(© Jenny V. Wirschky )

"Gefunden und gelesen" in Eimsbüttel: Bücher von der Bank

Sie liegen auf Bänken, auf Mauervorsprüngen, in der Bahn, im Park: ausgelesene Bücher, die jemand dagelassen hat, um die Geschichte weiterzugeben. "Hunger" von Doris Lessing wurde am 14. Mai in Eimsbüttel in der Bellealliancestraße auf einer Bank gefunden, mitgenommen und gelesen. Eine Buchvorstellung.

Hunger erzählt ein Stück afrikanische Geschichte, gezeigt am Schicksal eines Jungen, der in der Dritten Welt aufwächst und mit den Nachwehen der Kolonialisierung kämpft. Zwischen neuer Zivilisation und antiquierter Kultur entstehen die Slums, die heute das Motiv weltpolitischer Benachteiligung sind. Es geht um die Schaffung der eigenen Identität, um jene der Gesellschaft, in der er lebt und um den existenzialistischen Kontrast zur Identität der reichen Welt, des großen Lebens. Im englischen Original unter "Hunger" firmierend, ist Doris Lessings Erzählung aus den 1980ern Teil ihrer Anthologie afrikanischer Erzählungen.

Reflexion des eigenen Lebens

1919 geboren und in Simbabwe aufgewachsen, erlebte die spätere Literaturnobelpreis-Trägerin eine Kindheit zwischen britischen Siedlern und indigener Bevoölkerung. Und beides war tragisch. Die Reflexionen auf die kindliche Begegnung mit aussichtslosen Schicksalen finden sich vor allem im Erzählband Nine African Stories von 1964.

In Hunger träumt der afrikanische Junge Jabavu von Landflucht: raus aus seinem Dorf, rein in die große Stadt. Hunger nach dem großen Leben, wie der Roman in der Neuveröffentlichung heißt, treibt Jabavu an. Er lernt lesen, plant seine mehrtägige Abenteuerreise per pedes in die vielversprechende Metropole. Dort angekommen, erwarten ihn – unvorbereitet wie er auf die neue Welt ist – vorbestimmte Probleme. Schauplatz ist das afrikanische Metropol-Ghetto der 1940er Jahre, in dem sich die neue, selbstgewählte Familie des Protagonisten organisiert: eine aus der Not geborene Diebesbande, bestehend aus Milieumitgliedern sozialer Brennpunkte.

Existenzialistische Grundzüge

Abgesehen von dem intimen Einblick, den Doris Lessing dem unbedarften Leser aus besseren Verhältnissen auch heute noch gewährt, forciert der Plot die existenzialistische Überlegung, ob Jabavu nicht besser dran gewesen wäre, wenn er in seinem Dorf geblieben und nicht seinen Träumen gefolgt wäre. Eine dem menschlichen Hochkultur-Bedürfnis der Selbstverwirklichung vollkommen widerstrebender Gedanke, der sich umso mehr wie ein Strick um die Logik des aufgeklärten, humanistischen Erste-Welt-Bürgers schnürt, als dass man zu denken gezwungen ist, die Selbstverwirklichung im Kopf afrikanischer Hungerleider käme wohl erst nach dem Bedürfnis der Selbsterhaltung. Mit einer damals revolutionären sprachlichen Genauigkeit hält Lessing uns die Quintessenz vor Augen, dass jeder von uns prädestiniert ist. Sie wirft uns damit einen Fatalismus vor die Füße, mit dem sich kaum ein denkender Mensch arrangieren kann. Nicht nach Sartre und de Beauvoir. Und eigentlich verführt sie damit zum Handeln.

Buchrezension: Jenny V. Wirschky

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