne zu ordnen, das Hörvermögen weiter zu entwickeln. Aber nicht, weil die Eltern mal gelesen haben, dass Musik gut für die Bildung sei.

Du machst gemeinsam mit Kindern „Die Liederbande“. Was macht ihr als Band?

Wir sind vier Musiker und ein 15 bis 20-köpfiger Kinderchor, zwischen sechs und elf Jahren, die zum größten Teil hier aus dem Viertel kommen. Die Liederbande ist seit Jahren ein lokales Gewächs und ist bekannt geworden durch die Auftritte auf der Kulturbühne der Altonale und in der Fabrik. Aber wir haben auch schon auf dem Kindermusikfestival MOUNDS in Tirol gespielt. Das Schöne ist, dass wir über das Plattenlabel Europa, bei dem wir seit 2013 sind, gerade unsere dritte CD produzieren können, auf der wir fünf Kontinente bereisen und landestypische Instrumente vorstellen. Gerade gestern haben die Kinder das Lied von Kajo Koto aus Tokio eingesungen. Die CD erscheint im November.

Eine Band reicht dir scheinbar nicht, „Bitte lächeln“ ist deine zweite ...

Ja, genau. Wir spielen deutschsprachigen Rock/Pop/Reggae und sind sechs Musiker, zwei mit einer körperlichen und zwei mit einer geistigen Behinderung unterschiedlicher Art. Zum Beispiel ist unser Schlagzeuger blind und Lukas, der Sänger, hat eine halbseitige Lähmung und sitzt im Rollstuhl. Aber wir wollen auf gar keinen Fall diesen sozialen Bonus nach dem Motto: 'Ach, guck mal, die Süßen, ist ja egal, wenn es in die Hose geht, sie sind ja behindert.' Diese Mitleidstour finde ich schrecklich. Wir machen Musik, zu der alle gerne kommen sollen und zeigen, wozu Menschen mit Handicap in der Lage sind. Und das scheint bei einigen Leuten gut anzukommen, denn wir machen das immerhin jetzt seit neun Jahren. Eine total skurrile Truppe, die meistens Spaß macht.

Mirkos Liederbande )

Ich weiß nicht, wie viele Stunden dein Tag hat, aber du schaffst es tatsächlich auch noch eine Radiosendung zu machen ...

Darüber freue ich mich wie Bolle, denn das wollte ich schon als Kind machen. Demnächst produziere ich meine eigene Radiosendung bei Radio Teddy, einem Kinderradiosender mit Sitz in Potsdam. Dabei ist immer ein Kind als Studiogast dabei. Letztens war zum Beispiel ein Elfjähriger da, der seit fünf Jahren Kontrabass spielt, das war echt toll. Wir sprechen mit den Kids darüber, was das Schöne an ihrem Instrument ist, ob das Üben anstrengend ist oder ob ihre Eltern Druck machen. Natürlich in der Hoffnung, dass andere Kinder, die das hören, infiziert werden und selbst Lust auf ein Instrument bekommen.

Du hast als Straßenmusiker schon viele Orte bereist. Was gefällt dir an Ottensen?

Ich lebe hier total gerne. Mein Atelier ist mit dem Viertel gewachsen und groß geworden. Die Rothe Schule ist in der Nähe und das Stadtteilkulturzentrum, wo ich jedes Jahr zwei Veranstaltungen mache, die Fabrik ist um die Ecke und die Kulturbühne der Altonale, die ich initiiert habe, direkt vor meiner Tür. Alles ist miteinander verwachsen. Aber was ich schlimm finde, ist die Gentrifizierung, dass alles immer teurer wird. Dass die Geschäfte immer langweiliger werden und den Shopping-Tourismus am Wochenende finde ich gruselig.

Du bist auch Opfer der Gentrifizierung geworden ...

Ja, leider. Dieses Haus wurde von der Familie Moysich gekauft, die Inhaber vom Sternipark. Seitdem versuche ich, und auch alle anderen Mieter, Kontakt aufzunehmen, aber bisher ohne Erfolg. Mein Anwalt glaubt, dass der Besitzer entmieten und für seine eigene Zwecke nutzen will. Im Gegensatz zu den privaten Mietern habe ich mit Gewerberaum keinen Schutz, das heißt, der Vermieter kann die Miete um 100 Prozent erhöhen, wenn mein Mietvertrag im Herbst nächsten Jahres ausläuft.

Hast du schon neue Räume in Aussicht?

Das ist in diesem gentrifizierten Bereich echt schwer. Aber hier habe ich "meine" Kinder, hier proben wir mit beiden Bands und nehmen die CDs auf. Zudem ist mein Beruf schizophren, ich brauche Ruhe, um selbst laut sein zu können. Wenn ich im Aufnahmeraum die Radiosendung produziere, muss es total leise sein, weshalb Räume in einem Industriegebiet nicht funktionieren würden. Aber ich bin flexibel, zur Not gebe ich einige Projekte auf, was mir natürlich schwerfallen würde. Also, wer was weiß, bitte gerne melden!

Mehr Infos unter www.mirkos-liederbande.de, alle anstehenden Konzerte in der Übersicht:

Bitte lächeln-Konzert: 1. Oktober, St. Pauli Kirche, 19 Uhr
Mirkos Liederbande-Konzert: 5. November, Stadtteilkulturzentrum MOTTE, 15 Uhr
Mirkos Liederbande-Auftritt: 3. November, Ernst-Deutsch-Theater, 11 Uhr
Mirkos Liederbande-Auftritt: 2. Dezember, Stadtteilkulturzentrum MOTTE, 15 Uhr

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