(© Katharina Grabowski )

Der Lederladen in Ottensen: Lieblingsstücke fürs Leben

Seit 1988 bietet der Lederladen in der Bergiusstraße Reparaturen und Änderungen an Taschen und Bekleidung sowie Spezialanfertigungen an. Wer hier Kunde ist, ist nicht auf der Suche nach dem schnellen Shopping-Event, sondern einem neuen Lieblingsstück fürs Leben.

Wie viele Jahre der Lederladen schon auf dem Buckel hat, wird deutlich, sobald ihr die kleine Werkstatt in der Bergiusstraße 12 betretet. Hier, inmitten des kreativen Chaos, zwischen etlichen Lederjacken, alten Nähmaschinen, Garn und Lederhäuten, retten Andreas Sonntag und Berthold Lotz seit nunmehr 30 Jahren Lederwaren vor dem Verfall und kreieren hochwertige Sonderanfertigungen für ihre Kunden.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Mitinitiator und Freund Bernhard Fiedler verstorben ist. Nun führen die beiden Feintäschner das Geschäft zu zweit. Dass sie nach kurzen Episoden auf St. Pauli und im Schanzenviertel bereits seit drei Jahrzehnten in Ottensen beheimatet sind, verdanken die beiden vor allem Freunden, die in der Bergiusstraße 12 Ende der 80 Jahre das Wohnprojekt "Turm" initiierten. Zu dem gehören unter anderem auch eine Polsterei und der "Bonscheladen". Ebenso wie der Bonscheladen ist auch der Lederladen Teil des Netzwerks "Ottensen handgemacht", in dem sich handwerkliche Betriebe in Ottensen organisiert haben.

(© Katharina Grabowski )

Von der Leidenschaft zum Beruf

Dass Andreas Sonntag und Berthold Lotz ihr Geld heute als Lederschneider und Feintäschner verdienen, haben sie vor allem ihrer Moped-Leidenschaft in jungen Jahren zu verdanken. Da es damals keine oder zumindest wenige Hersteller von praktischer und gutaussehender Fahrbekleidung gab, fertigten sie diese einfach selbst an. Und das mit einem durchaus nachhaltigen Ansatz, dem die beiden bis heute treu geblieben sind: "Wenn ein Tier schon sterben muss, weil sich der Mensch davon ernähren möchte, sollte möglichst alles davon verwertet werden – auch die Haut", erklärt Andreas Sonntag. Keine Haut, die im Lederladen verarbeitet wird, stammt von einem Tier, das nur wegen der Haut gestorben wäre.

(© Katharina Grabowski )

Eigenwillige Kunden und skurrile Wünsche

Heute umfasst das Angebot der Dienstleitungen weit mehr als Motorradklamotten, sodass die Kunden mittlerweile für Reparaturarbeiten oder Maßanfertigung aus allen Teilen Hamburgs nach Ottensen kommen. Ihre Kundschaft beschreiben die beiden Handwerker dabei als bunten Querschnitt aus allen Gesellschaftsschichten: Die Rechtsanwältin aus den Elbvororten, die sich eine neue Hülle für ihr Tablet wünscht, ist hier ebenso anzutreffen wie der Biker, der eine neue Lederhose braucht oder der Punk, der von seinem hart erschnorrten Geld seine stinkende und abgetragene Jacke reparieren lassen möchte. Es zieht vor allem die Menschen in den Lederladen, die eine genaue Vorstellung von einem Produkt haben, dafür aber keine industrielle Lösung finden und bereit sind, zusammen mit Andreas Sonntag und Berthold Lotz eine Lösung für ihr Problem zu entwickeln.

Nach fast 40 Berufsjahren könnten die beiden langjährigen Freunde ganze Bücher über eigenwillige Kunden und skurrile Wünsche schreiben. Keine Vorstellung scheint zu absurd, um nicht umgesetzt zu werden: Sie reichen von Kleidungsstücken für Menschen mit Problemfiguren über eine Prothese für einen querschnittsgelähmten Hund, die es ihm ermöglicht, sein Hinterteil hinter sich herzuschleifen, bis zum Fallschirmspringer-Zielpunkt aus rotem Kunstleder, mit dem sich ein Fallschirmspringer den genauen Landepunkt auf dem Acker markieren kann.

(© Katharina Grabowski )

Unikate mit einer persönlichen Geschichte

Abgesehen von einer kleinen Brieftaschenserie im Schaufenster findet man hier kaum vorgefertigte Produkte. Wer also das schnelle Shopping-Event sucht und mal eben in der Mittagspause eine Aktentasche kaufen möchte, kann auf der Türschwelle gleich wieder kehrt machen. Denn wer sich dazu entschließt, sich sein Wunschobjekt von Andreas Sonntag und Berthold Lotz anfertigen zu lassen, muss eines mitbringen: Zeit. "Für eine maßgeschneiderte Lederjacke braucht es schon einmal sechs Termine", so Berthold Lotz. Dafür winkt dann am Ende des Fertigungsprozesses, in dem auch der Kunde designerische Entscheidungen fällen muss, das Unikat mit persönlicher Geschichte, das vielleicht ein bisschen teurer war als die industriell gefertigte, standardisierte Variante, aber seinen Besitzer im besten Fall ein Leben lang begleitet.

Info: Bergiusstraße 12, 22765 Hamburg, Öffnungszeiten: Di-Do 14 bis 18 Uhr, Fr 14 bis 20 Uhr, Sa 10.30 bis 14.30 Uhr, www.lederladen-altona.de

Mehr Handgefertigtes aus Ottensen

Dass Ottensen in Sachen Handwerk und Nachhaltigkeit ganz vornmit dabei ist, zeigt eine wunderbare Auswahl an Läden. Ihr wolltet schon immer mal sehen, wie Schuhe von Hand gefertigt werden? Dann schaut doch mal bei "De Schooster" vorbei. Wer noch etwas Süßes auf die Hand und aufs Herz will, ist mit dem Boschelanden bestens beraten.

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