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Rothenburgsort

Warum heißt Rothenburgsort eigentlich Rothenburgsort?

Rothenburgsort ist wenig bekannt und eher verrufen. Dabei hat der Stadtteil an Elbe und Bille mit Industriekultur, Raum für Kreativität und viel Grün alles, was Hamburg aus- und so schön macht.


"Rothennburgsort? Da war ich noch nie!", denken vielleicht einige von euch. Dabei habt ihr den Stadtteil sicher schon einmal durchquert – zumindest seinen westlichen Ausläufer. Denn hier verläuft die B75 alias Billhorner Brückenstraße über die Elbbrücken, die eben zu Rothenburgsort gehören und nicht etwa zur HafenCity. Die ist zusammen mit Veddel und Kleiner Grasbrook, Hammerbrook, Hamm-Süd und Billbrook direkter Nachbar des Viertels. Wenn man so will, ist Rothenburgsort der südlichste Punkt Hamburgs, denn der gemeine Hamburger behauptet ja gern, alles südlich der Elbe sei Norditalien. Doch lasst euch gesagt sein: Die Hamburger Südstadt ist unglaublich spannend und so viel besser als ihr Ruf! Und Rothenburgsort ist mehr als nur ein "Dazwischenort". Steile These? Mitnichten. Die folgende Beweislage ist erdrückend.

Rothenburgsort: Top angebunden

Rothenburgsort misst 7,4 Quadratkilometer. Und auf diesen finden sich gleich drei S-Bahn-Stationen: S2 und S21 verkehren an den Bahnhöfen Rothenburgsort und Tiefstack, S3 und S31 legen einen Stopp an den Elbbrücken ein. Letztere ist wohl die architektonisch beeindruckendste und eine von Hamburgs schönsten Haltestellen. Hinzu kommen etliche Buslinien, die den Stadtteil in alle Himmelsrichtungen anbinden. Faktisch heißt das: zwei Minuten in die HafenCity, fünf Minuten zum Hauptbahnhof, eine Viertelstunde zum Kiez. Mit dem Fiets seid ihr Dank Fahrradstraße am Großmarkt innerhalb von zehn Minuten in der City. Zwischen Elbbrücken und Oberhafen radelt ihr am Wasser entlang und genießt ein herrliches Panorama. Außerdem versteckt sich dort ein richtig guter Skate-Spot unter den Brücken. Lieber raus ins Grüne? Auf dem Drahtesel seid ihr in 25 Minuten an der Dove-Elbe. Alles in Reichweite, und das ohne Hipster-Party-Volk vor der Haustür – da können sogar die Hamburger nicht meckern.

Sechs Jahrhunderte Namensgeschichte

Aber Halt mal, zunächst zurück zu den Anfängen des heutigen Viertels. Als Hamburg das Gebiet 1383 erwarb, trug es noch den Namen Billwerder Ausschlag. Denn das entsprechende Areal lag vor dem Dorf Billwerder auf der gleichnamigen Elbinsel. Im 17. Jahrhundert fanden Familien der Oberschicht innerhalb der Stadtmauern keinen Platz mehr für Gärten und wichen deshalb auf umliegende Areale aus. So auch die Kaufmannsfamilie Rodenburg, die 1614 Grund an der Billwerder Bucht erwarb. Den Fluten zum Trotz wurden hier Landhäuser errichtet und Lustgärten gestaltet.Ihr ahnt es: Auf diese Familie geht der heutige Name zurück. 1871 wurde Billwerder Ausschlag zum Vorort und 1894 zum Stadtteil von Hamburg erklärt. Die Gebietsbezeichnung Rodenburgs Ort gab es ab 1938. Doch erst seit 1970 trägt der Stadtteil den Namen Rothenburgsort, unter dem Billwerder Ausschlag und Rodenburgs Ort wieder vereint sind. Ganz schön langwierig!

Der verlorene Stadtteil

Wie, Lustgärten? Was, Landhäuser? Wo denn?! Hier folgt die traurige Nachricht: Das einst so prächtige Rothenburgsort wurde 1943 im Feuersturm fast vollständig zerstört. Ausradiert, könnte man sagen. Mit Dingen, die es in Hamburg nicht mehr gibt, könnte Rothenburgsort eine ganz eigene Liste füllen. Als Verluste zu beklagen sind unter anderem die U-Bahn-Anbindung, die seit 1915 bestand und die Hanseatenhalle an der Ausschläger Allee, die seinerzeit die größte europäische Veranstaltungshalle war. Auch der Billhorner Röhrendamm, der einst als Einkaufsmeile und Zentrum des Quartiers mit Kinos, Tabak- und Milchgeschäften, Schlachtern und Kaufläden in Gründerzeithäusern strahlte, konnte nicht zu altem Glanz zurückkehren. Er ist heute gesäumt von pragmatischen Nachkriegsbauten aus Backstein. Von den 45.000 Anwohnern, die Rothenburgsort in seiner industriellen Blütezeit beherbergte, ist nur ein Bruchteil geblieben. Ob der Stadtteil deshalb in den Köpfen so vieler Hamburger gar keine Präsenz findet? Vom HafenCity RiverBus habt ihr übrigens einen tollen Blick auf die alten Industriebauten. Und auch die Waterkant Touren statten Rothenburgsort einen Besuch ab.

Rothenburgsort: Ein Flickenteppich

Der Wiederaufbau von Rothenburgsort begann erst in den 1950er-Jahren. Im Versuch, dem Stadtteil zu altem Glanz zu verhelfen, wurde 2012 schließlich der Rothenburgsorter Marktplatz als neues Zentrum eröffnet. Dieser fand jedoch bei der Anwohnerschaft nur wenig Anklang. Auf dem Gelände der Rodenburgs befindet sich heute der Traunspark mit Spielhaus. Nur noch wenig alte Bebauung des Stadtteils ist bis heute erhalten. Besonders tragisch ist es, dass sich ausgerechnet dort einst Schreckliches zutrug. In die Überbleibsel des damals so schmucken Stadtteils mischen sich neue, urbane Strukturen.

Schule am Bullenhuser Damm: Schaurige Geschichte

Eines der Rudimente ist die alte Schule am Bullenhuser Damm. 1940 ermordeten die Nationalsozialisten dort 20 jüdische Kinder, ihre Betreuer und weitere Kriegsgefangene. Als Außenstelle der KZ-Gedenkstelle Neuengamme fungiert das Gebäude heute als Denkmal – wurde aber zwischenzeitlich wieder als Schule genutzt. Auch im ehemaligen Kinderkrankenhaus, in dem sich heute das Institut für Hygiene und Umwelt befindet, wurden von 1941 bis 1945 mehr als 50 Kinder mit Behinderungen ums Leben gebracht. Grauenhaft! Als Wahrzeichen des Stadtteils blieb der 64 Meter hohe Wasserturm 1848 erhalten. Heute ist das Gelände übrigens Sitz von Hamburg Wasser. Auch in der Nähe des Holiday Inn finden sich noch ein paar architektonische Schätze zwischen der Zweckbebauung. Haltet bei einem Stadtteilspaziergang also unbedingt die Augen auf!

Oase im Stadtteil: Wasserkunstinsel Kaltehofe und Elbpark Entenwerder

Ein historischer Schatz ist außerdem die Wasserkunstinsel Kaltehofe. Das Wasserwerk versorgte die Stadt ab 1893 als Hamburgs erste Filtrationsanlage mit sauberem Wasser. Ein Jahrhundert lang wurde hier aus Elbwasser Trinkwasser gemacht. Notwendig war's, denn der Große Brand von 1842 hatte die Wasserversorgung Hamburgs zerstört. Da das 44 Hektar große Gelände zwischen 1990 und 2011 nicht öffentlich zugänglich war, fanden zahlreiche Vogel- und Fledermausarten mitten in der Stadt ein ruhiges Plätzchen zum Nisten. Heute ist Kaltehofe Museumsinsel, Industriepark und Naturdenkmal in einem und entführt mit Villa und Türmchen (ehemalige Schieberhäuschen) in eine andere Zeit – ein surreales Erlebnis.

Relikt: Reichsmonopolverwaltung für Branntwein

Ja, wirklich. Auch wenn sie aufgelöst wurde und die Zollakademie auf dem 12.500 Quadratmeter großen Areal einziehen soll: Die Behörde am Billwerder Deich gewährleistete zur Zeit der Weimarer Republik die Versorgung der Hamburger mit Alkoholika. Absurd? Nicht unbedingt, denn es ging darum, gepanschten Alkohol in der Stadt zu vermeiden. Also lieferten die Brennereien aus den umliegenden Bundesländern ihre Ware zur Kontrolle in Rothenburgsort ab. Seit 2016 ist das Gelände abgeriegelt.

Billstraße: Shoppingmeile, aber anders

Nicht, dass ihr sagt, wir hätten euch nicht vorgewarnt: Ein Besuch in der Billstraße, die auch gern als Rothenburgs Basar bezeichnet wird, kann zum Kulturschock führen. Hier gibt es alles außer Ordnung. Dafür aber auch wirklich alles. Egal, ob ihr arabische oder indische Gewürzmischungen, ein neues Fahrrad, eine gebrauchte Waschmaschine, einen Orientteppich oder oder oder braucht – findet ihr hier. Gekauft wie gesehen, ist klar.

Brandshof: Paradies für Oltimer-Enthusiasten

Ein Kleinod für Retro-Momente in Hamburg ist die Oldtimer-Tankstelle Brandshof am Billhorner Röhrendamm, die euch in die 1950er zurück katapultiert. Die KFZ-Prüfstelle ist tatsächlich noch aktiv, sodass man hier regelmäßig alte Karosserien bestaunen kann. Von den Fliesen bis zur Beschilderung ist alles möglichst original erhalten. Kaffee und Frühstück gibt's bereits ab 6 Uhr morgens und auch tagsüber laden Café und Imbiss zu einer Zwischenmahlzeit ein. So cool und so fotogen!

Einer der letzten rohen Flecken Hamburgs

Vielleicht machen genau die Diskrepanz zwischen Golf Lounge und Late-Night-Kiosk den Charme des Stadtteils aus. Hier ist (noch) nichts durchgestylt, von Gentrifizierung keine Spur. Gepaart mit Hamburger Hafenflair wird Rothenburgsort zu einem Kreativspielplatz. Einer der großen Spieler: das Clouds Hill Recordings Studio, in dem schon Stars wie Bela B. und Pete Doherty an ihren Werken arbeiteten. Auch der Elektro-Club Kraniche am Brandshof besteht seit 1920 und ist der Szene bekannt. In den Gebäuden unweit der Oldtimer-Tankstelle und dem alten Zollamt in der Marckmannstraße findet ihr zudem Ateliers und eine Schauspielschule. Public Coffee Roasters liegt am Elbpark Entenwerder mit der Hausboot-Rösterei vor Anker, wo zahlreiche Open Airs wie das Futur 2 Festival stattfinden. Prominenter Nachbar: das Entenwerder 1. Zumindest vom Goldenen Pavillon und dem schwimmenden Café habt ihr sicher schon gehört. Ist immerhin einer von Hamburgs schönsten Orten zum Frühstücken am Wasser und darf nicht unerwähnt bleiben. Hier geht was!

Himmelhohe Pläne für Rothenburgsort

Doch auch die Stadt hat das enorme Entwicklungspotential des Viertels erkannt, an das mit dem Quartier Elbbrücken in Zukunft die HafenCity knüpfen wird. Geplant sind eine neue Fahrradbrücke in die HafenCity und das Millionenprojekt Elbtower, die die Gegend infrastrukturell aufwerten sollen. Darüber freuen sich aber nicht alle. "Das schlimmste, was Rothenburgsort passieren kann, ist eine Aufmöbelung ohne Nachhaltigkeit", sorgt sich Johann Scheerer, Betreiber des Clouds Hill, in der Zeit.

Rothenburgsort in Zahlen

  • Einwohner: 9.187, davon 47,3 Prozent weiblich und 52,7 Prozent männlich (Hamburger Durchschnitt: 50,8/49,2 Prozent)
  • Kulturelle Vielfalt: 106 Nationalitäten (Stand 31.12.2019)
  • Durchschnittsalter: 39,8 Jahre (Hamburger Durchschnitt: 42,1 Jahre)
  • Einpersonenhaushalte: 59 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 54,4 Prozent)
  • Haushalte mit Kindern: 17,6 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 17,8 Prozent)
  • Arbeitslosenquote: 7,8 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 4,8 Prozent)
  • Durchschnittseinkommen pro Jahr (Stand 2013): 20.473 Euro (Hamburger Durchschnitt: 39.054 Euro) Wenn nicht anders gekennzeichnet: Stand 31.12.2018

Nicht nur Rothenburgsort hat es schwer: Hamburgs unterschätze Stadtteile

Immer nur Schanze – gähn! Was hat man davon, ein überteuertes Stück Kuchen inmitten einer Hipster-Armee zu verdrücken? Schaut doch lieber mal woanders vorbei. Auch diese unterschätzten Stadtteile Hamburgs sind einen Besuch wert. Wer weiß, vielleicht verliebt ihr euch ja noch mal in ganz neue Ecken der Stadt?

Unsere Texte, Tipps und Empfehlungen richten sich an alle, die sich für Hamburg interessieren. Deshalb bemühen wir uns um genderneutrale Formulierungen. Nutzen wir die männliche Form, dient dies allein dem Lesefluss. Wir denken aber stets Menschen aller Geschlechter mit.

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