In der Halle Hamburg können riskante Parkours-Manöver geübt werden. (© Olaf Janko )

Die Halle Hamburg: Parkour, Freerunning und Integration

Wenn Hindernisse zu Wegen werden: Die Halle Hamburg am Oberhafen ist Norddeutschlands erstes Zentrum für Parkour und Freerunning. Hier arbeiten Batte und der Syrer Mido, der durch den Sport vergessen kann.

In der Halle Hamburg treffen wir auf echte Sport-Asse. Wie Mido. Er wolle noch eben schnell eine andere Hose anziehen, bevor wir die Fotos machen, sagt er. Klar, kein Problem, lautet die Antwort, doch da ist er schon weg. Mit "schnell" meint er tatsächlich schnell: Mido sprintet und springt mit Schwung über die Hindernisse der Parkour-Halle hinweg und befindet sich gefühlt eine Sekunde später 20 Meter entfernt auf einer der Anhöhen, wo er seinen Rucksack gelagert hat. Alter Schwede, denken wir mit offenem Mund. Beziehungsweise: alter Syrer, denn das Energiebündel kommt aus Damaskus. "Mido ist ein richtiges Tier", sagt Sebastian Ploog, genannt Batte, Vorsitzender des Vereins "Die Halle Hamburg – Parkour Creation", die im Kreativquartier im Oberhafen der HafenCity ansässig ist.

Hindernisse überwinden – in der Stadt und in der Halle

Die 800 Quadratmeter große Halle Hamburg wurde vor zwei Jahren von Batte und einigen Freunden eröffnet und ist seitdem eine Hochburg des Parkour, einer Trendsportart, bei der es darum geht, auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen Hindernisse zu überwinden – mal möglichst effizient, mal möglichst elegant. Die Sportart erwuchs im urbanen Raum, wo sie noch immer hingehört, denn es geht vor allem um die Fortbewegung in der Stadt, über Dächer und Mauern hinweg. In der Halle Hamburg können die Sportler dank Schaumstoffmatten auch riskante Manöver üben.

Die Halle Hamburg bietet "Integration durch Sport"

Nach seinem Sportstudium entwickelte Batte mit seinen Freunden das Konzept für die Halle Hamburg, die unter anderem vom Programm „Integration durch Sport“ (IdS) vom Hamburger Sportbund gefördert wird. Die Halle bietet Kurse für Kinder, Teenager und Erwachsene an, aber auch Integrationsprojekte für Flüchtlinge und Kinder aus sozial benachteiligten Häusern gehören zum Programm des Vereins, der schon 800 Mitglieder zählt. Die Halle Hamburg setzt somit auch einen Kontrapunkt zum High Society-Kontext der HafenCity.

Die Parkour-Halle ist auch sozialer Treffpunkt

Von Schwierigkeiten lässt Batte sich nicht entmutigen. Zum Beispiel bei "Wonderwomen", einem Integrationsprojekt für Mädchen und Frauen zwischen zwölf und 22 Jahren, das eher schleppend lief. "Es kann schon mal vorkommen, dass ein Ehemann seiner Frau verbietet, herzukommen – weil er nicht will, dass sie sich in einem so offenen und modernen Umfeld bewegt", berichtet der 33-Jährige.

Doch es dreht sich nicht nur alles um den Sport: Auch Theaterprojekte stehen auf dem Plan, zudem soll die Sitzecke mit Sofas als Treffpunkt dienen. "Es ist uns wichtig, dass die Halle Hamburg ein gesellschaftlicher Treffpunkt ist", betont Batte, dem der soziale Zusammenhalt wichtig ist. Parkour-Sportler seien sehr positiv eingestellt und unterstützten sich gegenseitig, sagt er. "Wenn hier mal jemand neu dazukommt und auf coolen Gangster macht, dem alles egal ist, dann stellt er schnell fest, dass das hier nicht angesehen ist."

Mido machte bereits in Damaskus Parkour

Mido, der energiegeladene Syrer, ist das Paradebeispiel für das Integrationsprogramm der Halle Hamburg. Denn – entschuldigt den allzu offensichtlichen Vergleich – Mido, der an diesem Tag seinen 23. Geburtstag feiert, hat in seinem kurzen Leben bereits mehr Hindernisse überwunden als andere in 80 Jahren. Der Sohn eines Turnsportlers machte bereits in Damaskus Parkour, ehe seine Familie in die Türkei flüchtete. "Der Sport ist mein Leben und es war immer mein Traum, eines Tages das, was ich von Herzen liebe, als Beruf auszuüben", sagt der quirlige Syrer überzeugt und klopft mit der Faust auf seine Brust an der Stelle, wo das Herz ist. Der Sport ist sein Alltag. Als er sich einmal den Mittelfuß brach und den vergipsten Fuß hochlegen musste, ist er fast verrückt geworden und hat seinen Oberkörper trainiert – sagt er und demonstriert es, indem er Liegestütze nur mit den Händen auf dem Boden macht.

Das Flüchtlingsboot sank, Mido rettete Mitreisende

Seinen Traum vom Trainerjob hat er sich erfüllt, doch bis dahin war es ein langer Weg. In der Türkei arbeitete er zwölf Stunden am Tag als Schäfer, um seine Familie finanziell zu unterstützen, abends machte er noch trotz müder Beine seine Übungen. Doch sein Arbeitgeber betrog ihn um seinen Lohn, zudem wollte er endlich wieder mehr Zeit für seine wahre Leidenschaft haben. Also sagte er seinen Eltern, dass er sich auf den Weg nach Europa machen wolle. In einer von den Schleppern bewusst überfüllten Nussschale setzte er nach Griechenland über, einen Kilometer vor der Küste Griechenlands sank das Boot. Mit zwei Kindern im Arm schwamm er an den Strand, kehrte mehrmals, bis zur Erschöpfung, wieder um, um andere zu holen, die nicht schwimmen konnten. Einer Frau, erzählt er, habe er gesagt, sie solle ihr Kopftuch abnehmen, woraufhin er sie damit an seinen Körper band und an Land schwamm. "Ich hätte es nicht überwunden, wenn jemand gestorben wäre", sagt Mido.

Ein Spiegel-Reporter schrieb über Mido

Zu Fuß bewältigte er den Weg über die Balkanroute, einmal habe er unterwegs mit seinen Begleitern ein Schwein gefangen und geschlachtet. Wenn man Hunger hat, sagt er fast schon entschuldigend, sei man dazu in der Lage. 2015 kam er nach Brandenburg, wo ihn der Spiegel-Reporter Alexander Osang zufällig an einem Badesee kennenlernte und sich begeistert von dem artistischen Parkour-Sportler zeigte. Er besuchte ihn in seinem Zimmer in der Unterkunft, wo er eine kranke Amsel, die er im Wald gefunden hat, gesund pflegte. Osang schreibt am Schluss seiner Kolumne "Parkour": "Wenn jemand einen syrischen tierlieben Parkourmeister ohne Arbeitserlaubnis sucht, ich habe die Nummer."

Eine Familie aus St. Pauli nahm Mido auf und zeigt ihm die Halle Hamburg

Der Aufruf verfehlt nicht seine Wirkung. Eine Familie aus Hamburg liest den Artikel und nimmt Mido bei sich auf St. Pauli auf. Als die Familienmutter von der gerade eröffneten Parkour-Halle hört, stellt sie ihn persönlich bei Batte vor. Da kreuzen sich die Wege, seitdem ist Mido fester Bestandteil der Halle Hamburg. Er und Batte sind inzwischen eng befreundet. "Wir sehen uns hier täglich und gehen auch außerhalb des Projekts gemeinsam zu Breakdance-Veranstaltungen", erzählt Batte.

Mido trainiert in der Halle Hamburg vor allem Kinder

Am Anfang nahm Mido noch am Theaterprojekt des Vereins teil und feilte täglich an seinen Bewegungen. Mittlerweile hat er eine Arbeitserlaubnis und ist bei der Halle Hamburg angestellt, er leitet vor allem die Kurse für Kinder. "Ich liebe die Arbeit, ich mag die Kinder, sie sind so lustig", sagt er glücklich. Und die Kinder hängen an ihm, wie er an ihnen. Alle zehn Minuten kommt während unseres Gesprächs ein Kind vorbei, "Hallo Mido", und permanent schaut sich Mido nach ihnen um, steht kurz auf und zieht sie zurück, wenn sie sich zu weit übers Geländer hängen.

Mido gibt in der Halle Kurse, vor allem für Kinder. (© Olaf Janko )

Das ist doch alles viel zu schön, um wahr zu sein? Aber so ist Mido, und bitte, wem bei diesem Kerl nicht das Herz vor Sympathie schmilzt, der hat vermutlich keins. Nach allem, was er bisher erlebt hat, wäre man nicht verwundert, wenn die Vergangenheit Narben und Dunkelheit hinterlassen hätte. Aber die Erleichterung, angekommen zu sein, scheint zu überwiegen. Mido strahlt, er schäumt geradezu über vor Begeisterung, als könne er es immer noch nicht fassen, dass er jetzt tatsächlich in einer Parkour-Halle arbeiten darf. "Wenn man Parkour macht, denkt man in dem Moment an nichts anderes. Man vergisst alles, was in der Vergangenheit war und um einen herum passiert", sagt er.

In der Halle Hamburg geht es um Balance und Körperbeherrschung

Doch so energiegeladen er ist: Beim Parkour in der Halle Hamburg geht es nicht nur ums Rennen und Sichaustoben. Manchmal übt man schlichtweg die Balance und versucht, möglichst lange auf der Turnstange zu stehen. "Beim Parkour lernt man Geduld. Man läuft nicht einfach drauf los, sondern lernt Stück für Stück die Bewegungen“, erklärt Mido. Ebendiese Geduld und Beharrlichkeit habe ihm im eigenen Leben schon oft geholfen. Nach unserem Gespräch muss er zurück zu den Kindern. Er bedankt sich noch einmal herzlich dafür, dass wir ihm die Aufmerksamkeit geschenkt haben – und dann sprintet und springt er wieder davon.

Infos: Die Halle Hamburg, Stockmeyerstraße 43/4F, 20457 Hamburg; Open Session (freies Klettern) ab 8 Jahren: Do+Fr 15.30 bis 19 Uhr; Sa 12 bis 17 Uhr; ab 14 Jahre Mo–Sa 19 bis 22 Uhr; zusätzliche Zeiten sowie Kurse für Vereinsmitglieder

Klettern und Schwimmen in Hamburg

Neben dem Parkour sind auch Klettern und Bouldern in Hamburg immer mehr zu Trendsportarten geworden. Wenn ihr euren Körper lieber auf schonende Art fit halten wollt, ist Schwimmen eine tolle Alternative. Hier findet ihr die schönsten Schwimmbäder in Hamburg.

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