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Gänsehaut im Volkspark: 50.000 Fans singen "Mein Hamburg lieb ich sehr"

Am 12. Mai 2018 war das für unmöglich Geglaubte besiegelt: Der Hamburger Sport-Verein ist zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die 2. Bundesliga abgestiegen. In diesem Moment zwischen Tränen, Wut und Fassungslosigkeit sang das Stadion "Mein Hamburg lieb ich sehr".

Jan-Michel Deutsch, besser bekannt als "Muchel", ist seit 14 Jahren Sänger der HSV-Band Abschlach! und natürlich HSV-Fan durch und durch. Der 12. Mai 2018 war verständlicherweise kein schöner Tag für ihn, doch als die Fans plötzlich das Lied seiner Band anstimmten, war es irgendwie doch ein ganz besonderer Moment.

Muchel, wie hast du jene Minuten im Volkspark erlebt, als das Schicksal des HSV besiegelt war und die Fans euer Lied gesungen haben?

Muchel: Es war ein komisches Gefühl, jetzt hatte es uns wirklich getroffen. Dieser Moment, über den man Jahre zuvor immer schon nachgedacht hatte, wie er wohl werden würde. Bricht man in Tränen aus? Möchte man alles kurz und klein schlagen? Oder geht man nach Hause und hakt es nach all den Jahren im Mittelmaß einfach ab? Irgendwie war es eine Leere, ein Schweigen und ein starrer Blick ins Volksparkstadion. Die letzten Jahre waren einfach kräfteraubend. Ich wollte gar nicht mehr durchdrehen oder weinen. Es war fast ein bisschen "Tja, dann ist es eben so".

Dann aber war da dieser Moment, als sich das Stadion erhob und "Mein Hamburg lieb ich sehr" sang. Mir schossen die Tränen in die Augen! Da war es, dieses Typische für uns HSVer! In der schwersten Stunde der Vereinsgeschichte, während gefühlt ganz Fußball-Deutschland uns den Abstieg wünschte und die Medien nur drauf warteten, dass sich der Verein selbst zerfleischt, zeigten wir allen den F***finger und rückten ein Stück enger zusammen.

Gehen wir mal ein paar Jahre zurück: 2004 bist du als Trompeter und Sänger zur Band gestoßen, wie kam das?

Muchel: Wir kannten uns teilweise schon durch die HSV-Szene und von gemeinsamen Auswärtsfahrten. Bei dem einen oder anderen Bier auf den Touren kam dann heraus, dass ich in irgendeiner Form einer Trompete begrenzte Töne entlocken kann. "Ach, du spielst Trompete? Das könnte ganz cool passen!“ So oder so ähnlich war das Gespräch mit Michi Wendt (Anm. d. Red. zweiter Sänger der Band) und so kam ich dann zu Abschlach!.

Ihr seid alle mit viel Herzblut dabei, aber nun ist das Bandgeschäft ja nicht euer Hauptjob und Familie hast du auch. Nichtsdestotrotz spielt ihr Konzerte, produziert Alben und tretet im Stadion auf. Wie bekommst du das alles unter einen Hut?

Muchel: Mit einer sehr toleranten Frau an meiner Seite, die mir den Rücken freihält. Es ist echt einiges, was an Zeit für das Hobby drauf geht. Wir proben einmal die Woche, wenn wir Konzerte geben, ist das Wochenende komplett verplant und der Jahresurlaub geht teilweise für das Tonstudio drauf. Meine Tochter war jetzt schon auf ein paar Konzerten mit dabei, das macht einen als Vater dann sehr stolz. Sie ist teilweise textsicherer als ich es bin (lacht).

Was waren eure größten Erfolge und Momente in der Bandgeschichte?

Muchel: Da gibt es einige und ich würde das gar nicht an bestimmten Ereignissen fest machen wollen. Grundsätzlich ist es für uns immer ein Erfolg, wenn nach jahrelanger Arbeit und schweißtreibenden Proben ein Album fertig ist und wir es in den Händen halten. Besondere Momente sind aber auch immer wieder die Konzerte, wenn wir irgendwo mitten im "Feindesland" bei einem HSV-Fanclub spielen oder in der ausverkauften Großen Freiheit und mit unseren Fans rocken. Dann weiß man, warum man das Ganze macht und wieso es so einen Spaß macht.

Durch dein Engagement bei Abschlach! bist du sehr eng mit dem HSV verbunden, wie war der Abstieg Mitte Mai für dich?

Muchel: Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite will man auf keinen Fall absteigen und in der ersten Liga bleiben, aber dann denkt man sich nach all den Jahren im Mittelmaß, dass wir es echt mal verdient haben abzusteigen. Das Glück ist aufgebraucht und wir brauchen einen Neuanfang. Es tut gut, jetzt auch mal wieder Erfolge zu feiern und wenn wir am Ende das Rückspiel gegen St Pauli gewinnen und wieder aufsteigen, dann war die zweite Liga ganz geil. In der nächsten Saison singen wir dann im Stadion: 6 x Deutscher Meister, 3 x Pokalsieger, einmal 2. Liga – HSV!

In diesem Jahr feiert ihr euer 15-jähriges Bühnenjubiläum und habt dazu im Oktober eine Platte mit dem passenden Titel "Geile Zeit" veröffentlicht. Was erwartet die Fans auf dem neuen Album?

Muchel: Ein sehr abwechslungsreiches Album mit einem unverkennbaren Abschlach!-Sound und mit Songs aus dem Leben, dem HSV und einer Prise Selbstironie. Wir entwickeln uns von Album zu Album weiter, ohne dass wir irgendein Ziel vor Augen haben. Auch wenn ich das ja nicht so ganz objektiv bewerten kann, finde ich, dass es das beste Album von uns ist.

Für das Cover habt ihr euch etwas ganz Besonderes ausgedacht und die Fans zu einem Teil des Ganzen gemacht. Erzähl uns davon!

Muchel: In der Tat ist das beziehungsweise sind die Cover etwas ganz Besonderes. Wir wollten unsere Fans, die uns seit 15 Jahren begleiten, zu einem Teil der CD machen. Wir haben dazu aufgerufen, uns Namen oder Fanclubnamen zu schicken, um sie dann auf das Cover zu drucken. Womit wir nicht gerechnet haben, ist, dass wir so viele Namen zugeschickt bekommen. Am Ende mussten wir fünf verschiedene Cover drucken, damit alle einen Platz darauf finden.

Was habt ihr mit Abschlach! für 2019 geplant? Gibt es weitere Konzerte oder wieder ein neues Album?

Muchel: (lacht) Wir sind froh, wenn wir es schaffen, alle drei Jahre ein Album zu machen. Trotzdem sind wir gerade so angefixt, dass wir für 2019 etwas planen — mehr darf ich aber noch nicht erzählen. Ausserdem werden wir 2019 das erste Mal eine Doppelshow im Docks spielen. Da freuen wir uns schon drauf, das wird wie immer eine mega geile Party.

Und natürlich die unvermeidliche Frage zum Schluß: Steigt der HSV im Mai 2019 wieder auf?

Muchel: Ich versteh' die Frage nicht (lacht). Nein, mal im Ernst, der Verein gehört in die erste Liga. Auch wenn einige es nicht zugeben würden, aber die erste Liga ohne den HSV ist nur halb so geil.

Vielen Dank für das Gespräch, Muchel.

Muchel: Danke und "Nur der HSV!".

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