Friedenseichenplatz, heute Alma-Wartenberg-Platz, im Jahr 1962 (© Stadtteilarchiv Ottensen / Kurt J. Scheffer )

kiekmo-Kolumne: Eine Zeitreise durch Ottensen

An dieser Stelle schreibt Wahl-Hamburgerin Sophia über ihre liebsten Orte und schönsten Entdeckungen in Ottensen und gibt ihren Senf zu Themen dazu, die das Viertel beschäftigen. Heute nimmt sie euch mit zu ihren Lieblingsorten mit spannender Vergangenheit.

Spulen wir die Zeit mal ein bisschen zurück: Ottensen, damals noch ein kleines Dorf mit dem Namen Ottenhusen, wurde das erste Mal im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Knappe dreihundert Jahre später fiel das Bauern- und Handwerkerdorf unter dänische Herrschaft, 1866 wurde es Teil der preußischen Provinz Schleswig-Holstein und gehörte damit, im Gegensatz zu Altona und Hamburg, zum Deutschen Zollverein. Ottensen boomte und mauserte sich schnell zu einem der wichtigsten Industriestandorte in Norddeutschland.

Spaziere ich heute durch Ottensen, kann ich die lange und bunte Geschichte des Viertels noch an der einen oder anderen Ecke entdecken. Ab und zu schon bei einem Blick auf die Straßenschilder: Die Mottenburger Twiete und die Mottenburger Straße wurden zu Ehren des Spitznamen Ottensens so benannt. In der Industrialisierung verbreitete sich aufgrund der schlechten Lebensbedingungen die Tuberkulose schnell unter den Arbeitern, die Krankheit fraß buchstäblich Löcher in ihre Lungen. Wie Motten eben. Auch das Stadtteilzentrum Motte ist danach benannt, den etwas morbiden Hintergrund hat der Spitzname allerdings längst abgeschüttelt.

Die Ottenser Hauptstraße mit Blick auf die Druckwerkstatt, 1998 Stadtteilgeschichten.net/ Stadtteilarchiv Ottensen )

Dort, wo die Mottenburger Straße auf die Ottenser Hauptstraße trifft, wartet mein nächstes Ziel auf mich: Hier öffnete die Druckwerkstatt 1981 erstmals ihre Türen und verkaufte – Klopapier. Bei einem Schnack mit dem Ladenbesitzer erfahre ich, dass bei der Eröffnung recyceltes Papier noch ein Nischenmarkt war. Im alternativen Ottensen kam das natürlich gut an, und im Schaufenster der Druckwerkstatt stapelten sich neben Schreibwaren auch umweltfreundliche Klopapierrollen. Davon ist heute natürlich keine Spur mehr, einem Besuch statte ich dem kleinen Laden trotzdem gerne ab. Denn in den deckenhohen Holzregalen der Druckwerkstatt sammelt sich ein Regenbogen aus Briefpapier, Notizblöcke, Schachteln und anderen kleinen Besonderheiten zum Verschenken.

Blick in die Zeisehallen, 1965 (© Stadtteilarchiv Ottensen )

Unweit der Ottenser Hauptstraße wartet ein weiteres Gebäude mit viel Geschichte. Die Zeisehallen direkt an der Friedensallee wurden Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und beherbergten bis zu seiner Insolvenz 1979 den Schiffsschraubenhersteller Zeise. Die Wirtschaftskrise erwischte mehrere Fabriken in Altona, die Zeisehallen standen leer und verrotteten langsam. Ab Mitte der 80er wurden die alten Industriehallen wieder bezogen. Mehrere Medienunternehmen und Restaurants wie das bis heute bestehende Restaurant Eisenstein hauchten den alten Hallen wieder Leben ein. Heute spaziere ich gerne durch den Gebäudekomplex. Die hohen Fenster, Metallträger, die alten Backsteinmauern und in den Boden eingelassenen Schienen erinnern mich an die Geschichte des Gebäudes und sind ein Beispiel für gelungenen Denkmalerhalt. Meine Empfehlung: Abendessen im ältesten Lokal der Zeisehallen, der Filmhauskneipe, und anschließend zur Sneak Preview ins Zeisekino.

Postkartenansicht der Viktoriakaserne um 1900 (© Sammlung Stadtteilarchiv Ottensen )

Ein Stückchen weiter weg, aber trotzdem noch in Laufnähe, finde ich statt Kinoabend oder Restaurantbesuch oft ein alternatives Abendprogramm: 2015 hat die Genossenschaft fux eG der Stadt Hamburg die alte Victoriakaserne abgekauft und möchte hier ein Zentrum für Kunst, Kultur, Bildung und Gewerbe schaffen, dass abseits der immer teurer werdenden Produktions- und Schaffensräume in Altona existiert. Ein ganz schön großer Kontrast zu den ehemaligen Bewohnern der Kaserne. Diese wurde 1883 von den Preußen fertiggestellt und beherbergte bis zur Gründung der Weimarer Republik Soldaten der Infanterie. In den darauffolgenden Jahren gingen die Altonaer Polizei, die Gestapo, das Hamburger Zollamt und Forscher für Meeresbiologie der Uni Hamburg durch die Kasernengänge. Heute sitzt hier auch der Verein Frappant, der regelmäßige Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Parties organisiert. An der Fassade der alten Kaserne habe ich mein Lieblingsstück Altonaer Geschichte entdeckt. Denn an der Außenwand haben Soldaten vor über hundert Jahren kleine Botschaften in die Backsteinziegel geritzt – sie zu entziffern, ist Detektivarbeit und fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise.

Wenn ihr gerne in der Vergangenheit stöbert, könnt ihr euch auf eure eigene Erkundungstour durchs Viertel machen. Zu Fuß, oder ganz bequem von Zuhause: Auf der Webseite des Stadtteilarchivs findet ihr Fotos und viele weitere interessante Informationen zur Geschichte Ottensens.

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