Kolumne: Mein Viertel heißt Ottensen

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Insider-Tipps, Entdeckungen und Rundgänge: In dieser Kolumne schreibt Ur-Ottenser Gerd Blank regelmäßig über "sein Viertel".

Und da steht er wieder, der Wassereimer. Ist er euch auch schon aufgefallen? Eigentlich kann man ihn gar nicht übersehen, wenn man zur S-Bahn im Bahnhof Altona geht. Einfach die Haupttreppe runter – und schon stolpert man fast darüber. Er fängt das Wasser auf, das wieder einmal von der Decke tropft. Es scheint fast so, als will der Bahnhof einfach nicht fertig werden.

Das passt ins Bild: Der Altonaer Bahnhof wird für mich wohl immer der neue Bahnhof bleiben – auch wenn ich mich an den alten nur bruchstückhaft erinnere. 1974 wurde dieser abgerissen, um dem neuen Platz zu machen. Ich war zehn, als die unterirdische S-Bahn eröffnet wurde. Ich werde es nie vergessen, als ich das erste Mal vom Busbahnhof die Treppe runtergegangen bin und vor der riesigen Lok stand, die man mit 50 Pfennig in Bewegung setzen konnte.

Der neue Bahnhof war damals ein Paradies: So viele Geschäfte, so viele tolle Dinge, die es zu entdecken gab. Von hier ging es in die Welt hinaus – auch wenn die Welt manchmal auf Sylt, in Berlin oder Pinneberg endete. Seit dieser Zeit wurde der Bahnhof häufig umgebaut, erweitert und wieder verbessert: Gekommen sind neue Läden, geblieben sind alte Schäden. Und obwohl ich das hässliche Gebäude ganz sicher nicht vermissen werde, wenn der Fernbahnhof zum Diebsteich zieht: Der Bahnhof wird für immer der Startpunkt für mein Ottensen bleiben. Hier beginnt mein Viertel. Und er zeigt vor allem besser als jedes andere Bauwerk, wie sehr sich das Viertel immer wieder verändert und neu erfindet. So ist es klar, dass ich für meine neue Kolumne auf kiekmo hier starte.

Es ist Liebe

Künftig schreibe ich hier regelmäßig über mein ganz persönliches Ottensen. Darüber, wie sich das Viertel wandelt, wie neue Nachbarn das Gesicht Ottensens verändern – und wo dennoch die Tradition der Offenheit und Solidarität aufrechterhalten bleibt. Ich treffe mich mit Menschen, die das Viertel prägen oder zeige euch, wo ich mir Klamotten oder Leckereien kaufe.

Die Mottenburg ist kein Stadtteil wie jeder andere. Wo kann man sich sonst so herrlich bei einem Kaffee aus ökologisch korrekten Pfandbechern über kleine oder große Dinge streiten? Wo kann man sonst von Punks lernen, wie man Hunde erzieht? Wo sonst kann man mit den Füßen im Sand den großen Containerschiffen hinterher winken? Wo sonst wird bei fast jeder baulichen Veränderung gleich ein Schwanengesang angestimmt – um dann schnell bei Ikea ein paar Teelichter zu kaufen? Ich erinnere mich noch gut an die Proteste, als das Mercado gebaut wurde. Die Angst war groß, dass der Shopping-Tempel die kleinen Geschäfte kaputt machen würde. Stattdessen blühte die Ottenser Hauptstraße auf – und lief der Neuen Großen Bergstraße auf der anderen Seite des Bahnhofs den Rang ab.

Das ist zwar Jahre her – doch es bleibt auch künftig wichtig, für Ottensen zu streiten – schließlich ist es unser Zuhause und wir nehmen eben nicht alles einfach so hin. Wir haben kein Problem mit Veränderungen, aber oft bringen diese halt nichts Gutes. Warum musste das Blaue Barhaus schließen – nur um jetzt schon seit Monaten leer zustehen? Warum wird im Viertel jeder Quadratmeter Grünfläche als potenzielles Baugrundstück betrachtet? Und warum können es sich immer seltener junge Familien mit ganz normalen Jobs leisten, in Ottensen zu leben? Und wo sind eigentlich die ganzen Läden für die älteren Nachbarn hin? Nein, Ottensen ist ganz sicher nicht perfekt.

Wir sind Ottensen

Und dennoch gibt es für mich keinen lebenswerteren Stadtteil in Hamburg. Mein Ottensen ist ein Stadtteil des streitbaren, aber friedlichen Miteinanders. Fremdes wird hier mit offenen Armen empfangen, weil es als Bereicherung erkannt wird. Allein kulinarisch findet man im Stadtteil unglaublich viele Nationalitäten – und das spiegelt sich natürlich auch bei den Einwohnern wider. Wir haben die Elbe vor der Tür und viele Parks im Herzen. Unsere Straßenführung treibt Besucher von der anderen Alster-Seite in den Wahnsinn, unsere Restaurants sind legendär. Wir sind Multikulti und dennoch traditionell. Bei uns ist immer irgendwo eine Baustelle oder ein Theater. Wir sind die Schanze für Erwachsene – ganz ohne Galao-Strich.

Wo geht man hin, wenn man gut essen, trinken, einkaufen oder schnacken möchte? Wo tanzt man oder macht selbst Musik? Wo lernt man sich kennen – und vor allem: Wo lebt man wirklich, wenn man hier lebt? All das möchte ich gemeinsam mit euch regelmäßig neu- und wiederentdecken. Es würde mich freuen, wenn ihr mich auf meinen Rundgängen durchs Viertel begleitet – und mir vielleicht auch den einen oder anderen Themen-Vorschlag schickt. Nutzt dazu auch gern die Kommentar-Funktion unserer kiekmo-App.

Und wer weiß: Vielleicht seht ihr mich ja, wenn ich ein Bier im Familieneck trinke, in der Fabrik tanze oder ein Zimtgebäck vorm "Zeit für Brot" esse oder im Bahnhof noch schnell ein paar Zeitschriften kaufe. Dann sprecht mich an und schnackt mit mir über unser Ottensen.

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