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Nadine Meyer the organized
Julia Tiemann
Hamburg

Hamburgs Powerfrauen: Ordnungscoach Nadine Meyer im Interview

"The Future is female", lesen wir häufig. Doch natürlich gibt es bereits heute zahlreiche tolle, starke, erfolgreiche Frauen – auch in Hamburg, klar. Und genau diese wollen wir euch hier vorstellen.


the organized gibt es erst seit 2020, trotzdem hat sich der professionelle Ordnungsservice schon einen Namen gemacht. Als sogenannte Professional Organizer helfen Nadine Meyer und ihr Team ihren Kunden unter dem Motto "organizing homes & simplifying lives" dabei, mehr Struktur und Ordnung in ihr Zuhause zu bringen. Wozu? Damit niemand mehr um die 17 Minuten pro Tag mit dem Suchen von Dingen verbringt. Denn das tut Studien zufolge der Durchschnittsmensch. Wenn ihr die Ordnungscoaches bucht, dann vermessen sie eure Räume, konzipieren ein Ordnungssystem und übernehmen die Recherche neuer, speziell zu euch passender Produkte. Und um das, was weg kann, kümmern sich Nadine und ihr Team ebenfalls. Auch wenn ihr umzieht und euch einen strukturierten Ablauf wünscht, hat the organized eine Lösung parat. Wir haben mit Gründerin Nadine Meyer über ihr Business gesprochen.

Nadine, wie bist du überhaupt dazu gekommen, einen Ordnungsservice zu gründen?

Nadine Meyer: Ich denke, ich war schon immer ordentlich – retroperspektivisch wird das sehr deutlich. Schon in meiner Kindheit habe ich in den Zimmern meiner Freundinnen für Ordnung gesorgt, bevor ich in Ruhe mit ihnen spielen konnte. Gelernt habe ich den Beruf der Veranstaltungskauffrau. Auch dabei musste ich viel organisieren, damit die Menschen eine schöne Zeit haben. Außerdem habe ich BWL studiert und in vielen Start-ups gearbeitet. Und irgendwann – 2017 war das – kam es dazu, dass mir eine Freundin ein Online-Gesuch einer Frau weiterleitete, die Hilfe beim Strukturieren ihres Zuhauses bat. Mit ihr habe ich Kontakt aufgenommen und so kam der Stein ins Rollen. Über die klassische Mund-zu-Mund-Propaganda im Treppenhaus bekam ich weitere Aufträge. Nach zwei Jahren habe ich mich schließlich dazu entschieden, mich vollständig auf den Ordnungsservice zu konzentrieren und mich im Januar 2020 mit the organized selbstständig gemacht. Das Team wächst seitdem kontinuierlich.

Hat dich etwas oder jemand auf deinem Weg besonders inspiriert?

Nadine Meyer: Das Thema Ordnung verfolge ich ja schon wirklich lange. Irgendwann entstand dann der Hype um Marie Kondō und ihr Buch "Magic Cleaning". Ich dachte sofort: Das könnte ich doch auch! Also absolvierte ich im November 2019 meine Ausbildung bei ihr in New York. Inspiriert hat sie mich vor allem in Hinblick darauf, Dinge loszulassen. In den USA habe ich den Markt des Professional Organizing entdeckt und gemerkt, was für ein großes Business wirklich dahintersteckt. Dann habe ich viele weitere Bücher gelesen. Aus diesen Einflüssen ist schließlich meine ganz eigene Methodik entstanden. Auf meinem Weg begleitet hat mich außerdem die Influencerin Luisa Lion, die als Kundin eine Art Sprungbrett für mich dargestellt hat.

Was bewirkt ein geordnetes, strukturiertes Zuhause?

Nadine Meyer: Feste Strukturen in den täglichen Grundabläufen zu schaffen – angefangen bei einem festen Platz für den Haustürschlüssel – macht das leben ein bisschen leichter. Ein voller Keller beispielsweise kann negativ auf die Psyche schlagen. Ich möchte, dass sich meine Kundschaft von Stresspunkten befreit. Sich lebendig und im besten Fall inspiriert vom eigenen Zuhause fühlen kann. Zusätzlich entlastet Ordnung die Beziehungen.

Die Frage, die sich jede Person stellen sollte, lautet: Warum wünsche ich mir Ordnung? Und da ist die Antwort nicht, dass man es einfach gerne ordentlich hat, sondern weitaus mehr. Verallgemeinert schaffen feste Strukturen oftmals mehr Raum und Zeit für Wichtigeres. Das ist je nach Person enorm unterschiedlich. Sei es das wortwörtliche Aufräumen des Lebens nach einer Trennung und Loslassen alter Dinge und Strukturen. Oder jegliche kleine oder große Lebensveränderung wie der Wunsch, durch eine schöne Küche Motivation zum gesünder Kochen zu finden reichen. Durch die Ordnung in deinem Umfeld kannst du im Inneren viel besser forcieren, was du wirklich möchtest und dich selbst wertschätzen. Dementsprechend stimmen wir auch die Strukturen ganz individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse unserer Kundschaft ab. Die perfekte Lösung bedeutet für mich, dass das Ordnungssystem nachhaltig funktioniert und dabei auch noch gut aussieht. Wenn die Kundin nach unserem Besuch mit einem Lächeln ihre Schubladen öffnet, dann haben wir alles richtig gemacht.

Da denkt man natürlich sofort, dein Zuhause ist absolut perfekt ordentlich. Stimmt das?

Nadine Meyer: Überhaupt nicht – also nicht akribisch penibel perfekt. Ich wusele auch mal durch die Gegend. Aber – und das ist wichtig – wirklich alles hat seinen festen Platz. "Erstmal irgendwohin" gibt es bei mir nicht. Das Chaos lässt sich dann nämlich in ein paar Handgriffen wieder beseitigen. Ich bin also nie gestresst, sollte sich spontan Besuch ankündigen. Das gibt mir Kontrolle über mein Leben, wohingegen sich viele erschlagen oder überwältigt fühlen von der Last des Alltags. Wenn irgendetwas nicht an seinem Platz ist, kriege ich die Krise (lacht). Aber in diesem Moment hinterfrage und verbessere ich das Ordnungssystem.

Gerade aktuell während Corona – welche Herausforderungen bringt die Selbstständigkeit als Frau mit sich?

Nadine Meyer: Tatsächlich haben wir großes Glück, mit unserem Service absolut den Nerv der Zeit zu treffen. Gerade dadurch, dass nun viele zu Hause sind und auch von dort arbeiten, merken sie, dass es an festen Strukturen mangelt. Demnach sind die Anfragen bei uns wirklich immens. Es ist nicht wichtig, möglichst viele Dinge zu haben, denn die können belastend und ablenkend wirken. Sondern solche, die dir wirklich von Nutzen sind und/oder Freude bereiten. Sprich: Du möchtest dir ein Zuhause schaffen, in dem du gut arbeiten und leben kannst. In den letzten Jahren haben wir das im Alltag vernachlässigt.

Generell gilt im Unternehmertum, sich nicht zu sehr dem eigenen Perfektionismus hinzugeben, Dinge nicht zu persönlich zu nehmen und bewusste Pausen einzulegen. Wenn man nämlich eine Passion zu einer Profession macht, kann es schwierig werden, die beiden Seiten voneinander zu trennen und einen zeitweise nötigen Abstand zu gewinnen. Ich habe mich natürlich dafür entschieden, etwas zu tun, woran ich große Freude habe und damit auch mein eigenes Leben erleichtert. Aber gleichzeitig ist das eben nicht immer einfach Spaß – sondern Arbeit, bei der es auch mal Druck, Erwartungshaltungen und Verpflichtungen gibt. Dabei ist wichtig, sich selbst nicht zu sehr zu stressen. Wie im Organizing gilt es auch hier, loszulassen, was belastet. Die Balance zwischen Ehrgeiz und Leichtigkeit zu finden ist die Herausforderung.

Ich ganz persönlich habe schon immer mit anpacken müssen und wurde nicht "verschont", weil ich ein Mädchen war und dementsprechend früh viel gelernt. Das hat mich sehr darin geprägt, wie ich heute die Dinge angehe. Ich habe das Selbstbewusstsein zu sagen: "Ich kann das und ich kann es alleine und mindestens genauso gut wie ein Mann es könnte." Und anders darf sollten sich Frauen auch nicht verkaufen. Wir Frauen werden ja eher zur Bescheidenheit erzogen und die gilt es abzulegen. Tritt lieber nach dem Motto "fake it till you make it" und überzeugt von dir selbst auf, als falsche Bescheidenheit an den Tag zu legen. Beim Gründen wurde ich aber durchweg positiv überrascht; Alle haben mich sehr ernst genommen. Wichtig ist, dass man selber zu hundert Prozent die Verantwortung übernehmen und die Dinge in Gang bringen muss.

Hast du ein paar ultimative Tipps für unsere Leserschaft? Wie strukturiere ich mich am besten im Homeoffice?

Am Anfang ist wichtig: alles step by step, denn das Prozedere ist wirklich sehr zeit- und arbeitsintensiv. Überfordere dich nicht. Wenn du zum Beispiel "nur" eine Schublade am Tag schaffst, kannst du dich dafür feiern. Auch wir als Team brauchen mehrere Tage, um einen ganzen Raum zu organisieren.Im Homeoffice gilt: Alles griffbereit zu haben, macht dich nicht organisiert. Mach deinen Schreibtisch lieber zur weißen Leinwand. Hab am besten nur die Dinge, die du essenziell fürs Daily Doing brauchst, darauf stehen – selbst wenn das dann bloß ein Kugelschreiber ist. Alles andere lenkt dich ab. Deine Office-Utensilien verstaust du besser gut strukturiert in Schränken oder Schubladen in Reichweite. Solltest du dir ein mobiles Homeoffice am Küchentisch einrichten, ist es wichtig, für ein Feierabendmoment zu sorgen. Damit gewinnst du wieder Abstand zur Arbeit. Dafür kann es hilfreich sein, alle Arbeitsmaterialien in einer Box zu verstauen und natürlich auch dieser einen festen Platz zu geben.

Und wie ist das mit Kindern und Haustieren – kann man darauf überhaupt Einfluss nehmen?

Nadine Meyer: Wichtig ist ja trotz aller Ordnung: Lass das Leben Leben sein. Es geht dabei wirklich nicht um Perfektionismus, sondern im Rahmen dieser Strukturen auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Ob man Tiere darauf dressieren kann, ihr Spielzeug in ihre eigene Kiste zu apportieren, sei mal dahingestellt. Aber du kannst es schnell aufräumen, wenn sie fertig gespielt haben. Genau wie Kinder, die sollen sich austoben und Unordnung machen ohne Ende! Hauptsache, alle haben Spaß. Und nach dem Spielen greift das Ordnungssystem und das Chaos ist schnell wieder beseitigt. Die Kinder können da natürlich auch mitmachen und von Anfang an spielerisch lernen, dass alles einen festen Ort hat – da gehören dann zum Beispiel die Plüschtiere in die rote Box und alle Bausteine in die blaue. Dann macht ihnen Aufräumen sogar Spaß!

Unsere Texte, Tipps und Empfehlungen richten sich an alle, die sich für Hamburg interessieren. Deshalb bemühen wir uns um genderneutrale Formulierungen. Nutzen wir die männliche Form, dient dies allein dem Lesefluss. Wir denken aber stets Menschen aller Geschlechter mit.

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