(© Ulrike Fischer )

Das wandelnde Architekturlexikon von Eimsbüttel

Architekt Claas Gefroi stellt bei einem Rundgang das prägnanteste Gebäude-Ensemble von Eimsbüttel vor.

Claas Gefroi zuzuhören, ist Genuss und Herausforderung zugleich. Denn wenn der Architekturkritiker und Pressesprecher der Hamburgischen Architektenkammer über Bauten und Ensembles spricht, blättert er auch immer ein Stück Geschichte auf, beleuchtet soziale Verhältnisse und gesellschaftliche Entwicklungen: „Ob ein verwittertes Landhaus im Niendorfer Gehege, das dicht bebaute gründerzeitliche Generalsviertel oder die denkmalgeschützten Grindelhochhäuser: Architektur zeigt ja auch immer, wie ein Viertel tickt, welche Bedürfnisse Menschen wichtig waren und sind. Und anders als Residenzstädte mit ihren Herrschaftsbauten und städtischen Ordnung, ist Hamburg immer eine Kaufmannsstadt gewesen – pragmatisch, kaum homogen, oft sogar ungeordnet“, erzählt der 49-Jährige.

Dass Gefroi sich so gut auskennt, liegt nicht nur an seiner Begeisterung für Architektur, sondern vermutlich auch an der Zeit, in der er studierte. Als er sich in den frühen 1990ern für Architektur an der Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld (HfbK) einschrieb, studierte man gern noch ein paar Semester länger als heute: „So hatte man die Chance, in andere Fachbereiche hineinzuschnuppern, ob Freie Kunst oder Visuelle Kommunikation, und sich mit deren Wahrnehmung von gebauter Umwelt auseinanderzusetzen. Ich habe damals viel die Stadt durchstreift und fotografiert und so auch ihre Baugeschichte immer besser kennengelernt.“

Einsatz und Fleiß lohnten sich, denn Prof. Dr. Ullrich Schwarz, Geschäftsführer der Hamburger Architektenkammer und Gastprofessor an der HfbK, holte den Studenten Gefroi damals als freien Mitarbeiter zum Jahrbuch der Hamburger Architektenkammer, eine Edition, die seit 1989 nicht nur Fachleuten einen umfassenden Überblick über Hamburgs bauliche Entwicklung ermöglicht. Gefroi, mittlerweile fest angestellter Pressesprecher, schreibt auch heute noch für das Jahrbuch, aber auch für Zeitschriften, zuletzt einen ausführlichen Bericht über die Elbphilharmonie.

Hier stellt der Eimsbütteler eines der prägnantesten Gebäude-Ensembles seines Bezirks vor.

Die Grindelhochhäuser – Aufbruch in die Zukunft

Ich mag eher zurückhaltende Bauten, die man sich durch genaues Hinschauen erlesen muss - ­so wie die Grindelhochhäuser, die durch ihre Größe und die Gesamterscheinung zu einem Fanal der Nachkriegs-Moderne wurden, aber dennoch dezent und subtil gestaltet sind. Ursprünglich waren die zwölf Hochhausscheiben für die englischen Verwaltungsangestellten und Soldaten geplant, denn Hamburg sollte Sitz der britischen Militärregierung werden.

(© Ulrike Fischer )

Das Wohnviertel sollte sichtbar modern und in klarer Abgrenzung zur Machtarchitektur der Nationalsozialisten gestaltet werden, an einem prominenten Ort, mitten in der Stadt, im vornehmen Harvestehude. 1943 war das Areal zwischen Ober- und Hallerstraße durch Bombentreffer bis auf wenige Restbauten dem Erdboden gleichgemacht worden. Jetzt brauchte man politisch unbelastete Architekten, die ein modernes Wohn- und Verwaltungsviertel entwarfen. Die Architekten, die zusammenkamen, waren allesamt dem modernen Bauen verpflichtet. Zu den namhaftesten gehörten: Bernhard Hermkes (entwarf auch das Audimax), Fritz Trautwein (Miterbauer des Heinrich Hertz-Fernsehturms), Ferdinand Streb (Architekt des Alsterpavillons) und Rudolf Lodders. Anknüpfend an die Maximen der Moderne in den 1920er Jahren und Hochhauskonzepte von Le Corbusier sollten die Grindelhochhäuser freistehend und mit viel Grünfläche drum herum gebaut werden: „Licht, Luft und Sonne!“ waren die Schlagworte.

Begehrte Wohnadressen

Aber als die Fundamente bereits gelegt waren, kam das sogenannte „Hamburg Project“ zum Erliegen. Amerikanische und britische Zone wurden 1947 zur Bi-Zone mit Sitz in Frankfurt zusammengelegt, das Areal nicht mehr benötigt. Die Baustelle lag brach, bis der Senat 1948 beschloss, die Hochhäuser für die Hamburger Bevölkerung weiter zu bauen. Bis 1956 war die letzte Scheibe fertig gestellt – es waren äußerst begehrte Wohnadressen. Man darf nicht die immer noch schwierigen Wohnverhältnisse jener Zeit vergessen: Viele lebten in Notunterkünften, in überbelegten Wohnungen, als Untermieter oder bei Verwandten.

Die Grindelhochhäuser waren dagegen das Modernste vom Modernen, mit allem nur erdenklichen Komfort ausgestattet: Zentralheizung, fließend warm Wasser, Müllschlucker, Fahrstuhl, sogar eine zentrale Wäscherei gab es. Die Wohnungen waren hell und freundlich und verströmten Zukunftsoptimismus. Durch geschickten Versatz der Gebäude stehen sich nie zwei Hochhausscheiben gegenüber, wodurch weite Abstände gewährleistet werden. Dazu kommen die fließenden Grünflächen mit allerhand Kunst im öffentlichen Raum.

Nur wer genauer hinschaut, entdeckt, dass sich alle Häuser voneinander unterscheiden. Den freundlichen Gelbklinker haben alle gemeinsam, aber in den Höhen und der Fassadengestaltung sind sie verschieden. Vielleicht spürt man es nur unbewusst, aber das ist ein wunderbares Spiel zwischen Gleichförmigkeit und Unterscheidbarkeit und passte in die damalige gesellschaftliche und politische Debatte: Wie viel Einheitlichkeit ist notwendig, wieviel Individualität möglich? Diese Differenzierung unterscheidet die Grindelhochhäuser von anderen Hochhaussiedlungen und ist auch ein Grund für ihre bis heute anhaltende Beliebtheit. Die Sanierungen in den letzten Jahren haben ihre ganze Freundlichkeit wieder hervorgeholt. Wenn im Sommer die orangeweiß gestreiften Markisen in der Sonne stehen, kommt fast mediterranes Lebensgefühl auf.

Ich hatte als Kind mal eine Mathe-Nachhilfelehrerin, die in den Grindelhochhäusern wohnte. Das Lernen war eine Qual, aber ich ging, des wundervollen Ortes wegen, dennoch gerne hin.

Lehre, Forschung, Bildung

Das alte Hauptgebäude der Universität Hamburg von 1911 erzählt beeindruckend von dem Verhältnis der Hamburger zu Lehre und Forschung! Der Bau ist vom Reeder Edmund Siemers gestiftet, ursprünglich errichtet als Gebäude für das „Allgemeine Vorlesungswesen“, das ein von wohlhabenden Bürgern finanziertes Bildungsangebot für die breite Bevölkerung darstellte. In der Kaufmannsstadt Hamburg vertraute man eben eher auf private Initiativen denn auf den Staat. Deshalb wurde die Universität Hamburg erst 1919 auf Betreiben des Senators Werner von Melle gegründet. Die Uni übernahm das von den Architekten Hermann Distel und August Grubitz geplante neobarocke Vorlesungsgebäude. Dass sich die nüchternen Hanseaten für die Opulenz der barocken Formensprache entschieden, zeugt einerseits von der damals neu einsetzenden Wertschätzung von Lehre und Forschung, andererseits aber auch von dem Wunsch, Gebäude für die Allgemeinheit gestalterisch hervorzuheben. Das zeigt sich auch an anderen Bauten, zum Beispiel bei Krankenhäusern wie dem AK Barmbek, die Adelssitzen in Parkanlagen glichen. Das waren gebaute Zeichen der Herrschenden an das Volk: ,Seht her, wir kümmern uns um Euch!‘

Maßvolle Modernisierung

Die Struktur des Uni-Hauptgebäudes ist wundervoll: In der Mitte die zwei großen Hörsäle übereinander gelagert, gekrönt von einer Kuppel, drum herum vier Flügeltrakte mit weiteren Hörsälen und Innenhöfen, vorgelagert eine einstöckige großzügige Vorhalle mit elegantem barocken Schwung.

Von 2002 bis 2007 sanierte und modernisierte das Architekturbüro Dinse Feest Zurl den in die Jahre gekommenen Bau Schritt für Schritt: Einstige Raumzusammenhänge wurden wiederhergestellt, unschöne Einbauten entfernt, Putz und Naturstein freigelegt und edles schwarzes Linoleum verlegt. Dazu maßvoll Modernes wie zum Beispiel der verschiebbare Betontresen bei der Garderobe. Ein Besuch der beiden großen runden Hörsäle A und B unter der Kuppel lohnt sich: Das neue Mobiliar ist dezent und passt sich wunderbar ins Alte ein. Das Farben- und Materialspektrum ist reduziert: Böden, Tisch- und Sitzoberflächen in schwarz, Mobiliar aus hellem Ahorn, die Wände weiß. Die gesamte Haus- und Medientechnik ist auf dem neuesten Stand, aber unsichtbar eingebaut, eine beachtliche Leistung! Gekrönt wird das Ganze von wunderschönen, schlichten Hängeleuchten, die eigens von einem Schlosser angefertigt wurden. Aber auch der Rest des Hauses ist einfach gut in Szene gesetzt: Ob die Beschriftung der Säle in eleganten Messinglettern, indirektes Licht, schlichte Sitzbänke aus Stein – für die 100-Jahr-Feier 2019 ist das Hauptgebäude schon jetzt bestens hergerichtet!

Eimsbüttel hat noch viel mehr architektonische Highlights zu bieten: Welches ist euer Lieblingsbauwerk im Viertel?

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