Fahrradwerkstatt Sophienterrasse: Hier wird keine heiße Luft gepumpt!

(© Ulrike Fischer )

In der Sophienterrasse 1a, einer Wohnunterkunft für Flüchtlinge im noblen Harvestehude, machen sich Ehrenamtliche und Geflüchtete gemeinsam die Finger schmutzig.

In der Fahrradwerkstatt reparieren die Mitarbeiter alles, was Sattel und Reifen hat. Die Idee dazu hatte Pit Hosak, der trotz Fulltime-Job fast jeden Freitag vor Ort ist.

Pit Hosaks Jeans müssen irgendwann in den 1990ern mal modern gewesen sein, seine Locken fallen unordentlich ins Gesicht, Hände und Arme sind die eines Handwerkers. Dass er Abteilungsleiter in der Kulturbehörde ist, fällt einem jedenfalls nicht als erstes ein. Und reden will er darüber in der Fahrradwerkstatt, im Keller der Sophienterrasse 1a sowieso nicht. „Als klar war, dass hier eine Wohnunterkunft entsteht, konnte jeder in unserem Flüchtlingshilfe-Verein beisteuern, was er für richtig hielt. Und da ich erstens gern an Rädern rummontiere und zweitens dachte, dass da auch viele junge Männer kommen, die vermutlich lieber was Handwerkliches machen als in der Teestube zu sitzen, lag das mit der Werkstatt auf der Hand“, erzählt der 52-jährige Kulturmanager. Schnell fanden sich um die zehn Gleichgesinnte – die nun regelmäßig mit den Bewohnern Fahrräder reparieren.

(© Ulrike Fischer )

Fahrräder für alle Bewohner

Der gut 20 Quadratmeter große Keller ist perfekt mit gespendetem und gekauftem Werkzeug ausgestattet und erfreut sich seit eineinhalb Jahren besonders bei den Jugendlichen großer Beliebtheit. Um die 600 Räder reparierte das kleine Team bisher, 150 konnten sie neu herausgegeben. Fast alle 180 Bewohner der Sophienterrasse besitzen mittlerweile ein Fahrrad. „Nur ein ein paar Frauen fehlen noch“, erzählt Hosak.

Während des Interviews herrscht reger Betrieb. Passende Stützräder werden für das Rad der kleinen Nura gesucht, Enrico Busse und Nick Nissen, zwei aus dem Team der Fahrradwerkstatt, friemeln einen neuen Mantel auf eine Rollerfelge und Omar aus Syrien hat gerade sein Herrenrad fertig montiert. Vor zweieinhalb Jahren kam der 24-jährige Wirtschaftsstudent allein nach Deutschland, seine Eltern sind immer noch in Aleppo. Das Team hält große Stücke auf ihn, weil Omar zuverlässig und verantwortungsvoll ist. „Natürlich sind nicht alle so, manche haben so schreckliche Dinge erlebt, dass für sie schon der normale Alltag eine Herausforderung ist. Aber wenn sich nur einer von ihnen durch die Arbeit in der Werkstatt besser integriert, hat sich das Ganze schon gelohnt“, findet Hosak.

Enrico, 64, Ehrenamtlicher (© Ulrike Fischer )

und Omar, 24, aus Syrien (© Ulrike Fischer )

Heute setzen wir die Räder gemeinsam in Stand

Auch er und seine Mitstreiter lernten hier dazu. „In den ersten Monaten haben wir viel zu viel selbst gemacht. Da entstand dann so ein Art Anspruchshaltung, ‚Mach mir mal das Rad fertig‘, das war natürlich der falsche Weg. Heute setzen wir die Räder gemeinsam in Stand“, sagt Pit Hosak. Auch bei ihm hat sich mit der Zeit etwas verändert. „Am Anfang habe ich das hier aus einer Haltung heraus gemacht. Heute macht es mir einfach nur Spaß!“

Und was muss man draufhaben, wenn man in der Werkstatt mithelfen will, Herr Hosak?

„Man sollte gern an Fahrrädern herumbasteln, muss aber kein Profi sein. Oft stehen wir selbst vor einem Problem und wissen nicht, was zu tun ist. Für die schweren Fälle haben wir zum Glück Tamim Azimi. Er kam vor 30 Jahren aus Afghanistan nach Hamburg und betreibt zwei professionelle Fahrradwerkstätten. Für uns ist er ein ,Fahrradflüsterer‘. Außerdem gibt er uns Rabatt auf alle Ersatzteile!“ Sagt’s und wendet sich wieder dem Kinderrad zu. Die Stützräder sind zu kurz, Omar fährt mit seinem Rad schnell zu Herrn Azimi, um die passenden Teile zu besorgen. Morgen kann die fünfjährige Nura dann zum ersten Mal über den Hof radeln.

Lust auf Schrauben und gute Taten? Das Team freut sich über weitere Helferinnen und Helfer zum Aufbereiten und Ausgeben von Fahrrädern. Immer dienstags und mittwochs von 15-18 Uhr sowie freitags 16-19 Uhr.

(© Ulrike Fischer )

Schreibt an: fahrrad@fluechtlinghilfe-harvestehude.de

Infos und noch mehr Ideen, in der Sophienterrasse zu helfen:
www.fluechtlingshilfe-harvestehude.de

Tamim Azimis Fahrradwerkstätten

SZ Fahrradservice Grindelberg 39
20144 Hamburg

und

Carl-Petersen-Straße 116
20535 Hamburg
www.sz-fahrradservice.com

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