Seit 27 Jahren sind Josef Thöne (l.) und Horst Huhn die "Michel-Türmer". (© S. Wallocha/St. Michaelis )

Die Turmbläser vom Michel: 360 Jahre Trompeten über Hamburg

Gelebte Tradition: Zweimal am Tag ertönt Trompetenmusik aus Hamburgs Wahrzeichen. Seit 27 Jahren spielt Horst Huhn als einer von zwei Trompetern den täglichen Choral aus dem Turm von St. Michaelis. Warum er am liebsten gen Westen trompetet und was er in fast drei Jahrzehnten sonst so erlebt hat, lest ihr hier.

Es ist ein grauer, trüber Novembermorgen. Vom Turm des Michel aus betrachtet versinken die Häuser, Kräne und Kirchentürme in einer dicken, milchigen Suppe. Während die Glocken drei Stockwerke höher erstaunlich leise die zehnte Stunde verkünden, öffnet Horst Huhn ein kleines Fensterchen an der Ostseite des Turms. Als der letzte Ton noch über uns klingt, hebt er die Trompete an die Lippen, setzt an und beginnt zu spielen.

Den Trompetengruß gibt es seit mehr als 360 Jahren

Klar und rein schallt "Es geht daher des Tages Schein", Lied Nr. 439 im Evangelischen Gesangsbuch, hinaus in die Stadt. Jeden Morgen um zehn und abends um 21 Uhr, nur sonntags um 12 Uhr mittags, spielt einer der beiden "Michel-Türmer", wie die Trompeter genannt werden, einen Gruß vom Turm der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis. Das ist Brauch, seit es sie gibt, sagt Horst. Also seit etwa 360 Jahren. Er selbst ist 62 und teilt sich diese Aufgabe seit 27 Jahren mit seinem Kollegen Josef Thöne. "Das hätte ich damals auch nicht gedacht, dass ich das so lange machen würde", meint Horst und lacht. Eigentlich wollte er diesen Job anfangs nämlich gar nicht haben.

Denn als Anfang der 1990er-Jahre sein Vorgänger nach 35 Jahren des Turmblasens in Rente ging, war er gerade dabei, seine Karriere als Konzerttrompeter voranzutreiben. "Ich war viel auf Reisen, ich dachte, ich hätte nicht die Zeit dazu, hier jeden Tag in den Michel zu kommen." Deshalb bestand er darauf, dass er einen Stellvertreter bekam – vorher war das nicht üblich gewesen. So richtig begeistert sei man davon nicht gewesen, "aber sie wollten mich offenbar trotzdem haben."

Schon als Kind sang Horst Huhn im Michel-Knabenchor

Horst war schon zu Kinderzeiten in der St. Michaelis Kirche kein Unbekannter. Zwar wurde er in Eisenach geboren, doch 1958 floh seine Familie aus der damaligen DDR – und fand in der Englischen Planke 8, genau gegenüber des Michel, ihre neue Heimat. Der kleine Horst sang zunächst im Knabenchor, später dann bei den Erwachsenen, er studierte schließlich Musik und spielte mit der Trompete bei vielen Gottesdiensten und Konzerten. "Da hat es sich wohl angeboten, mich zu fragen, ob ich der Türmer sein will", meint er achselzuckend.

Vom Turmfenster aus beobachtete Huhn den Wandel der Stadt

Heute ist er froh, dass er den Job angenommen hat, vor allem, weil er aus gesundheitlichen Gründen seine professionelle Karriere als Barock-Trompeter mittlerweile aufgeben musste. Doch das Turmblasen, das geht noch gut und bereitet ihm viel Freude. Kein Wunder: Der Blick über die Stadt ist herrlich, "bei jedem Wetter", wie er beteuert. Im Laufe der fast drei Jahrzehnte hat er beobachtet, wie sich diese verändert hat. Wie die Wunden, die der Zweite Weltkrieg in die Stadt gerissen hatten, nach und nach wieder bebaut wurden. Wie der Verkehr erst weniger wurde, als die damalige Ost-West- und heutige Ludwig-Erhard-Straße nicht mehr der einzige, von Lkw überquellende Autobahn-Zubringer war, und schließlich wieder zunahm, weil einfach mehr Autos unterwegs sind. Auch die Elphi hat er emporwachsen sehen – langsam, sehr langsam, "jahrelang ist ja gar nichts passiert".

Die Autos hört man erstaunlich laut dort oben, auf exakt 82,5 Metern Höhe auf dem "Türmer-Boden" im siebten Stock. Doch auf der Aussichtsplattform im zehnten Stock zu spielen, wäre keine gute Idee, sagt Horst: "Da verweht der Wind die Töne in alle Richtungen, das ist fürchterlich diffus. Man hört uns besser, wenn wir weiter unten stehen und aus den Fenstern spielen."

Am liebsten spielt Horst aus dem Westfenster

In alle vier Himmelsrichtungen senden die Turmbläser ihren Morgen- und Abendgruß. Das liebste Fenster ist ihm das Fenster gen Westen, sagt Horst: "Da unten ist eine Kindertagesstätte. Wenn ich spiele, stupsen sich die Kinder im Garten immer an, zeigen nach oben und freuen sich." Doch auch die anderen Fenster haben für ihn eine ganz eigene Bedeutung. Der Osten, in dem die Sonne aufgeht. Der Süden, wo die Mitarbeiter des Gruner+Jahr-Verlags "ihre Griffel auf die Seite legen und zuhören. Oder eine Raucherpause machen". Das zumindest wurde ihm so erzählt. Und der Norden. "Hier denke ich an unsere Sekretärin, die auf dieser Seite sitzt und fast schon so lange dabei ist wie wir. Oder ich stelle mir vor, dass der Pastor gerade auf den Markt geht und mich hört."

An den Geburtstagen der Pastoren erklingt "Lobet den Herrn"

Wenn der Geburtstag haben sollte, spielt Horst übrigens "Lobet den Herrn". Das ist Pflicht, und zwar angeblich schon, seit es die "Michel-Türmer" gibt. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Gemeinde damals wissen sollte, dass der Pastor Geburtstag hat und vielleicht das eine oder Geschenk vorbeibringen sollte...", sinniert er. Die Regel gilt übrigens auch, wenn die Ehegattinnen der von Pastor Hartmut Dinse Pastorin Julia Atze Geburtstag haben. Außerdem erklingt dieses Lied, wenn Bischöfin Kirsten Fehrs, ihr Mann oder die beiden Kirchenmusiker Christoph Schoener und Manuel Gera ihren Jubeltag haben. An anderen Tagen darf dieser Choral nicht gespielt werden. Dann können Horst Huhn und Josef Thöne das Lied selbst auswählen.

Horst wählt das Lied des Tages aus, wenn er schon auf dem Turm steht und einen Blick auf die Stadt geworfen hat. Je nach eigener Stimmung, Wetter, Tages- und Jahreszeit sucht unter mehr als 400 Chorälen die passende Melodie aus. An einem grauen, nebligen Herbsttag kann dann "Es geht daher des Tages Schein" eine erbauliche Aufmunterung für alle sein, die unten geschäftig durch die Straßen eilen. Und vielleicht ganz kurz innehalten, wenn von oben der Ton der Trompete erklingt.

Mehr Orte mit spektakulärer Aussicht auf Hamburg

Wenn ihr das nächste Mal die Trompeten über der Stadt hört, wisst ihr also, wer sie spielt. Und wenn ihr auch mal so einen tollen Ausblick haben wollt, haben wir ein paar Tipps für euch: Hier sind zehn tolle Aussichtspunkte, von denen aus ihr einen großartigen Ausblick über Hamburg habt.

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