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Hansaplatz St Georg
Unsplash / Catherina Schümann
St. Georg

Warum heißt St. Georg eigentlich St. Georg?

Kennt ihr St. Georg – also, abgesehen von Langer Reihe und Steindamm? kiekmo liefert euch Fakten aus dem Viertel und klärt, warum der Stadtteil am Hauptbahnhof überhaupt den Namen St. Georg trägt.


Wir würden mal behaupten, kaum ein Viertel unserer Hansestadt ist so klar abgesteckt wie St. Georg. Begrenzt durch Gleisanlagen, Außenalster und Wallstraße beziehungsweise Sechslingspforte am Berliner Tor und der HAW erstreckt es sich über gerade einmal 1,8 Quadratkilometer und rangiert damit unter den zehn kleinsten Stadtteilen Hamburgs. Dies bedeutet aber nicht, dass hier nichts los ist. Das Gegenteil ist der Fall. Schaut euch beim nächsten Luicella's-Besuch auf dem Weg zur Alster doch mal etwas genauer um.

St. Georg: Ein Stadtteil der Gegensätze

Andere Grenzen verlaufen fließend. Das Leben in St. Georg pulsiert um die Hauptadern Lange Reihe und Steindamm. Die Straßen sind ein Paradebeispiel für die sprichwörtlichen zwei Seiten einer Medaille. Gesäumt von prächtigen Altbauten führen sie vom Hauptbahnhof ins Quartier, könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein. Während die Lange Reihe den Ruf der hippen urbanen Flanier-, Schlemm- und Shoppingmeile genießt, auf der man sich gern blicken lässt, sind Steindamm und Hansaplatz als einer von Deutschlands schlimmsten Brennpunkten verrufen: Glücksspiel, Drogen, Rotlicht, Kriminalität. Zugegeben vom Glanz der ersten gepflasterten Straße außerhalb der Stadtmauern ist nicht mehr viel übrig, der Steindamm wirkt im Vergleich schmuddeliger. Trotzdem kann man auch dort ganz vorzüglich futtern und einkaufen – viele schwören darauf, dass es hier den besten Döner in Hamburg gibt. Und in den internationalen Supermärkten könnt ihr köstliche Schätze entdecken.

Zwischen Schandfleck ...

Tatsächlich sind die Gegensätze in St. Georg fast schon historisches Gut. Zum einen wurden Unerwünschte hierher, vor die Tore der Stadt, verbannt. Dies begann bereits vor 1200, als das heute älteste Krankenhaus Deutschlands gegründet wurde, das KH St. Georg. So gediegen der Name auch klingt, ist er eher unschönen Ursprungs: Der heilige Georg ist als Schutzpatron der Kreuzfahrer bekannt, wacht aber auch über die Leprakranken und Siechen. Damals grassierte die Infektionskrankheit und Hamburg verbannte alle Erkrankten aus der Stadt, um weiteren Ansteckungen vorzubeugen. Darauf folgend diente St. Georg als vorstädtischer Standort für den Pest- und Armenfriedhof, Schweinezucht, Abdeckerei und Schnapsbrennereien und fungierte als Hinrichtungsplatz sowie Mülldeponie. Im 17. Jahrhundert mussten zudem die Gerber den innerstädtischen Bereich räumen und errichteten die Lohmühle an der Alster. Als die französische Besatzung 1814 endete, wurde St. Georg zum Wohnort der verarmten Hamburger Bevölkerung. Der damalige Spitzname "Jammerbrook" kam nicht von ungefähr.

... und Residenz der Reichen

Gleichzeitig unterhielten Hamburger Familien idyllische Gärten in der Vorstadt, wo sie aus der Enge der Stadt ausbrechen und eigenes Gemüse anbauen konnten. Wohlhabendere ließen Sommerresidenzen bauen und legten Lustgärten an. Zudem ist der Hansa, Symbol für macht und Reichtum der Hanse, in St. Georg ein 17 Meter hohes Denkmal in Form eines der prächtigsten Brunnen in Hamburg gesetzt. Wo der historische Wasserspeier von 1878 steht? Na, ratet doch mal. Tipp: Ihr findet ihn dort, wo das arme und das reiche St. Georg aufeinandertreffen.

Trotz armer Anwohnerschaft kam im 19. Jahrhundert der Aufschwung: die Unterhaltungs- und Kulturbranche begann zu florieren, Vergnügen wird seitdem in St. Georg großgeschrieben. Theater, Tanzlokale und Bewirtungsbetriebe siedelten sich an, darunter das Tivoli am Besenbinderhof. 1877 folgte das Museum für Kunst und Gewerbe, einige Jahre später das Schauspielhaus sowie das Hansa Varieté Theater, das Ohnsorg-Theater, das Savoy Kino und das Hotel Atlantic. 1906 setzte die Fertigstellung des Hauptbahnhofs dem Viertel die Krone auf, befeuerte aber auch die Ansiedlung von Drogenszene und Rotlichtmilieu, das sich dem Sperrgebiet zum Trotz hält. Mittlerweile gehört der Bereich zwischen Langer Reihe und Alster zu einer der teuersten Gegenden Hamburgs, der man ihren Wohlstand deutlich ansieht.

Von der Vorstadt zum szenigen Zentrum

Als man den zweiten Stadtwall, das "Neue Werk" errichtete, entstanden das Lübecker sowie das Berliner Tor, womit St. Georg baulich in die Stadt integriert war – allerdings als Durchreiseort. Das war um 1680. Es mussten aber noch einige Jahre ins Land gehen, bis St. Georg 1830 auch offiziell zur Vorstadt mit Hamburger Bürgerrecht avancierte. Das Steintor war der einzige Einlass ins Innere der Stadt und konnte nur bis zum Einbruch der Dunkelheit passiert werden, was bei vielen Hamburgern und der vorstädtischen Bevölkerung für Unmut sorgte, der 1848 in einer Revolution eskalierte. Die nützte nicht allzu viel – erst 1860 wurde diese Sperre aufgelöst und St. Georg zum Stadtteil. Die Folge: starker Zuwachs und Bauboom im Viertel, darunter die Bebauung an Hansaplatz und der Langen Reihe. Hier, in Hausnummer 71, sollte später Hans Albers zur Welt kommen. Und noch heute ist St. Georg der Wohnort einiger Promis.

Bis heute steht St. Georg als symbolischer Zufluchtsort für die, die nicht an gesellschaftliche Normen angepasst sind oder sein wollen: Kunstschaffende, Queere, Zugehörige unterschiedlichster Konfessionen, Widerständigen und viele mehr. Daher ist es traurige Logik, dass ihr hier besonders viele Stolpersteine findet, die an die Opfer des NS-Regimes erinnern.

St. Georg ist ein stolzes Viertel – und katholisch

Love is Love: St. Georg trägt den Spitznamen St. Gayorg und schwingt stolz die Regenbogenfahne der LGBTQIA*-Community in Hamburg – die größte in Norddeutschland. Schwules und lesbisches Partyvolk ist abseits des Kiezes vor allem hier anzutreffen; kein Wunder bei der Dichte an Gay Bars und weiteren queer-freundlichen Lokalen rund um "Hamburgs schwulste Straße". Von Drinks mit Freunden in entspannter Wohnzimmeratmosphäre bis zur wilden Partynacht wird der Szene in St. Georg alles geboten. Mit der sogenannten Vielfaltampel an der Kirchenallee/Ecke Lange Reihe, die ein lesbisches und ein schwules Paar als Lichtsignal zeigt sowie einem Regenbogen-Zebrastreifen, der über die Danziger Straße führt, setzt auch die Stadt bauliche Zeichen im Sinne der gleichgeschlechtlichen Liebe. Jährliches Highlight ist der Christopher Street Day, dessen Parade in der Langen Reihe beginnt.

Hier tut sich erneut ein Gegensatz auf: St. Georg ist nämlich nicht nur queer, sondern auch erzkatholisch. Genauer gesagt ist der Mariendom Sitz des römisch-katholischen Erzbistums Hamburg. Quasi nebenan sitzt die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Georg in der Dreieinigkeitskirche. Dazu ist vor allem der Bereich rund um den Steindamm muslimisch geprägt; auch einige Moscheen gibt es im Stadtteil. Clash of Cultures par excellence. Wobei wir wieder bei Grenzen wären. Diese verlaufen ganz inoffiziell, aber doch spürbar. Ein multikulturelles und diverses Spannungsfeld, das in Hamburg einmalig ist.

Retro-Momente unterm Leuchtschild

Ihr seht, die turbulente Geschichte St. Georgs reicht weit zurück und obwohl sich viel verändert hat, ist etwas von seinem ursprünglichen Geist geblieben. Neben dem Hauptbahnhof bildet der Bahnhof Berliner Tor einen weiteren Verkehrsknotenpunkt im Viertel. Dort befindet sich auch die HAW, wodurch St. Georg laufend von studentischer Klientel besucht wird, die das Viertel genau für seine Diversität und die gut erreichbaren Kulturangebote schätzt. Besonders das Savoy, eines der ältesten und schönsten Kinos in Hamburg, das Filme im Original zeigt. Das Café Gnosa erinnert mit ähnlicher Leuchtschrift an die Fünfziger und erzeugt so einen echten Retro-Moment in Hamburg.

St. Georg in Zahlen

  • Einwohnerschaft (Stand 31.12.2020): 11.349, davon 44,2 Prozent weiblich und 55,8 Prozent männlich (Hamburger Durchschnitt: 50,8/49,2 Prozent)
  • Kulturelle Vielfalt: 127 Nationalitäten
  • Durchschnittsalter: 41,3 Jahre (Hamburger Durchschnitt: 42,1 Jahre)
  • Einpersonenhaushalte: 67,0 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 54,4 Prozent)
  • Haushalte mit Kindern: 10,5 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 18,0 Prozent)
  • Arbeitslosenquote: 4,7 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 5,0 Prozent)
  • Durchschnittseinkommen pro Jahr (Stand 2013): 44.121 Euro (Hamburger Durchschnitt: 39.054 Euro)

Wenn nicht anders gekennzeichnet: Stand 31.12.2019

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