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Das Stadtteilarchiv verrät: 7 Geheimnisse über Ottensen

Das Stadtteilarchiv in Ottensen beschäftigt sich nicht nur mit der Historie von Altona. Auch das alte Gebäude selbst erzählt eine Geschichte. kiekmo hat sich in den charmanten Räumlichkeiten in der Zeißstraße umgesehen und dabei ein paar Geheimnisse über das Viertel erfahren.

Der blaue Bagger steht nicht immer still

Der blaue Bagger an der Ecke Nöltingstraße/Am Born gehört wohl zu den Denkmälern, die viele Anwohner gar nicht mehr wahrnehmen, wenn sie geschäftig daran vorbeieilen. Besucher und Touristen stutzen dagegen häufiger. Was hat ein Bagger mitten im Viertel verloren? Damit hat es Folgendes auf sich: Im Jahr 1998 hat das Stadtteilarchiv Ottensen das historische Gefährt an besagtem Ort aufstellen und restaurieren lassen. Es erinnert an die Firma Menck & Hambrock, die dort bis in die 1970er-Jahre Maschinen, insbesondere Bagger, baute. Was viele nicht wissen: Das "Menck-Mal" ist noch voll beweglich und einsatztüchtig. Einige Male pro Jahr organisiert das Stadtteilarchiv Bagger-Vorführungen, bei denen das Fahrzeug wieder zum Leben erweckt wird. Coronabedingt konnte in 2020 noch kein Schaubaggern stattfinden. Bis jetzt! Markiert euch Samstag, den 24. Oktober, fett im Kalender. Von 11 bis 11:30 Uhr ist die Baggerschaufel wieder in Bewegung und macht Industriegeschichte erlebbar.

Darum liegt Klein Heringsdorf in Ottensen

Den Spitznamen Mottenburg habt ihr im Zusammenhang mit Ottensen vielleicht schon mal gehört, aber Klein Heringsdorf? Für die Bezeichnung gibt es eine einfache Erklärung: An der Straße Hohenesch, Hausnummer 62 bis 72, hatte früher die Fischräucherei Hennings ihren Standort. Die Schornsteine des 1896 gegründeten Betriebs qualmten etwa bis in die 1960er-Jahre, dann verschwanden die Räuchereien nach und nach aus dem Stadtteil. Denn geräucherter Hering, sogenannter Bückling, entsprach nicht mehr den Essgewohnheiten der Bevölkerung. Doch vor ihrem Niedergang war Ottensen ein Zentrum der Fischindustrie. Wie das gerochen haben muss, könnt ihr euch vielleicht denken … Heute erinnern noch zwei Räucherschornsteine im Hinterhof der Hausnummer Hohenesch 70 an die Vergangenheit. Auf einem ist ein filigraner Fisch montiert. Ein Teil der ehemaligen Räucherei ist heute zum Gewerbehof Hagen geworden, der eine Refugium für Kleingewerbetreibende, Musiker, Freiberufler und Künstler bietet.

Von der Kneipe zur Apotheke

Hättet ihr gewusst, dass Ottensen auch schon früher ein Hotspot für feuchtfröhliches Zusammenkommen und revolutionären Geist war? Vor allem im Zuge der Industrialisierung nahm die Anzahl der Schankwirtschaften zu und soll im Jahr 1878 bei sage und schreibe 145 Kneipen gelegen haben. Zwischen 1878 und 1890 waren politische Versammlungen der Arbeiterbewegung verboten – und so kam man in Bier-Runden zusammen, um Pläne zu schmieden.

Die Zigarrenmacher des Stadtteils trafen sich in diesen Jahren unter anderem in der "Uhl". Die Wirtschaft "Zur Eulenburg" befand sich in der Bahrenfelder Straße 69 und ist heute die Victoria-Apotheke, die mit alten Arzneiflaschen in antiken Regalen einen eigenen Vintage-Charme verbreitet. Aus der Bewegung der sozialistischen Zigarrenmacher ging außerdem der Arbeitergesangsverein "Liedertafel Lassallea" hervor. Er probte 1896 in einem Lokal an der Ecke Große Rainstraße/Kleine Rainstraße – im heutigen Café Knuth. Wer noch mehr über die "Lokalgeschichte Ottensens" erfahren möchte, findet spannende Infos in der gleichnamigen Publikation (Erste Auflage: 2005) des Stadtteilarchivs Ottensen. Unsere Informationen haben wir ebenfalls daraus bezogen.

Ottensens berühmter Sohn

Nein, wir sprechen jetzt nicht von Fatih Akin, der natürlich auch sehr toll ist und Altona die Treue hält. Wir meinen einen etwas älteren Zeitgenossen: Max Brauer, 1887 in Ottensen geboren. Heute findet man Straßen, Schulen, Häuser, einen Kai, Stiftungen und Preise, die nach dem berühmten Politiker benannt sind. Dass Hamburgs erster frei gewählter Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ottenser Original ist, wissen dagegen nicht alle. Als Sohn eines Glasbläsers erlernte er zuerst dasselbe Handwerk, flog aber aus der Fabrik, nachdem er zu einem Streik aufgerufen hatte.

Schon früh zeigten sich also die sozialdemokratischen Züge beim jungen Max Brauer. Er gründete eine Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und machte während des Ersten Weltkriegs seine ersten kommunalpolitischen Schritte. Von 1924 bis 1933 war er Oberbürgermeister von Altona, musste nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten als Sozialdemokrat jedoch früh ins Exil gehen. 1946 kehrte er schließlich zurück und wurde schon bald zum Ersten Bürgermeister (1946–1953 und 1957–1960) gewählt. Mehr über den SPD-Politiker erfahrt ihr in der aktuellen Ausstellung im Kesselhaus des Stadtteilarchivs Ottensen (um vorherige Anmeldung wird gebeten).

Ein immer klarer Sternenhimmel

Zum Sternegucken in Hamburg eignet sich der Altonaer Balkon perfekt. Doch es gibt einen Ort, an dem auch bei Lichtverschmutzung und dichter Wolkendecke, ja sogar am Tag, die Himmelskörper funkeln. Der blaue Sternenhimmel am Deckengewölbe der Christianskirche ist immer sichtbar. Und wenn ihr schon mal dort seid, könnt ihr auch gleich dem Grab von Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock auf dem Friedhof daneben einen Besuch abstatten.

Die große Glaubensfreiheit

Bereits Graf Ernst von Schauenburg und Holstein-Pinneberg, der von 1601 bis 1622 regierte, förderte die Religionsfreiheit in Altona und somit auch in Ottensen. Denn obwohl man dort genauso wie in Hamburg evangelisch-lutherisch war, ging es deutlich liberaler zu. Auch Katholiken, Mennoniten, reformierte Calvinisten und Juden durften offen nach ihrem Glauben leben. Als der dänische König Friedrich III. 1640 die Macht übernahm, sicherte er Altona vier Jahre später das Stadtrecht zu – und das bedeutete auch: Glaubensfreiheit. Und genau daher rühren die Straßennamen Kleine und Große Freiheit auf St. Pauli, die damals noch zum dänischen Altona gehörten. Etwa in dieser Ära entstand auch der Jüdische Friedhof Ottensen, der ab 1663 auf einem Gelände zwischen Ottenser Hauptstraße und Großer Rainstraße errichtete wurde, wo heute das Mercado steht. Im Einkaufszentrum erinnern Gedenktafeln auf den Treppen zum Untergeschoss daran.

Eine Wand erzählt (Frauen-)Geschichten

Na gut, dieses Geheimnis beschränkt sich nicht nur auf Ottensen, sondern erstreckt sich auch über Altona – auf zwei Kilometern vom nördlichen Elbufer des Fischmarkts bis nach Övelgönne. Wer auf dieser Strecke aufmerksam die Große Elbstraße und Neumühlen entlangspaziert, dem fallen die großen Wandgemälde auf, die den Weg säumen. Sie alle haben eins gemeinsam. Sie thematisieren Wandel und Vielfalt von Frauenarbeit im Hafen – und räumen so gleichzeitig mit dem Mythos auf, dass es sich hierbei um eine reine Männerdomäne handelt. Das Langzeit-Kunstprojekt "FrauenFreiluftGalerie" ist seit seinem Start im Jahr 1994 gewachsen und umfasst mittlerweile 14 Murals an architekturhistorisch interessanten Gebäuden und Mauern. Neben weiteren internationalen Künstlerinnen hat auch die Malerin Hildegund Schuster mehrere Wandgemälde dazu beigetragen und dafür mit dem Stadtteilarchiv Ottensen zusammengearbeitet. So informativ kann flanieren sein!

Die erste Geschichtswerkstatt Hamburgs: Das Stadtteilarchiv Ottensen

Unter normalen Umständen hätte das Stadtteilarchiv Ottensen – Geschichtswerkstatt für Altona in diesem Jahr seinen runden Geburtstag groß gefeiert. Seit 40 Jahren besteht der Verein bereits, war sogar die erste Geschichtswerkstatt in Hamburg. Die Feierlichkeiten verschiebt das Archiv coronabedingt aufs nächste Jahr, aber: The show must go on. Die Angestellten, Ehrenamtlichen und Vereinsmitglieder kümmern sich weiter fleißig darum, die Stadtteilgeschichte von Ottensen, aber auch des gesamten Bezirks Altona, zu konservieren und mitzugestalten.

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Das bedeutet für euch: Wenn ihr Fragen zu eurem Viertel habt, könnt ihr euch vertrauensvoll an das Stadtteilarchiv wenden! Woher hat eure Straße ihren Namen? Wie sah das Haus, in dem ihr wohnt, früher aus? Und wie schön war bitte der alte Altonaer Bahnhof? Die Geschichtswerkstatt hilft euch dabei, Antworten zu finden. Auch vor Ort könnt ihr euch nach einer telefonischen Anmeldung ausgiebig umsehen und Bibliothek, Fotoarchiv, Zeitzeugnisse, Dokumente- und Objektesammlung erkunden. Egal, ob für die Wissenschaft, zu (Weiter-)Bildungszwecken oder aus privatem oder beruflichem Interesse. Hier bekommt ihr nicht nur Informationen zur Vergangenheit des Stadtteils, sondern auch zu Verkehr und Mobilität, Wirtschaft und Handel, Wohnen, Architektur und Gentrifizierung. Ein Schwerpunkt liegt außerdem auf jüdischer und Frauengeschichte.

Wer sich aktiv an der Geschichtswerkstatt beteiligen möchte, kann das in diversen AGs tun. Diese bringen zum Beispiel Publikationen heraus, bereiten Ausstellungen vor oder retten und sichten Bibliotheksbestände.

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Ein Ort mit Geschichte

Ein Besuch lohnt sich aber allein schon wegen des eindrucksvollen historischen Gebäudes, in dem das Stadtteilarchiv Ottensen seit 1986 seinen Sitz hat. Denn hierbei handelt es sich um die 1874 erbaute ehemalige Drahtstifte-Fabrik Feldtmann in der denkmalgeschützten Zeißstraße. Ihr erreicht den Eingang, indem ihr euch über einen schmalen Durchgang in einen wunderschönen Hinterhof begebt. Drinnen: Alte Holzbalken, knarzende Dielen, das Prasseln von Regen auf dem Dach – der Herbst ist quasi die perfekte Jahreszeit, um die alten Mauern auf euch wirken zu lassen. Noch dazu sind die Maschinen aus der Fabrik erhalten geblieben. Schautafeln informieren darüber, was in Schlosserei, Drahtzieherei und Presserei passierte. Und: Manchmal gibt es sogar Schauvorführungen (auch für Schulklassen als außerschulischer Lernort) und die Maschinen laufen wieder – dem Zahn der Zeit zum Trotz.

Infos: Stadtteilarchiv Ottensen – Geschichtswerkstatt für Altona, Zeißstraße 28, 22765 Hamburg

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