Frauenmusikzentrum: Hier spielt die Musik – ganz ohne Männer

Unsplash/Junior Pereira )

Herzlichen Glückwunsch: Das Frauenmusikzentrum feiert 30. Geburtstag! Viele Bands haben hier musikalische Erfahrungen abseits der Männerwelt gesammelt, konnten bei Proben unter sich sein und Kontakte in die Musikwelt knüpfen können. Warum das immer noch wichtig ist, erfahrt ihr im Interview.

Eine Institution nur für Frauen – das war in den 1980er Jahren für viele musikalisch interessierte Frauen ein sehnlicher Wunsch. Aus dem Frauenmusikzentrum (fmz) hat sich im Lauf der letzten dreißig Jahre eine feste Größe für professionelle Musikerinnen mit Proberäumen, Workshops und vielfältigen Möglichkeiten der Vernetzung entwickelt.

Ende des Monats wird groß gefeiert: Mit einer Party inklusive Konzert im Knust und einem großen Sektempfang im Frauenmusikzentrum. Ein Gespräch mit Anne Koenen (Musikerin und stellvertretende Geschäftsführerin des fmz), Sarah Höfling (Presse und Öffentlichkeitsarbeit) und Daphne Pajunk (Klarinettistin, Songwriterin und Vorstandsfrau).

(© Lisbeth Dam Nielsen )

In diesem Jahr feiert das Frauenmusikzentrum sein 30-jähriges Bestehen. Anne, wie ist damals die Idee entstanden, eine Plattform speziell für Musikerinnen zu schaffen?

Anne: Alles begann 1984 mit der Frauenmusikwoche in Worpswede. Die hatte riesigen Anklang bei den Teilnehmerinnen gefunden. Daraus entstand der Wunsch: wir wollen eigentlich immer zusammen Musik machen, wir wollen ein eigenes Zentrum. Dieses Bedürfnis kam natürlich auch aus der damaligen Frauenbewegung. Es gab sehr viel Idealismus und Aktionismus. Es ging dann auch ganz schnell und in Hamburg wurde ein Raum gefunden.

Wie finanziert sich das fmz?

Sarah: Wir werden mit 25.000 Euro von der Stadt Hamburg, von der Kulturbehörde unterstützt. Der Rest sind Mitgliederbeiträge. Wir haben 110 Mitgliedsfrauen, durch deren Beiträge wir uns finanzieren.

Anne: Wenn man Vollmitglied ist und einen Schlüssel für die Proberäume hat, ist der monatliche Beitrag 48,50 Euro für bis zu neun Stunden Zeit in der Woche. Wer mehr Stunden braucht, zahlt etwas mehr. Einzelne Bandmitglieder zahlen 14 Euro, das ist sehr günstig. Sie haben allerdings keinen eigenen Schlüssel. Die Musikerinnen, die hier unterrichten, zahlen auch einen etwas erhöhten Beitrag, da sie ja damit Geld verdienen. Insgesamt machen die Mitgliederbeiträge etwa 60 bis 75 Prozent des Budgets aus.

Sarah: Und wir haben noch ein paar Fördermitglieder, die hier selbst nicht proben, das Zentrum aber unterstützen wollen.

Anne: Wir versuchen außerdem über Vermietung Geld reinzukriegen. Das müssen wir, sonst kommen wir nicht hin. Wir verleihen Technik und Instrumente. Nicht im großen Stil, aber für Mitglieder oder befreundete Projekte.

(© Lisbeth Dam Nielsen )

Wie sind eure Proberäume ausgestattet?

Anne: Wir haben fünf schallisolierte Proberäume mit Schlagzeug, Klavier, E-Gitarren und E-Bass. Dazu Mischpult und Gesangsanlagen, dass man verstärkte Musik machen kann. Die Musikerinnen können auch ihre eigenen Instrumente hier anschließen. Sie bekommen von unserer Tontechnikerin Peta Devlin am Anfang eine Technikeinführung – und dann kann sie natürlich als Expertin auch immer gefragt werden.

Daphne: Peta macht immer wieder tolle Technik-Workshops, zum Thema E-Gitarrenverstärker, Mischpult oder akustische Verstärkung.

Am Anfang gab es sehr viele Frauenbands. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?

Anne: Es gibt natürlich immer noch einige Bands, aber in den 80ern war das so ein richtiges Coming-out: Wir machen Musik, wir gründen ’ne Band! Sich ausprobieren, draufhauen und Lärm machen, war damals die Devise. Natürlich nicht nur, aber das war schon ein wichtiger Impuls. Es gab von Anfang an aber auch immer einen Anteil an professionellen Musikerinnen. Viele Bands haben sich im Laufe der Zeit aus beruflichen Gründen wieder aufgelöst, die meisten Gruppen waren am Anfang ja nicht so professionell. In den letzten zehn Jahren gab es eine Singer/Songwriterinnen-Bewegung. Das war eine Zeitlang extrem, dass viele allein oder zu zweit mehr ruhige Musik gemacht haben und die Frauen selber Songs geschrieben haben. Das Bedürfnis, sich auszudrücken war stark bei den jüngeren Frauen. Viele sind selbstverständlicher in die Musik reingewachsen als ihre Mütter. Sie haben ein Instrument erlernt, sodass auch die Professionalisierung inzwischen einen höheren Stellenwert hat. Momentan habe ich das Gefühl, es gründen sich wieder mehr Bands. Nicht mit elektronischer Musik, sondern mit handgemachter Musik.

Die Percussion-Band Trude träumt von Afrika (© Annette Kayser )

Sarah, ihr feiert bereits seit Juni mit monatlichen Konzertveranstaltungen, was habt ihr zum Finale eures 30. Jubiläums geplant?

Sarah: Am 24. November gibt es im Knust ein Konzert mit drei Bands, zum einen Trude träumt von Afrika: Für einen Abend kommt die Band kurz mal aus der Rente. Dann der nächste Knaller: Bernadette La Hengst und Peta Devlin von Die Braut haut ins Auge spielen nach 17 Jahren erstmals wieder gemeinsam mit Überraschungsgästen ihre alten Songs. Bevor die Party dann losgeht, spielt zum Abschluss die Ska-Band Wonderska, das sind sieben Musikerinnen aus Berlin. Am 26. November gibt es bei uns im Frauenmusikzentrum zum Abschluss des Jubiläums einen Sektempfang mit Brunch.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Frauenmusikzentrums?

Sarah: Das es so lebendig bleibt, wie es gerade ist. Ich habe den Eindruck, dass es sich in letzter Zeit gut mischt. Beim vergangenen Hausbandabend in der Motte hatten wir viele unterschiedliche Musikrichtungen. Vom Alter her und vom Publikum war es auch sehr vielseitig. Ich wünsche dem Frauenmusikzentrum, dass es so bleibt. Dass die Punkband neben der Bigband und der Mädchenband probt und jüngere Frauen nachwachsen. Wie das Indiepop-Duo Joco – eine der Schwestern war gerade vor ein paar Tagen hier. Die beiden wohnen um die Ecke und proben hier, wenn sie eine Produktion machen oder bevor sie auf Tour gehen.

Anne: Ja, da kann ich mich anschließen, dass mehr Jüngere kommen. Und ich wünsche uns auch mehr Geld. Dass wir nicht immer zittern müssen und auch mal etwas Neues anschaffen können, zum Beispiel mal ein Schlagzeug oder einen Verstärker erneuern können. Das wir eine solide Finanzierung haben, um auch gewagter planen zu können. Jetzt müssen wir immer gucken, klappt das finanziell oder nicht. Es ist auch eine ziemliche Verantwortung.
Dann wäre es auch schön, wirklich mal neue Workshops auszuprobieren. Zum Beispiel lag mir dieses Jahr bei unserem regelmäßigen Workshop-Programm ein Coaching-Workshop am Herzen, der hat aber finanziell nicht so gut funktioniert. Da müsste man eigentlich ein bisschen subventionieren können, damit es für die Frauen machbar ist und die Dozentin ein angemessenes Honorar bekommt. Die Workshops bei unserem kleinen Technikfestival im Juni 2015 und Oktober 2016 fand ich super, da gab es eine Förderung, sodass sich das auch viele leisten konnten. Das war ein sehr guter Erfolg. 60/70 Euro für ein Wochenende war sehr günstig, das konnten sich auch junge Frauen leisten. Es ging um Ton- und Lichttechnik, DJing und VJing und darum, gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen.

Die Songwriterin Daphne Pajunk auf der Motte-Bühne während der Altonale. (© Daphne Pajunk )

Daphne, glaubt du, dass heute nach über vierzig Jahren Emanzipation immer noch eine Einrichtung nur für Musikerinnen nötig ist?

Daphne: Das kann ich von mir selber schon sagen. Wenn Männer mir Technik erklären wollen, verstehe ich meistens nichts. Oder oft wollen sie das auch nicht erklären und machen das eben schnell. Ich will das aber selber können. Nur schon allein für diese Dynamik lohnt sich das, einen Raum zu haben, wo man unter sich ist. Wo man auch nicht gehemmt ist, zu sagen: nee, habe ich noch nicht kapiert. Aber auch der Sicherheitsaspekt spielt eine Rolle. Wenn ich mir andere Proberäume anschaue in dunklen Hinterhöfen und abgelegenen Bunkern. Das ist manchmal sehr gruselig. Hier ist es hell und belebt und man kann am Tag proben. Ich finde es auch wichtig, dass wir hier unter uns sein können, weil Frauen immer noch benachteiligt sind im Musikbusiness. In der Profi-Liga gibt es auch immer noch nicht so viele Instrumentalistinnen. Es gibt zwar viele Sängerinnen, aber wie viele Frauen schreiben ihren Kram auch selber?

Anne: Wenn man mal durch die Clubs geht, sieht man, dass es nur ganz langsam bergauf geht. Um das zu ändern, brauchen wir immer noch einen geschützten Rahmen zum Ausprobieren und weibliche Vorbilder, die ein positives Role Model vorleben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Angela Kalenbach

24.11. Jubiläumskonzert und Party im Knust, 20 Uhr;
26.11. Jubiläumsempfang im Frauenmusikzentrum, 12 Uhr

Infos: www.frauenmusikzentrum.de

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