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"De Schooster" in Ottensen: Die hohe Kunst des alten Handwerks

Schustermeister Christian Schmidt hat viel zu tun: Sein Geschäft "De Schooster" in der Bahrenfelder Straße ist seit den 90er Jahren etabliert. Doch Billig-Schuhe und Flickschuster machen ihm das Leben schwer.

Bei Christian Schmidt im Laden riecht es nach Leder, Klebstoff und echtem Handwerk. Manchmal, wenn die Schleifmaschine läuft, kommt eine Note von verbranntem Gummi hinzu. Seit 1995 ist das schon so. Seitdem repariert Schmidt in seinem Geschäft De Schooster die Schuhe der Altonaer: abgelaufene Absätze, ein eingerissenes Futter, frische Sohlen oder Schnürbänder sind sein Hauptgeschäft.

Lieblingsstücke werden wieder flott gemacht

Bis zu einhundert Euro kann eine Restauration oder eine Reparatur bei ihm kosten, etwa wenn eine Sohle völlig neu gemacht oder aus einem Halbschuh ein Stiefel werden soll. "Schuhe werden heute in Billiglohnländern zusammengeflickt", sagt er. Da seien die Kosten für Restaurationen im Vergleich zum Kaufpreis hoch. "Aber die Altonaer sind wohlhabend genug, sich das zu leisten. Und es gibt auch noch Schuhe für Menschen mit Behinderung, Sonderanfertigungen und auch manches Lieblingsstück, das einfach repariert werden muss", sagt er.

Zwischen all den Stiefeln, Halbschuhen und Sporttretern, zwischen Schleifmaschine, Werkbank und Schuhcremestapeln wirkt der gebürtige Ottenser mit den kurzgeschorenen blonden Haaren und dem ernsten Gesichtsausdruck ganz in seinem Element. Ab und an kommt ein Kunde zur Tür herein und möchte einen Schuh abholen, zur Reparatur abgeben oder etwas kaufen. Dann wird aus den konzentrierten Gesichtszügen ein Lächeln und Christian Schmidt scherzt, fachsimpelt, berät. Schnell wird klar: Sein Laden ist eine kleine Institution im Viertel und die Anwohner schätzen seine Expertise.

Ein Dutzend gute Schuster in ganz Hamburg

Schuster wie den 51-Jährigen gibt es kaum noch in Hamburg. Vielleicht zwölf gute Reparateure, die auf Restauration spezialisiert sind und ein Maßschuster existieren noch. Den Markt dominieren die Schuhhäuser mit Billigprodukten und allerlei "Flicker", wie Christian Schmidt sie nennt. Trotzdem müssen Schusterlehrlinge heute noch immer eine Maßanfertigung als Teil ihrer Gesellenprüfung herstellen. Die Handwerkerinnung und die Handwerkskammer halten an der traditionsreichen Ausbildung fest.

Seit 1995 repariert Schustermeister Christian Schmidt die Schuhe der Altonaer. (© Sebastian Grundke )

Seit 1998 bildet auch Schmidt Lehrlinge aus. Sein vierter ist derzeit Dawit Ghezai. Vielleicht wird er sogar übernommen. Denn Schmidt könnte Unterstützung gebrauchen: Seinen dritten Lehrling behielt er jedenfalls. Bald jedoch ging der Nachwuchs aus familiären Gründen nach Leipzig – und der Ottenser war wieder allein. Dafür muss Ghezai aber erst einmal durch die in eineinhalb Jahren anstehende Gesellenprüfung. Dann muss er innerhalb von drei Tagen einen Schuh komplett selbst bauen und auch einige Reparaturen ausführen. Die Prüfung wird in seiner Berufsschule stattfinden, in der Wohlwillstraße. Ob Dawit Ghezai es wohl schafft? Der Innungschef ist penibel, meint Schmidt . Wo ihm gute Arbeit genüge, wünsche der sich Perfektion.

Für Dawit Ghezai ist das ohnehin noch weit entfernt. Der Lehrling hat erst die Hälfte seiner dreijährige Lehre hinter sich: "Halbzeit!", sagt er und grinst. Er sei in jedem Fall glücklich, sich für den Beruf des Schusters entschlossen zu haben. Lehrlinge sind in dem Beruf rar geworden: Nur etwa zweimal im Jahr werden Schustergesellen in Hamburg geprüft. Und das liegt nicht daran, dass viele ihre Ausbildung abbrechen. Der Beruf ist schlicht nicht mehr so populär wie einst.

Schusterlehrling Dawit Ghezai. (© Sebastian Grundke )

Auch deshalb wohl haben Christian Schmidt und Dawit Ghezai fast immer gut zu tun. Vor allem aber ist das Geschäft eine Institution, seit den 70er Jahren schon. Zwei Schustermeister haben es vor Schmidt geführt, der nach seiner Meisterprüfung 1995 einen eigenen Laden suchte. Beinahe hätte er seine Schusterei in der Schanze eröffnet und nicht in Altona. Doch im letzten Moment sagte dann doch noch der vorige Inhaber von De Schooster in der Bahrenfelder Straße zu: Der hatte sich lange um seine kranke Ehefrau gekümmert und war darüber selbst unglücklich geworden, wollte aufhören. Doch für Christian Schmidt war der Laden zunächst zu teuer. Erst als Schmidt schon für ein Geschäft in der Sternschanze unterschrieben hatte, lenkte der alte Schustermeister ein und bot ihm einen Preisnachlass an. Christian Schmidt akzeptierte, auch wenn die Summe für den Laden immer noch hoch war – im fünfstelligen Bereich. Den Vertrag für den Laden in der Sternschanze löste er auf.

Anfangs gab es 80-Stunden-Wochen

Bis zu 80 Stunden in der Woche arbeitete der 51-Jährige anfangs. Erst 1999 nahm er sich dann zwei Monate frei und reiste durch Peru. Vorher arbeite er alle Aufträge ab. Für den Fall, dass er sich während der Auszeit für das Aufhören entschließen würde. So erschöpft war er. Nach seiner Rückkehr öffnete er den Laden jedoch wieder und nahm einfach weiter Aufträge an. "Da wurde mir dann nach und nach klar: Wenn ich nichts ändere, wird das nicht besser", sagt er. Seitdem arbeitet er weniger, in der Regel 47 Stunden in der Woche, selten einmal mehr.

Gleich rechts hinter der Eingangstür hängt Schmidts Meisterbrief. Wichtiger ist ihm aber ein Bild, das hinter dem Empfangstresen zu sehen ist. Darauf ist ein kleiner Junge zu sehen, der auf einer Treppe sitzt und sich glücklich ein paar Schuhe an die Brust drückt. So müssten Kunden sich nach einem Besuch fühlen, meint er. Das sei ihm mit Abstand das Wichtigste.

Autor: Sebastian Grundke

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