Felicia Heres vor dem Shop in der Papenreye. (© Fabian Henning )

Beate Uhse in Eimsbüttel: Hauptsache, es brummt!

In den 1960ern hat Beate Uhse den deutschen Erotikmarkt revolutioniert, seitdem hat sich viel getan. Wir haben uns mit der E-Commerce-Managerin Felicia Heres in der Eimsbütteler Beate Uhse-Filiale unterhalten.

Beate Uhse wird gerne als die Chefaufklärerin der Deutschen bezeichnet. Als E-Commerce-Managerin sind Sie sozusagen ihre Nachfolgerin. Wie ist es, das Erbe von Beate Uhse zu übernehmen?

Felicia Heres: Eine große Ehre! Mit der Rolle als E-Commerce-Chefin bin ich verantwortlich für den Umsatz im Online-Shop Deutschland, was natürlich große Verantwortung und Herausforderungen mit sich bringt. Gerade die Herausforderungen machen unglaublich viel Spaß. Schließlich haben wir es nicht nur mit einem stetig verändernden Online Markt zu tun, sondern auch mit dem „Tabu-Thema“ Erotik.

Stunt-Pilotin wie damals Beate Uhse sind Sie nicht?

Nein, dafür ist mein Magen nicht stark genug.

Und fahren Sie auch einen Ford Mustang?

Leider nicht, wobei ich sagen muss, der Ford Mustang ist auch eines meiner Lieblingsautos.

Für Beate Uhse waren die Startbedingungen in den 1960er Jahren sehr schwierig: Es gab viele Anklagen mit dem Vorwurf Unzucht und Begierde zu verbreiten, Kondome waren verboten und die Pille war noch nicht erfunden. Heute müsste es doch einfacher sein, Sexartikel zu verkaufen?

Damals gab es sicherlich mehr Hemmungen als heutzutage, aber zum Teil durch starke Persönlichkeiten wie Beate Uhse, sowie durch den Feminismus und in den letzten Jahren die immer freizügiger werdende Werbeindustrie, haben sich die Hemmungen verringert. Dadurch hat sich auch in der Erotik-Branche vieles verändert. Sicherlich ist es dadurch jetzt einfacher. Aber trotzdem ist es immer noch eine Branche bei der viele die Augenbrauen anheben oder Scheu haben über das Thema Erotik zu reden. Erotik und Sexualität sind und bleiben auch in Zukunft eine persönliche Angelegenheit, und jeder ist unterschiedlich.

Die Entwicklung in der Erotikbranche zu beobachten, ist super spannend!

Sie sind für den Online-Shop verantwortlich. Wie ist es für Sie, die Sexualität der Deutschen mitzugestalten?

Bei Beate Uhse ist der Kunde zentral. Schließlich geben unsere Kunden den Ton an, sie sagen uns was gewünscht ist und welche Artikel ihnen Spaß bereiten. In unserem Online-Shop und den Social-Media-Kanälen achten wir auf das Such- und Kaufverhalten der Nutzer/Besucher, um so neue Trends und Produkte zu entwickeln. Diese Entwicklungen zu beobachten, ist super spannend!

Sie müssen der Lust der Deutschen immer einen Schritt voraus sein! Woher kommt ihr besonderes Talent dafür?

Obwohl ich natürlich gerne die Ehre eines solchen Talentes hätte, muss ich hier das Lob an meine Kollegen geben. Basierend auf dem Such- und Kaufverhalten erfahren wir, was der Kunde oder die Kundin sucht. Bereits verfügbare Ware wird dadurch besser beworben und unser Produkt-Team bei Scala Playhouse entwickelt neue Toys basierend auf diesen Daten. Unsere Produktmanagerin für den Bereich Dessous ist uns immer einen Schritt voraus. Sie entdeckt neue Trends und Bestselling-Items auf internationalen Einkaufsreisen.

Und wie kommt man in die Erotikbranche?

Durch Zufall. Ursprünglich komme ich aus dem E-Commerce und Webshop-Bereich. In Holland hat mir ein Headhunter den Job bei Beate Uhse vorgeschlagen, auf den ich mich dann beworben habe. Ausschlaggebend war dann das Feministische und das Tabubrechende, was meinem Job für mich so spannend macht. Zwar würde ich mich nicht als Feministin bezeichnen, aber ich verstehe die Idee, die dahinter steht.

Beate Uhse hat den ersten Sexshop weltweit eröffnet - das Fachgeschäft für Ehehygiene in Flensburg. Seitdem hat sich viel getan am Erotikmarkt. Was hat sich vor allem in den letzten zehn Jahren getan?

Durch den Online-Markt sind immer mehr Konkurrenten dazu gekommen. Das merken wir natürlich auch. Erotikartikel kann man jetzt nicht nur in einem Sexshop kaufen, sondern auch auf verschiedenen Online-Portalen aber selbstverständlich auch in den Beate Uhse Filialen.

Für Menschen, die sich nicht in eine Filiale eines Erotik-Geschäfts trauen ist der Online-Handel natürlich super praktisch. Das Angebot ist selbstverständlich online auch wesentlich größer als in einer Filiale. Somit können wir im Online-Shop alle möglichen Kunden bedienen; junge Frauen die vielleicht ihren ersten Vibrator kaufen oder erfahrene Paare, die nach Inspiration suchen.

(© Beate Uhse )

Der Beate Uhse Shop in Eimsbüttel liegt ziemlich versteckt an der Bezirksgrenze in einem Industriegebiet. Wäre es nicht zeitgemäßer, diesen an die Osterstraße zu verlegen und als Boutique zu betreiben? Heute verkaufen sogar Budnikowsky und dm Vibratoren! Sex ist ja etwas, das man nicht mehr verstecken muss.

Das sehe ich auch so und dies ist auch ein Thema, an dem wir arbeiten. In den letzten Jahren wurden bereits einige Filialen erneuert. Vor einiger Zeit haben wir die alte Filiale in Berlin geschlossen und Ende letzten Jahres einen neuen Flagship-Store in Berlin eröffnet. Wenn man sich die neuen Filialen anschaut, und gerade den neuen Flagship-Store, erkennt man schon schnell die Entwicklung im Erotik-Markt.

Und wird die Filiale im Bezirk Eimsbüttel auch überarbeitet?

Mit der Zeit, ja.

Oder sogar geschlossen, weil Beate Uhse sparen muss?

Es ist momentan nicht geplant, die Filiale in Hamburg zu schließen.

Wird ein Shop wie der in der Papenreye denn noch benutzt oder bestellen die Leute alles im Netz?

Unsere Filialen in Deutschland werden weiterhin gut besucht. Unsere Kunden lieben die persönliche Beratung, die wir dort anbieten. Die Kollegen in den Filialen kennen die Produkte äußerst gut und wissen ganz genau, wie sie dem Kunden helfen können.

Die Kunden in unseren Filialen sind eher älter.

Und wie alt sind die Kunden im Laden in Eimsbüttel?

Die Kunden in den Filialen, auch hier in Eimsbüttel, sind eher älter. Bei unseren Online-Kunden ist der Altersdurchschnitt runtergegangen, die sind deutlich jünger geworden. Ältere Menschen sind meistens nicht so computeraffin. Aber natürlich ist der Verkauf online - im Gegensatz zum Laden - eine ganz andere Welt.

Welche Artikel werden online am meisten gekauft?

In unseren Online Top 20 im Bereich Toys finden sich Geschenkboxen, klassische Vibratoren, der Womanizer (Stimulator für Frauen) und der We-Vibe (Paartoy), sowie Peitschen, Analplugs und vibrierende Penisringe.

Welche Dildofarbe wird am häufigsten gekauft? Realistisch-hautfarbene oder lieber bunte abstrakte?

Bei den Toys für Frauen: pink und lila! Wobei sich der Trend im letzten Jahr zur Farbe schwarz neigt. Bei den Männertoys verkaufen sich die Farben schwarz und blau/lila am besten.

Was verkauft sich gar nicht mehr?

In früheren Zeiten gab es noch Vibratoren aus PVC mit ungesundem Weichmacher sowie Vibratoren, bei denen die Bedienung mit Schiebe-Knöpfen betätigt wurde. Diese werden heutzutage nicht mehr verkauft. Die klassischen, aufblasbaren Sexpuppen aus Plastik werden heutzutage immer mehr ersetzt durch real-life Puppen, die aus einem anderen Material bestehen und sich viel realer anfühlen.

Werden noch Pornos gekauft? Oder schaut man so etwas heutzutage nur noch online?

Es werden weiterhin Porno-DVDs verkauft, sowohl in den Filialen als auch im Online Shop. Aber natürlich bieten wir mit Beate Uhse TV, Beate Uhse Movies und Blue Movie verschiedene Online-Plattformen mit Pornos aus Eigenproduktion.

Alice Schwarzer ist eine der bekanntesten Vertreterin gegen Porno - weil Frauen dort als Spielzeug der Männerwelt stigmatisiert werden. Was halten Sie von Pornos?

Die Pornoindustrie hat sich ja auch geändert. Selbstverständlich werden weiterhin die klassischen Pornos gedreht und auch gut verkauft, aber heutzutage gibt es auch Porna-Filme: Erotikfilme mit Geschichten, die „frauenfreundlicher“ sind und eher realistische Situationen im Leben darstellen als die klassischen Pornos.

In der Zukunft wird es mehr und mehr Sex-Roboter geben, vor allem Männer kaufen diese Produkte.

Wie sieht der Zukunftsmarkt aus?

Vibratoren mit WLAN und App-Bedienung gibt es schon längst. Vegane Kondome auch, wobei diese noch nicht weit verbreitet sind. In der Zukunft erwarten wir mehr und mehr Virtual Reality, real-life Körperteile und Sex-Roboter. Vor allem Männer kaufen Sex-Roboter.

Und was kaufen Frauen gerade?

Das ist auf jeden Fall der Womanizer, ein absoluter Trendsetter. Persönlich habe ich ihn nicht probiert, aber wenn man sich die Kundenbewertungen anschaut wird diese Tatsache bestätigt. Eine Kundin schrieb uns zum Beispiel: „Erst ‚Ohhhhh‘, dann ‚Aaaaaahh‘ - Hält was es verspricht, hat Suchtpotential, ich liebe ihn!“

In Zeiten von Fifty Shades of Grey scheinen devote Sexpraktiken massentauglich zu sein - werden SM-Artikel heute häufiger bestellt?

Ja, dank der Bücherreihe Fifty Shades of Grey und deren Verfilmung sind die Einsteiger-SM-Toys immer alltäglicher geworden. Gerade unter den Deutschen haben wir das seit 2011 gemerkt, besonders Anal-Toys, softe Peitschen oder Flogger und Satin-Accessoires zum Binden von Händen, Füßen und Augen werden seitdem immer öfter gekauft.

Beate Uhses legendäre SchriftX aus den 1940er Jahren, bei der es um die Verhütung der Frau ohne Verhütungsmittel ging, wird mittlerweile als Blog weitergeführt. Was damals als revolutionär galt, ist in unserer aufgeklärten und auch abgeklärten Gesellschaft kaum zu toppen. Ist Sexualität nicht zu öffentlich und offensichtlich geworden?

Aus meiner Sicht ist Sexualität weiterhin spannend und wird immer noch von vielen als ein spannendes Gesprächsthema empfunden. Sogar in der eigenen Beziehung. Beate Uhse hat daran geglaubt und wir glauben auch heute noch daran: Für ein erfülltes Sexleben muss man in der Lage sein, mit seinem Partner über die eigenen Wünsche und Vorlieben zu sprechen und dort eine offene Kommunikation zu haben. Man muss sein Sexleben ja nicht mit jedermann besprechen, aber zumindest mit dem Partner sollte man dies tun!

Mehreren Studien zufolge nimmt in westlichen Gesellschaften die Häufigkeit ab, Sex zu haben. Und nach einer Studie der Universität Leipzig haben in Deutschland 60 bis 70-jährige Paare mehr Sex als Singles in den 20ern!

Eventuell liegt das daran, dass die Älteren den sexuellen Wandel damals direkt mitbekommen haben. Und deshalb hemmungsloser sind, als die jungen Leute heutzutage. Gerade die 18- bis Ende 20-Jährigen haben viel mehr Hemmungen als die ältere Gruppe.

(© Eimsbütteler Nachrichten )

Und hat sich die Häufigkeit verändert?

Das merken wir nicht. Wir haben letztes Jahr in Holland und Deutschland eine größere Studie durchgeführt, bei der das nicht rausgekommen ist. Nach unseren Erkenntnissen hat sich in den letzten Jahren nichts verändert. Der Durchschnitt liegt bei zwei- bis dreimal die Woche.

In Zeiten der Selbstoptimierung durch Fitnesstracker, gibt es schon Geräte, die die Häufigkeit und Qualität des Sex' misst?

Würde mich nicht wundern, wenn es zumindest eine App dazu gibt, aber ob es auch eigene Geräte dafür gibt, weiß ich nicht.

Muss Sex optimiert werden?

Das sollte jeder für sich entscheiden. Wir möchten die Personen, die sich weiter entwickeln wollen und ihr Sexleben optimieren wollen, dabei unterstützen. Durch Inspiration, Information und die richtigen Produkte.

Unsere Gesellschaft scheint oversexed zu sein. Im Fernsehen, der Werbung oder der Popkultur - überall attraktive, schlanke und sportliche Menschen. Am Ende dieses Interviews, haben sie einen Tipp, wie Menschen damit umgehen können?

Liebe deinen Körper und dich selbst, so wie du bist. Schönheit, ein gutes Körpergefühl und Erotik haben nichts mit der Körpergröße, Herkunft oder Religion zu tun. Wichtig ist, dass du dich gut fühlst in deinem Körper, tust was dir gut tut und Spaß und Befriedigung hast.

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