Ensemble vom Klabauter Theater: Weg aus der sozialen Nische

Das Ensemble vom Klabauter Theater (© Jakob Boerner )

Wenn Menschen mit Behinderung Kunst machen, wird dies oft als soziales Projekt abgetan. Doch das Klabauter Theater will seinen Schauspielern nicht die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, sondern Theater machen.

"Jeder zählt leise bis drei und klappt dann laut seinen Ordner zu“, ruft Regisseur Kai Fischer in Richtung Bühne. Noch klappt es nicht synchron, eher wie Dominosteine, die nacheinander fallen. Geduldig wiederholt er seine Anweisung, aber so richtig rund wird es auch nach dem vierten Mal nicht. Aber noch ist Kai Fischer entspannt, denn das Ensemble vom Klabauter Theater wird bis zur Premiere täglich proben. Sie sind fest angestellte Schauspieler und haben eine geistige Behinderung, was die Eigenart dieses Ensembles ist – und sichtbar wie ein Etikett der Gruppe anhängt. Dabei geht es auch hier, wie an jedem Theater üblich, um die Kunst.

Proben für das Stück "Die Zeitraffer" (© Jakob Boerner )

Vor 18 Jahren wurde das Theater gegründet, seit zehn Jahren hat es eine eigene Spielstätte im Rauhen Haus in Borgfelde. Zwar hat der Saal mit rund 100 Plätzen ihnen damals und auch heute ermöglicht, ihre Arbeiten zu zeigen, aber die Auftritte darin haben das Theater auch geformt. „Das Rauhe Haus“ als Träger hat eine starke soziale Prägung“, sagt die Leiterin des Theaters, Dorothee de Place. „Dadurch werden wir oft als soziales Projekt angesehen, was die künstlerische Arbeit überlagert.“ Stücke, die von Menschen mit Behinderung gespielt werden, sind natürlich dadurch beeinflusst, es ist eine besondere Form von Theater, die man mögen muss. Aber so ist Kunst ja immer: Geschmackssache. Dorothee de Place betont, dass sie sich genau diese Normalität wünsche. „Es ist völlig in Ordnung, aus geschmacklichen Gründen abgelehnt zu werden“, sagt sie. „Aber nur aufgrund des sozialen Aspekts wahrgenommen zu werden, ist positive Diskriminierung.“

Dorothee de Place leitet das Klabauter Theater (© Gerhard Prein )

Seit die 40-jährige Regisseurin im Sommer 2015 die Leitung des Theaters übernommen hat, ist ihr klar, in welche Richtung es geht: weg aus der sozialen Nische und mehr Präsenz in der Kulturszene. Ziel ist es, sich für ein breiteres Theaterpublikum öffnen, denn noch kommen die meisten Zuschauer aus dem pädagogischen Sektor. Aber das braucht Zeit und Einsatz. Ihre Überstunden zählt sie schon gar nicht mehr, weil sie weiß, wofür sie sind. Sie hat die Schlagzahl der Premieren von einer in zwei Jahren auf vier in einer Saison erhöht. Seit dem letzten Jahr nehmen die Klabauter an dem Hamburger Festival der Freien Theaterszene „Hauptsache Frei“ teil, sie lädt vermehrt Gastspiele ein, und sie sind Partnertheater einer Gewerbeschule im „Theater und Schule“-Programm der Stadt Hamburg, kurz Tusch.

Die Diskussionen mehrerer Jurys, ob die Klabauter-Produktionen mit in die Auswahl für ihre Theaterpreise aufgenommen werden, sind langwierig. Das hängt von der grundsätzlichen Entscheidung ab, ob die Stücke als professionelles Theater anerkannt werden. Aber was genau bedeutet „Professionalität“ für Menschen mit einer geistigen Behinderung? „Es gibt für Menschen mit Behinderung keine anerkannte Ausbildung in Deutschland“, so Dorothee de Place, „Aber Professionalität ist auch, wenn jemand seit 18 Jahren jeden Tag Theater spielt, wie einige im Ensemble.“ Dass es nicht nur „performatives Rumgehopse“ ist, wie sie sagt, sondern die Schauspieler einen Lernprozess durchlaufen, unterstreicht ihre Stückauswahl im letzten Jahr, wie das Sophokles-Drama „Ajax“ oder „Nichts“, ein chorisches Erzähltheaterstück.

Aber nicht nur das Fachliche zeichnet einen Profi aus, auch die Einstellung muss stimmen: „Die Klabauter haben das Selbstverständnis von Künstlern, das bedeutet, sie widmen der Kunst ihr Leben, und sie verdienen damit ihr Geld.“ Die Löhne der zwölf Schauspieler muss das Theater selbst einspielen. Dass jeder im Ensemble mitverantwortlich ist, dass angesetzte Aufführungen stattfinden, ist allen klar. Auch klar ist, dass sie zum Beispiel während der Hamburger Theaternacht den ganzen Abend über durchspielen und dafür morgens die übliche Probe wegfällt. Was erst mal nicht erwähnenswert klingt, aber für zum Beispiel Autisten eine enorme Herausforderung ist, wenn sich der Tagesablauf ändert. Auch das gehört dazu.

(© Jakob Boerner )

Als Schauspieler zu arbeiten bedeutet für jeden in der Gruppe unterschiedliche Schwierigkeiten, je nach Form seiner Behinderung. Der eine hat zum Beispiel mit Angststörungen zu kämpfen, die äußerlich nicht erkennbar sind. Ein anderer kann sich aufgrund von Spastiken nur eingeschränkt bewegen. Einige sind stark sehbehindert und bei einem anderen ist sein Tun nicht auf Abruf wiederholbar. Das ist, was ihre individuelle Behinderung kennzeichnet. Doch ein Ensemble lebt von Talent, was für das Gelingen der Inszenierungen letztendlich ausschlaggebend ist: Hier hat einer der Schauspieler ein Gedächtnis wie ein Schwamm und kann in kurzer Zeit 40-minütige Monologe auswendig lernen. Einer hat ein außergewöhnliches Rhythmus- und Körpergefühl und der Nächste kann gut mit dem Publikum spielen. Doch als Regisseurin ist jeder einzelne für Dorothee de Place eine Herausforderung, aber sie sagt, sie habe in der Zusammenarbeit begriffen, jeden so anzunehmen, wie er sei. „Hier ist es ganz offensichtlich, dass wir alle unsere Grenzen haben, dass man scheitern kann, was wir jeden Tag tun, und das ist in Ordnung“, sagt sie.

Noch ist das alltägliche Leben, dort, wo Begegnungen stattfinden, wie in Schulen oder in Sportvereinen, nicht darauf ausgelegt, dass Menschen ohne und mit Behinderung regelmäßig zusammenkommen. Es braucht nach wie vor staatliche Programme und Begriffe wie „Inklusion“, die das einfordern. „Der Gewinn einer inklusiven Gesellschaft ist, dass wir alle voneinander lernen wurden“, sagt Dorothee de Place, „Aber das Zusammenleben in einer diversen Welt braucht nicht nur Akzeptanz und Toleranz, sondern vor allem Normalität.“

Information
Aktuell zeigt das Klabauter Theater das Stück „Die Zeitraffer“: Die Inszenierung setzt sich mit der Zeit auseinander. Durch eine gesellschaftliche Absprache in Sekunden, Stunden und Jahre getaktet, scheint die Zeit für alle gleich zu sein, doch in der Wahrnehmung jedes einzelnen sehr unterschiedlich. Das Ensemble zeigt in poetischen und dokumentarischen Szenerien verschiedene Perspektiven auf die Zeit, im Bewußtsein ihrer eigenen Vergänglichkeit. Dabei kommen Fragen auf wie "Wem würden wir Zeit schenken, wenn dies möglich wäre und warum?" oder "Was macht die Zeit so wertvoll?"

Das Stück ist in Kooperation mit dem freien Künstlerduo „Die Azubis“ entstanden, die vor Kurzem mit dem diesjährigen Hamburger Kindertheaterpreis ausgezeichnet wurden.

"Die Zeitraffer" läuft im Klabauter Theater an folgenden Terminen:
25.11., 30.11., 1.12. um 19:30 Uhr
3.12. um 16 Uhr

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