Olivia Jones in Wachs und Wirklichkeit. (© Angela Pfeiffer )

Das Panoptikum: Zwischen Wachs und Wirklichkeit

Ob berühmt oder berüchtigt: Seit 140 Jahren zeigt die Familie Färber im Panoptikum am Spielbudenplatz bekannte Persönlichkeiten als Wachsfiguren.

Wow, ist die groß! Dass Kiez-Ikone Olivia Jones kein schmächtiges Persönchen ist, war ja klar. Aber dass sie uns alle so weit mit ihrem prächtig schillernden Haupt überragt, beeindruckt uns doch. Sie scheint sogar noch wuchtiger zu sein als Vitali Klitschko, der mit schlagbereiter Faust gleich nebendran steht. Irgendwie bedrohlich, auch wenn er gar nicht böse guckt. Wo wir die beiden getroffen haben? Na, im Panoptikum am Spielbudenplatz 3!

Hier stehen 120 wächserne Figuren von historischen und aktuellen Stars und Persönlichkeiten, von berühmt bis berüchtigt, einträchtig beeinander. Der Papst und Dracula, Einstein und Michael Schuhmacher, Udo Lindenberg und Helmut Kohl, Friedrich der Große, Mussolini, Hans Albers und Queen Elizabeth. Auch Angela Merkel und Donald Trump stehen sich friedlich gegenüber. Ein Glück, dass Letzterer nichts sagen kann...Dennoch wirkt er durchaus lebensecht, wie er da mit hochgereckten Daumen steht, das typisch selbstgefällige Grinsen im Gesicht. Herrlich, ihm mal so richtig die Meinung sagen zu können!

Im Mai feiert das Panoptikum den 140. Geburtstag

Trump und Merkel sind zusammen mit Sängerin Adele die jüngsten Neuzugänge im Wachsfigurenkabinett. Das seinerseits hat eine lange Geschichte: Gegründet 1889 feiert das Panoptikum 2019 sein 140-jähriges Bestehen. Damit ist es das älteste Wachsfigurenkabinett Deutschlands. Und es ist seit seiner Gründung in Familienbesitz: Dr. Hayo Faerber und seine Tochter Susanne führen es in nunmehr vierter beziehungsweise fünfter Generation.

Das Haus hat eine Geschichte voller Höhen und Tiefen hinter sich: Bescherte es Gründer Friedrich Herrmann Faerber Ende des 19. Jahrhunderts noch einen wahren Geldsegen – die Faerbers besaßen das erste Auto Hamburgs überhaupt – folgten harte Jahre. Denn Fotografie und Film traten ihren Siegeszug an und machten die Wachsfigurenkabinette in ihrer eigentlichen Funktion überflüssig.

Dr. Hayo Faerber und seine Tochter Susanne führen das Panoptikum in vierter bzw. fünfter Generation. (© Angela Pfeiffer )

Früher dienten Figurenkabinette der Information

Denn ursprünglich, so erzählt Dr. Hayo Faerber, dienten die Kabinette der Information der Bevölkerung. "Es ermöglichte den Menschen zu sehen, wie beispielsweise ihr Kaiser wirklich aussah", sagt er. "Viele wussten das nicht, es gab ja weder Fernsehen noch Fotos, und Gemälde waren manchmal nicht sehr realitätsnah". Doch nicht nur hohe Persönlichkeiten, sondern auch berüchtigte Mörder oder Kuriositäten wie die 2,27 Meter große Mariedl aus Südtirol wurde als Wachsfigur einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt.

1943 wurden fast alle Figuren im Panoptikum zerstört

Nicht nur Film und Fotografie, sondern auch Depression, Inflation und die beiden Weltkriege überlebte das Panoptikum – darunter auch die fast völlige Zerstörung durch eine Bombe 1943. Nur 17 der damals 300 Figuren, die zufällig ausgelagert waren, blieben übrig. Darunter auch die älteste, die heute im Kabinett zu sehen ist: der etwa 140 Jahre alte Friedrich der Große. Er steht zusammen mit anderen großen Feldherren, großen Komponisten, Martin Luther und Albert Einstein oben im zweiten Stock. Spannend, wie klein Napoleon wirklich war!

Wachsfiguren: ein Jahr Herstellung, 50.000 Euro Kosten

Die neueren Figuren kommen eher aus der Showbranche – entsprechend dem Wunsch der meisten Besucher, ihren Stars nahe zu sein und das eine oder andere Selfie mit ihnen zu schießen. Das sei heutzutage die Hauptmotivation der Besucher, erzählt Susanne Faerber. Doch es kämen auch einige, die Kunst sehen wollen. Denn das ist solch eine Figur durchaus. Neun bis zwölf Monate dauert es in der Regel, bis sie fertig ist, manchmal aber auch Jahre.

Die Herstellung erfordert Fachwissen und Fingerfertigkeit: Der Bildhauer formt aus Ton ein Abbild des Kopfes, aus Gips wird daraus ein Negativ gewonnen, das dann wiederum mit Wachs ausgegossen wird. Ist das außen hart, wird das innen noch flüssige Wachs abgegossen. "Die Glasaugen und Zähne müssen von innen eingesetzt werden, deshalb muss der Kopf hohl sein", erklärt Faerber. Mittels Airbrush wird die Gesichtfarbe aufgetragen, die Haare (echte!) werden einzeln eingestupft und frisiert. Dazu kommen die Klamotten – entweder sorgfältig nachgeschneidert oder eine Leihgabe des Prominenten selbst. Kostenpunkt für eine Wachsfigur unterm Strich: etwa 50.000 Euro.

Aus Ton modellieren die Bildhauer die Köpfe der Figuren. (© Dr. J. Fluegel )

Panoptikum: 120 Figuren auf 700 Quadratmetern

Auf insgesamt vier Etagen und 700 Quadratmetern könnt ihr die Wachsfiguren bestaunen. Klingt viel, ist es aber nicht. "Der Platz ist sehr begrenzt", sagt Dr. Hayo Faerber. Und das heißt: Wenn eine neue Figur einzieht, muss eine alte weichen. Jedes Jahr ist das ein- bis zweimal der Fall, der nächste Neuzugang wird eine Frau mit großer Klappe sein: Barbara Schöneberger. Für sie hatten die meisten Hamburger gestimmt, die die Faerbers befragt haben. Ihren Platz im Panoptikum bekommt sie im Mai – zur großen Jubiläumsfeier, wenn das Haus 140 Jahre alt wird.

Info: Panoptikum Wachsfigurenkabinett, Spielbudenplatz 3, 20359 Hamburg; Mo–Fr 11 bis 21 Uhr, Sa 11 bis 24 Uhr, So 10 bis 21 Uhr. Erwachsene zahlen 6,50 Euro Eintritt, Kinder ab sechs Jahren 4,50 Euro

Auch traditionsreich: Schmidt's Tivoli

Nur ein paar Meter weiter befindet sich ein weiteres Traditionshaus an der Reeperbahn: das Theater Schmidt's Tivoli. Lest außerdem, was St. Pauli sonst noch so zu bieten hat.

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