(© Katharina Grabowski )

Eimsbüttels "Scherben-Klinik": Zweite Chance für Lieblingsstücke

In der kleinen Ladenwerkstatt in der Bundesstraße türmen sich die Ergebnisse häuslicher Missgeschicke: zerbrochene Tassen, angeknackste Kerzenständer, lädierte Teller und allerlei Nippes. In der "Scherben-Klinik" in Eimsbüttel bekommen sie ihre zweite Chance.

In der Scherben-Klinik sieht es aus, als sei vor Kurzem eine ganze Elefanten-Herde durchgelaufen: Überall stehen kaputte Porzellanfigürchen, zerbrochene Schalen oder Tassen ohne Henkel. Der Mann, der sie vor der Mülltonne retten möchte, ist Arne Zimmermann – Chefarzt und Seelsorger in einem. Vom Wort "Klinik", das in großen Lettern an der Hauswand prangt, sollte man sich im Übrigen nicht täuschen lassen – klinisch und steril geht es hier nicht zu. Vielmehr regiert hier ein kreatives Durcheinander und die eine oder andere Staubflocke. Als Besucher fällt es zunächst schwer, sich zwischen den vielen Kleinteilen zurecht zu finden, doch was wie Chaos wirkt, hat natürlich System: An insgesamt drei Arbeitsstationen werden zerbrochene Teile zusammengeklebt, Nähte abgezogen, fehlende Teil neu modelliert, Absplitterungen ausgebessert oder Verzierungen nachgemalt.

(© Katharina Grabowski )

Eine Familiengeschichte

Das klappt nicht immer auf Anhieb, sondern erfordert viel Fingerspitzengefühl und auch Mut zum Experimentieren. Eigenschaften, die sich Arne Zimmermann bei seinen Eltern abgeschaut hat, die die Liebe zum Restaurieren an ihn weitergegeben haben: Bereits 1935 gründete Ernst Lampe, Zimmermanns Vater, die Scherben-Klinik – zunächst im Keller seiner Wohnung. 1961 zog Lampe dann in die Bundesstraße 40 um, wo er bald von seiner Frau Günna unterstützt wurde, bevor diese ihre eigene Restaurationswerkstatt in der Sierichstraße eröffnete. Der kleine Arne begann bald, seiner Mutter hier und da unter die Arme zu greifen, um sich sein Taschengeld aufzubessern. 1993 stieg er schließlich als Partner in das Porzellan-Reparatur-Studio seiner Mutter ein. Vier Jahre lang zog er mit seiner Werkstatt in die die Räumlichkeiten der Scherben-Klinik seines Vaters, die zum Verkauf standen, wo sie schließlich am 1. März 1997 an ihrem alten Standort wiedereröffnet wurde.

(© Katharina Grabowski )

Allerlei skurrile Gegenstände

Die Techniken und Tricks, die sich Arne Zimmermann im Laufe der Jahre angeeignet hat, gibt er hier an sein Team weiter. Das besteht inzwischen aus drei weiteren Mitarbeitern, die ihn mit Geduld und ruhiger Hand unterstützen. "Geschicklichkeit und ein Gefühl für Form und Farbe sind wichtig, aber eine handwerkliche Begabung ist auch nicht verkehrt", erklärt Mitarbeiterin Katja, die vor sechs Jahren als Quereinsteigerin über ein Praktikum in der Scherben-Klinik gelandet ist und immer wieder erstaunt ist, welche Gegenstände über die Ladentheke wandern.

Von Skurrilitäten wie der lebensgroßen Madonna, der der Kopf abgesprungen ist, bis zur zertrümmerten Kloschüssel oder dem Kronleuchter, der so viel kostet wie zwei Kleinwagen, hat sie schon alles gesehen. Und so vielfältig wie die Gegenstände sind auch die Kunden aller Alters- und Einkommensklassen – ganz klar auch ein Indikator dafür, dass sich der Trend zum Reparieren und nachhaltigen Konsum derzeit durch alle Gesellschaftsschichten zieht.

(© Katharina Grabowski )

Der Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft

Doch was auch immer dem Team der Scherben-Klinik in die Hände kommt, es gilt: Alles wird gleichbehandelt. Egal, ob Flohmarkttasse, bei der eine Ecke abgeplatzt ist oder Sammlerteller aus Meißener Porzellan – um jeden Gegenstand kümmert sich das Team der Scherben-Klinik mit der gleichen Sorgfalt. Dass diese Handwerkskunst aber auch ihren Preis hat, überrascht dann viele Kunden doch immer wieder.

Für eine Tasse, die in zwei Teile zerbrochen ist, werden normalerweise 22 Euro veranschlagt, ein glatter Bruch bei einem Teller schlägt mit 28 Euro zu Buche. Preise, die den eigentlichen Warenwert des zu Bruch gegangenen Objektes zwar oftmals um ein Vielfaches übersteigen, von vielen Kunden aber trotzdem gerne gezahlt werden. Denn was auf dem OP-Tisch von Arne Zimmermann und seinem Team landet, sind oft Kostbarkeiten im ideellen Sinn – um die sich viele persönliche, teilweise auch sehr emotionale Geschichten ranken. So muss hier oft nicht nur der Riss im Porzellan gekittet, sondern auch seelische Aufbauarbeit geleistet werden. Doch eines, und das betont auch Katja mit Nachdruck, sollte allen Kunden bewusst sein: Das Team der Scherben-Klinik kann keine Wunder vollbringen. So wie der Mensch nach einer OP wird auch die Lieblingstasse nach der Behandlung eine Narbe davontragen. Aber die bringt das Leben ja bekanntlich mit sich ….

Info: Die Scherben-Klinik, Bundesstraße 40, 20146 Hamburg, Öffnungszeiten: Mo-Do 10 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung, www.Scherben-Klinik.de

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