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Auf ein Bier im "Seeteufel": Ottensens Wohnzimmer an der Elbchaussee

Zu Gast in Hamburgs urigsten Kneipen: Seit 30 Jahren führt Evi den "Seeteufel" mit hanseatischem Charme. Es ist ein Ort voller Hamburgensien.

Zwei Minuten nach acht, die Kneipe "Zum Seeteufel" hat gerade aufgemacht. Evi, die Inhaberin, und ihr Mann sitzen am offenen Fenster und rauchen, im Hintergrund läuft Frank Sinatra. Der erste Gast betritt die kleine Bar. "Moooin, Großer!", begrüßt Evi den Kunden. "Bier oder Wein?" "Was ist denn das da?", fragt er stattdessen und zeigt auf eine Flasche mit klarem Schnaps. "Hochseekorn! Magste probieren?", erwidert Evi mit verrauchter Stimme und unverkennbar hanseatischem Slang. Sie ist ein Hamburger Original - genauso wie die Bar, die ihr gehört. Der "Seeteufel" Felix Graf von Buckner war ein berüchtigter Seefahrer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und lehrte ganz in der Nähe an der Seefahrtsschule. Nach ihm benannte der ehemalige Besitzer die Kneipe, als sie 1958 eröffnet wurde. Davor wurden auf der Ladenfläche Brote verkauft.

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Astra, Korn und Seemannsgarn

Evi kann all diese Geschichten detailgenau erzählen. Bohrt man lange genug nach, zieht sie alte Fotoalben und Bücher unter dem Tresen hervor. Auch die älteste Ausgabe der Bücher, die Buckner zu seinen Lebzeiten verfasste. Die ganze Kneipe ist, ganz nach seinem Vorbild, ein Sammelsurium maritimer Objekte: Rettungsringe, Schiffsmodelle, Galionsfiguren und zweckentfremdete Schiffsteile hat Evi hier zur Dekoration aufgehängt.

Ihr erster Kauf war eine große, alte Weltkarte, die an der Decke über der Bar einen Platz gefunden hat. Übernommen hat sie sie von dem Besitzer des alten Restaurants, auf dessen Fläche heute das Riedel’s ist. Jedes einzelne Detail der Einrichtung hat etwas mit Hafen oder Hamburg zu tun. Die Aschenbecher sind mit Segel-Motiv bedruckt, als Schnapsgläser fungieren Mini-Tassen mit Ankerbemalung. Und das Gesamtkunstwerk wächst: "Mein neustes Stück ist eine Schiffsglocke", erzählt Evi. Aktiv sucht sie aber nicht nach neuen Einrichtungsgegenständen. "Die Leute bringen mir immer etwas vorbei, wenn sie denken, es ist hier in guten Händen." Trotz der Fülle an Dekoration wirkt die Kneipe aber nicht vollgestopft, sondern urig und gemütlich. "Es ist wie mein eigenes kleines Museum."

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Eine große Familie

In den 30 Jahren die vergangen sind, seit Evi die Bar übernommen hat, ist der Seeteufel zu ihrem Baby geworden. Ihr geht es hier nicht einfach nur ums Bier-Ausschenken. Sie möchte, dass die Kneipe ein Treffpunkt für die Nachbarschaft ist, an dem sich alle kennenlernen, austauschen und weiterhelfen können. Damit niemand an Heiligabend alleine ist, hat sie ihre eigene Weihnachtsfeier sogar in den Seeteufel verlegt - und die Tür steht allen offen. "Wenn jemand sein Bier nicht bezahlen kann, dann gebe ich das auch aus", versichert sie.

Das Familien-Feeling der Kneipe wird auch durch die "Baby-Ecke" verstärkt. So nennt Evi einen kleinen Wandabschnitt, an den mehrere Fotos von Kleinkindern festgepinnt sind. "Das ist der Nachwuchs von den Leuten, die hier geheiratet oder ihren Junggesellenabschied gefeiert haben", erklärt die Besitzerin. Zur Geburt würde jedes der Kinder auch einen kleinen Strampler mit Seeteufel-Schriftzug bekommen. Vom Kleinkind bis zu den 70-jährigen Stammgästen behandelt Evi ihr Umfeld wie ihre besten Freunde – und wer neu in der Bar ist, wird mit Sicherheit nicht lange fremd sein. Mit dem Seeteufel hat Evi für viele ein zweites Zuhause geschaffen. Oder wie sie es sagt: "Unser kleines Wohnzimmer an der Elbchaussee."

Wo? Elbchaussee 4, 22765 Hamburg
Wann? Mi-Sa ab 20 Uhr

Hamburgs urige Eckkneipen

Ottensen ist voller alteingesessener Bars und uriger Eckkneipen – doch viele von ihnen müssen oft den hippen, neuen Läden weichen. Dabei bringen diese kultigen Orte vor allem eins mit: Gemeinschaft. In der Eulenklause bedienen zwei charmante Ur-Ottenser ihre Gäste, und im Café Treibeis findet ihr zwar keinen Kaffee, dafür aber eine letzte Bastion der Punk-Kneipendieser Stadt. Schaut gerne mal auf ein Getränk oder zwei vorbei!

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