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Hamburg stolpert über seine Geschichte

Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal weltweit. In Hamburg wird aktuell 5285 Mal auf der Straße an das Schicksal eines Menschen erinnert, der dem Nationalsozialismus zum Opfer fiel.

Wir alle wissen, wie grausam und unmenschlich der Terror des Nationalsozialismus mit seinen Auswirkungen gewesen war. Doch vieles bleibt theoretisch, abstrakt und gerät in Vergessenheit. Dabei ist es gerade in der heutigen Zeit, in der die Demokratie in vielen europäischen Ländern bröckelt, um so wichtiger sich daran zu erinnern, zu welcher Katastrophe die damalige "Rassen-Ideologie“"geführt hat.

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Dafür braucht es kein Museumsbesuch oder eine Fahrt zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme, man muss nur achtsam durch die Stadt gehen. Denn viele kleine Denkmäler erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus: 5285 Stolpersteine sind es mittlerweile in Hamburg (heutiger Stand), die in Gehwegen eingelassen wurden. Und den jeweils letzten selbstgewählten Wohnort eines Menschen kennzeichnen, der durch das NS-Regime in "Schutzhaft" genommen, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurde. Darunter waren nicht nur Juden, auch Homosexuelle, Menschen mit Behinderung und alle, die nicht der damaligen Rassenlehre der Nazis entsprachen. Wer sich die Mühe macht, die Gravur auf der Messingplatte zu lesen, wird erfahren, wer aus dem dazugehörigen Haus verschleppt wurde, dessen Deportations-Stationen und das Todeslager. Denn "das Grauen begann nicht erst in Auschwitz, Treblinka oder in anderen Lagern, es begann in unseren Nachbarschaften, in unserem Haus, vor unserer Tür!", wie es auf der Internetseite der Hamburger Stolpersteine heißt. Und vielleicht steckt auch hinter der Fassade eures Hauses, dem eurer Freunde oder eures Stammlokal eine dieser Geschichten.

Das größte dezentrale Mahnmal weltweit

Knapp 61.000 Stolpersteine in 1.100 deutschen Orten und 20 europäischen Staaten hat der Künstler Gunter Demnig seit 1995 verlegt. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Gunter Demnig den Talmud. Aus diesem Grund möchte der Initiator des weltweit größten dezentralen Mahnmals mit diesen Steinen den Opfern, die für die Nazis nur eine Nummer waren, ihre Namen zurückgeben. Die Inschriften fertigt Demnig nach wie vor unabhängig an. Dabei hätten die Forscherinnen und Forscher des Projektes "Biographische Spurensuche" oftmals andere Begrifflichkeiten gewählt, wie sie auf der Internetseite der Hamburger Stolpersteine schreiben. So wie beim Stein für Erna Lieske, über den die "Taz" im Jahre 2014 berichtet hatte. Auf dessen Messingplatte stand die Bezeichnung "Gewohnheitsverbrecherin", ein Begriff der Nazis. Dass auf einem Gedenkstein die Sprache der Verbrecher verwendet wurde, hatte die Enkelin sehr geschockt. Der Stolperstein wurde ausgetauscht. Die Finanzierung und Verlegung der 96 mal 96 Millimeter großen Denkmäler wird von Paten übernommen, und jeder, der Interesse hat, kann sich bei den Initiatoren von "Stolpersteine in Hamburg", Peter Hess und Ingo Wille, per Mail melden.

Hamburg wird seiner jüdischen Geschichte gerecht

Wie die Anzahl der Stolpersteine in unserer Stadt bezeugt, engagieren sich die Hamburger zahlreich für dieses Projekt. Das erste quadratische Denkmal wurde hier im Juni 2002 gelegt. Dieser Stolperstein in der Hartungstraße 1 erinnert an Prof. Dr. Siegfried Korach. Der jüdische Internist arbeitete bis 1930 als Chefarzt des Israelitischen Krankenhauses und war 1943 nach Theresienstadt deportiert worden, wo er im Konzentrationslager starb. Bis 1933 war Hamburg mit rund 23.000 Mitgliedern die viertgrößte jüdische Gemeinde im Deutschen Reich. Aber nicht nur im Grindelviertel, rund um die damalige Hauptsynagoge am Josef-Carlebach-Platz, fand das zentrale jüdische Leben statt, auch zum großen Teil in Altona. Der Stadtteil bildete bis Mitte der 1930er Jahre das "jüdische Zentrum des Nordens". Mehr als 2000 jüdische Bürger lebten dort – 1943 keiner mehr. Im Großbezirk Altona erinnern rund 320 Stolpersteine an die Opfer – bestimmt durch Demütigungen und grausame Willkür, die meist in einem gewalttätigen Tod endete, so wie die drei nachfolgende Schicksale zeigen:

(© Hedda Bültmann )

In der Langen Straße 23 erinnert ein Stolperstein an Alfred Beckmann. Er wurde aufgrund seiner Homosexualität von einem Bekannten angezeigt, vom NS-Verfolgungsapparat verhaftet und am 12. Mai 1943 in der Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet.

Sieben Stolpersteine in der Bernstorffstraße vor dem Haus mit der Nummer 99, erinnern an Issak, Erwin, Gerda, Hella, Hermann, Markus und Szlama Pulka. Eine Familie, deren Mitglieder entweder im Vernichtungslager umgebracht wurden oder in einem Ghetto starben.

Oder in der Unzerstraße 10, wo Willi Hans Miersch, gerade 25-jährig, in seiner Wohnung durch einen Kopfschuss von der damaligen Polizei getötet worden war – während er sein Wohnzimmerfenster im zweiten Stock schließen wollte. Am "Altonaer Blutsonntag", dem 17. Juli 1932, hatte die Hamburger und Altonaer Polizei in den engen Gassen des Viertels in unverantwortlicher Weise von Schusswaffen Gebrauch gemacht, sechzehn Menschen starben durch Schüsse aus Polizeiwaffen, offenbar teils gezielt, teils durch Querschläger.

(© Hedda Bültmann )

Diese und mehr als 3000 Biographien von Menschen, für die in Hamburg ein Stolperstein gesetzt wurden, wurden in dem Projekt "Biographische Spurensuche" erforscht. Rund 300 Forscher aus Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchiven setzen sich seit über zehn Jahren mit Hamburgs jüdischer Geschichte auseinander. Die Biographien haben sie in einer stadtteilbezogenen Buchreihe veröffentlicht, darunter auch "Stolpersteine in Hamburg Altona und Elbvororte". Die Publikation ist für drei Euro im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung erhältlich.

Auf Spurensuche

Die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands haben Familien auseinandergerissen. Wer auf der Suche nach Angehörigen ist oder dessen Schicksal klären möchte, kann sich an den International Tracing Service (ITS) wenden. Hier landen jährlich tausende Anfragen.

Nach Namen, Orte und Biografien kann auf der Internetseite der Hamburger Stolpersteine gesucht werden. Dort erfahrt ihr auch alles Wissenswerte rund um die Hamburger Stolpersteine, wie Rundgänge, Literatur und Hintergrundwissen. Ein Verzeichnis der Stolpersteine in Altona-Nord und Altona-Altstadt, sowie für alle anderen Stadtteile, findet ihr auf Wikipedia.

Aber auch die andere Seite muss ein Gesicht bekommen: die Schergen des Nationalsozialismus. Die, die am größten Menschheitsverbrechen der deutschen Geschichte beteiligt waren. Auf dieser Internetseite der Stadt Hamburg kann mit Hilfe von unterschiedlichen Schlagwörtern gesucht werden: nach Hamburger NS-Täter, Profiteuren und Denunzianten.

Die Stolpersteine sind ein großartiges Projekt, und jeder einzelne erinnert uns täglich, wie gut wir es haben.

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