Besser als Netflix: Der "FilmRaum" in Eimsbüttel

Das kleinste Kino Eimsbüttels: Im FilmRaum läuft zwar nicht der neuste Spiderman, dafür aber tolle Kurz- und Autorenfilme, die es sonst nirgendwo gibt.

Tina ist da, bevor der Film anfängt. Sie füllt Erdnüsse in kleine Einmachgläser, legt den Film ein, öffnet den Gästen die Tür. Wenn jeder auf seinem Platz sitzt, beginnt die blonde Frau mit leiser Stimme zu sprechen. Sie erzählt vom Film "Leto“, der an diesem Abend gezeigt werden soll und dessen Regisseur. Erzählt, wie er während der Dreharbeiten verhaftet wurde und heute immer noch unter Hausarrest steht. Wie Rockmusik in der Sowjetunion verboten war und sich junge Musikliebhaber deshalb heimlich in Vorführungen schlichen. Sie erklärt, dass die Verhaftung des Regisseurs deshalb wohl nichts mit Geld zu tun hat, wie ihm vorgeworfen wird, sondern mit Politik.

Kino zwischen Streaming und Menschenrechten

Tina war auch schon da, als ihr Lebensgefährte Behzad vor zehn Jahren den FilmRaum gründete. Zunächst als kleine Filmothek, in der die Eimsbüttler sich DVDs und Videokassetten ausliehen. Da zeigten sie auch schon öffentlich Filme aus dem eigenen Bestand, boten ihre Räumlichkeiten zudem für Kulturveranstaltungen an. Mit dem Filmverleih wurde es mit der Zeit schwieriger. Den Kampf gegen Netflix und andere Streamingdiensten konnten sie nicht gewinnen. Vor drei Jahren wurde schließlich aus dem Filmverleih das kleinste Kino Eimsbüttels.

Hier haben 35 Gäste Platz: Auf richtigen roten Kinositzen, aber auch auf Sofas und Sesseln. In den Wintermonaten liegen dort Wärmflaschen für die Gäste. Jeden Tag zeigen die Betreiber zwei Filme, rund sechs verschiedene jeden Monat. Die beiden wählen die Filme selbst aus. Es ist wichtig für sie, politische und sozialkritische Werke zu zeigen – auch und vor allem solche, die es kaum in andere Kinos schaffen wie der Musikfilm "Jota“. Außer im FilmRaum läuft dieser nur im Abaton. Die Hochschulgruppe von Amnesty International zeigt einmal im Monat einen Film, der sich mit Menschenrechten auseinandersetzt. Außerdem kooperiert der FilmRaum mit dem "Europäischen Filmpreis“, den "Hamburger Kurzfilmtagen" und der "Geschichtswerkstatt Eimsbüttel".

Ein Kino für die Nachbarschaft

Deshalb weiß Tina auch, dass Eimsbüttel in der Nachkriegszeit der Hamburger Stadtteil mit der größten Kinodichte war. Sechs Kinos gab es allein auf der Osterstraße. Eimsbüttel war damals noch ein Arbeiterstadtteil und die Kinos soziale Treffpunkte für die Anwohner. Das ist auch der Anspruch des FilmRaums. Er wird meist von Leuten aus der Nachbarschaft besucht, doch für besondere Filme kommen auch Menschen aus anderen Stadtteilen. Tina kennt viele Gesichter.

Die Betreiber der Filmwerkstatt liebten Filme schon immer. Behzad studierte sogar Musik- und Filmwissenschaften, Tina ist als Architektin eigentlich fachfremd. Ihr Wissen über die gezeigten Filme eignete sie sich selbst an. Wenn es nicht etwas anderes zu tun gibt, schaut sie die gezeigten Filme immer mit – manche sieht sie fünf Mal in einem Monat.

Besser als Netflix

"Einen Film im Kino zu sehen hat eine ganz andere Wirkung als mit Netflix im Bett“, sagt sie. Man sei viel aufmerksamer, lege auch mal das Handy aus der Hand. Weder beginnt, noch endet die Vorstellung mit dem Film. Mit ihren Anmoderationen wollen Behzad und Tina die Besucher dazu einladen, sich aus ihrem Alltag herauszuholen und ganz auf den Film einzulassen. Auch danach sitzen sie oft noch mit den Gästen zusammen und unterhalten sich. Es ist Luxus, sagt Tina. Natürlich sei es auch oft schwer, insbesondere wirtschaftlich. Doch die schönen Seiten: die Nähe zu den Gästen, die vielen Filme, eine Arbeit die Freude bereitet und Sinn stiftet – am Ende überwiegen sie.

Autorin: Muriel Kalisch

Wo: Müggenkampstraße 45
Wann: Die Filme beginnen jeweils um 17.45 und 20.15 Uhr

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