Das quirlige Gängeviertel überlebte Cholera und Bomben. (© picture alliance / Christophe Gateau/dpa )

Das Gängeviertel in der Neustadt: So alt, so kreativ, so sehr Hamburg

Versteckt zwischen den Hochglanz-Bürogebäuden der Neustadt liegt das historische Gängeviertel und ist in Hamburg ein Ort kultureller Vielfalt. Wir verraten euch, was in diesem kreativen, alternativen Zentrum los ist.

Wir schreiben das Jahr 2009. Zwischen den glänzenden, vielstöckigen Bürobauten an der Caffamacherreihe und der Kaiser-Wilhelm-Straße siechen einige alte, teilweise aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude vor sich hin. Viele Fenster sind gesprungen, der Putz ist bröckelig, in den engen Gängen zwischen ihnen liegt Unrat. Es ist ein Überbleibsel der alten Gängeviertel, die sich im späten Mittelalter fast über die gesamte Neu- und Altstadt zogen und in denen unter prekären hygienischen Zuständen zahllose Menschen auf engstem Raum hausten. Nach der Cholera-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts, die sich vor allem in diesen beengten, düsteren Vierteln ungehindert ausbreiten konnte, begann die Stadt, diese Viertel abzureißen. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten schließlich die Bomben der Alliierten den Großteil dessen, was noch übrig war. Doch ein kleiner Gebäudekomplex blieb erhalten: leer, verlassen, vergessen, verfallend.

Kampf ums Gängeviertel: Käufer versus Hausbesetzer

Dabei gab es schon einen Käufer für die maroden Gebäude. Die Stadt Hamburg hatte ihn bereits 2008 gesucht und gefunden. Der niederländische Investor Hanzevast wollte das Viertel aufkaufen, plante den Abriss der meisten alten und den Neubau moderner Gebäude. Noch mehr Chrom, noch mehr Stahl, noch mehr Zerstörung historischer Bausubstanz? Nein. Eine Initiative aus Künstlern und Aktivisten sammelte sich, traf sich zu konspirativen Treffen in einem der Gebäude, um das zu verhindern. Ihre Idee: Hier sollte ein Zentrum für Kunst und Kultur, für Soziales und Wohnraum entstehen. Ein lebendiger Freiraum inmitten der Stadt.

Am 22. August 2009 stürmte die Initiative "Komm in die Gänge" die Gebäude. Sie schleppten Kunstwerke in die leerstehenden Räume, Musiker zauberten Klänge in die vorher unheimliche Stille. Was vorher als "Hoffest" unter der Hand angepriesen worden war, verwandelte sich binnen weniger Stunden in ein großes, rauschendes Kunst- und Kulturfest. Leben statt Verfall, Lachen statt Abrisslärm.

"Gute Gespräche" mit der Stadt über weitere Sanierung des Gängeviertels

Der Rest ist Geschichte. Doch eine Geschichte, die permanent weitergeschrieben wird. Denn drei der Gebäude wurden mittlerweile saniert, doch andere verfallen zusehends – und sind vielleicht schon in naher Zukunft unrettbar verloren. Wichtig ist der Initiative, dass möglichst viel Originales erhalten bleibt: die Fenster, die Böden. Schließlich macht das den besonderen Charme der Räume aus – und es geht ja auch um die Erhaltung der historischen Bausubstanz. Deshalb wird derzeit mit der Stadt über eine weitere Sanierung verhandelt. Es seien "gute Gespräche", heißt es von "Komm in die Gänge".

Das Gängeviertel ist laut UNESCO ein "Ort kultureller Vielfalt"

In ihrem Kampf für die Erhaltung der "Gänge" haben die Aktivisten schon viel erreicht. Im April 2010 überreichten sie der Stadt ein Sanierungs- und Nutzungskonzept für das historische Viertel. Die Politiker ließen sich überzeugen - auch vom großen öffentlichen Druck – und leiteten den Rückkauf von Hanzevest ein. In den Gebäuden (soweit sie halbwegs nutzbar sind) herrscht reges Leben: Es gibt Ateliers, Werkstätten, Wohnraum, Studios, Bühnen, Seminar- und Kunsträume, die "Jupi-Bar" und das "Nasch", ein veganes Restaurant und Café. Die UNESCO kürte das Gängeviertel zum "Ort kultureller Vielfalt", und zehntausende Gäste aus aller Welt kamen in den vergangenen Jahren zu Ausstellungen, Partys, Diskussionen, Konzerten und Lesungen. Bislang sieht es so aus, als könnte das Projekt gelingen – anders als beim Künstler- und Handwerkerhof "Bernie" in der Bernstorffstr. 117, dem nach wie vor das Aus droht.

Neues Buch über den G20-Gipfel

In jedem Jahr erscheint ein Kalender mit Abbildungen von Arbeiten einiger im Gängeviertel aktiver Künstler. Kaufen könnt ihr ihn ab 19. November 2018 im "Genossenschaftsbüro" im Valentinskamp 34/39. Ein weiteres Highlight wird gewiss die Premiere des Buches "Das war der Gipfel. Die G20-Proteste in Hamburg" am 30. November 2018 in der Fabrique (18 Uhr), eine umfassende und mit zahlreichen Fotos illustrierte Chronik jener Tage, geschrieben von den Aktivisten der Protestaktionen selbst.

2016 wurde das Kulturzentrum "Fabrique" eröffnet

Was die “Fabrique” ist? Quasi das Herzstück des Gängeviertels, ein 1903 erbautes Fabrikgebäude zur Herstellung von Schnallen und Gürteln. Es wurde bereits von Grund auf saniert und im März 2016 als soziokulturelles Zentrum wiedereröffnet. Hier gibt es zahlreiche, große Räume (100 bis 130 Quadratmeter), in denen verschiedenste Workshops, Veranstaltungen und Gruppen – vom Radiosender bis zur Siebdruck-Werkstatt – unterkommen können. Doch auch in den anderen Gebäuden ist einiges los. In der "Tischlerei" arbeiten auch heute wieder Künstler mit Holz und im "Familienhaus" gibt es wieder Leben. Dann gibt es das "Puppenhaus", die "Kutscherhäuser", das "Jupi-Haus" mit der "Jupi-Bar", das "Kupferdiebehaus" oder auch die "Butze" mit einer Teeküche, einem Umsonst-Laden und einem Tonstudio. In vielen der Häuser sind Ateliergemeinschaften, freie Künstler oder Kreativbüros untergekommen.

Gegen Rassismus, Ausgrenzung und Homophobie

Am besten kommt ihr einfach selber in die Gänge und schaut euch mal um. Jeder ist hier willkommen – Geschlecht, Alter, Herkunft, Sprache, Religion, das alles ist den Mitgliedern des Kollektivs herzlich egal. Und zwar, wie sie ausdrücklich betonen, nicht im Sinne von gleichgültig, sondern in dem Sinne, dass es für sie keine Rolle spielt. Deshalb machen sie sich auch gegen Rassismus, Nationalismus oder Homo- und Transphobie stark. Ehrensache, dass "Komm in die Gänge" auch zu den Unterstützern von "Die Vielen" gehört, einer Bewegung, die Menschen einen möchte – gegen Nazis, gegen die AfD, gegen Hasshetze und Angstmache. Um die Initiative zu zitieren: "Gerade in Zeiten, in denen Rassismus und Diskriminierung im gesellschaftlichen und medialen Mainstream mehr und mehr akzeptiert werden und eine Partei wie die AfD in allen Parlamenten sitzt, sind alternative Orte wie das Gängeviertel wichtiger denn je." Jawoll.

Wo? Zwischen Caffamacherreihe, Valentinskamp und Speckstraße
Mehr Infos im Netz unter www.das-gaengeviertel.info

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