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Mural im Hof vom Gängeviertel Hamburg
kiekmo
Neustadt

Das Gängeviertel in der Neustadt: So alt, so kreativ, so Hamburg

Versteckt zwischen den Hochglanz-Bürogebäuden der Neustadt liegt das historische Gängeviertel von Hamburg. Es ist ein Ort kultureller Vielfalt. Wir verraten euch, was in dem kreativen, alternativen Zentrum los war und ist.


Egal, wie oft wir schon dort gewesen sind: Ein Besuch im Gängeviertel Hamburg gleicht nie dem anderen. Die alten Häuser, Durchgänge und Höfe entlang des Bäckerbreitergangs und zwischen Caffamacherreihe, Valentinskamp und Speckstraße sind stets für eine Überraschung gut. Hier gibt es ein neues Kunstwerk in einer Ecke zu entdecken, dort hat zufällig gerade eine neue Ausstellung eröffnet und plötzlich findet man sich wieder in der Jupi-Bar mit fremden Menschen im Gespräch. Sich immer wieder neu erfindend, immer erfrischend anders, das ist das Gängeviertel. Doch bis Hamburgs Herz der (Sub-)Kultur diesen sicheren Status erreicht hatte, war es ein langer Weg …

Hurra, sie stehen noch! Gängeviertel Hamburg – eine bewegte Geschichte

Wir schreiben das Jahr 2009. Zwischen den glänzenden, vielstöckigen Bürobauten an der Caffamacherreihe und der Kaiser-Wilhelm-Straße siechen einige alte, teilweise aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude vor sich hin. Viele Fenster sind gesprungen, der Putz ist bröckelig, in den engen Gängen zwischen ihnen liegt Unrat. Es ist ein Überbleibsel der alten Gängeviertel, die sich im späten Mittelalter fast über die gesamte Neu- und Altstadt zogen und in denen unter prekären hygienischen Zuständen zahllose Menschen auf engstem Raum hausten. Nach der Cholera-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts, die sich vor allem in diesen beengten, düsteren Vierteln ungehindert ausbreiten konnte, begann die Stadt, diese Viertel abzureißen. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten schließlich die Bomben der Alliierten den Großteil dessen, was noch übrig war. Doch ein kleiner Gebäudekomplex blieb erhalten: leer, verlassen, vergessen, verfallend.

Das ist unser Haus! Künstler und Käufer kämpfen ums Gängeviertel

Dabei gab es schon einen Käufer für die maroden Gebäude. Die Stadt Hamburg hatte ihn bereits 2008 gesucht und gefunden. Der niederländische Investor Hanzevast wollte das Viertel aufkaufen, plante den Abriss der meisten alten und den Neubau moderner Gebäude. Noch mehr Chrom, noch mehr Stahl, noch mehr Zerstörung historischer Bausubstanz? Nein. Eine Initiative aus Kunstschaffenden und Aktivisten sammelte und verabredete sich zu konspirativen Treffen in einem der Gebäude, um das zu verhindern. Ihre Idee: Hier sollte ein Zentrum für Kunst und Kultur, für Soziales und Wohnraum entstehen. Ein lebendiger Freiraum inmitten der Stadt.

Am 22. August 2009 stürmte die Initiative "Komm in die Gänge", aus der später die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG hervorging, die Gebäude. Sie schleppten Kunstwerke in die leer stehenden Räume, Musiker zauberten Klänge in die vorher unheimliche Stille. Was vorher als "Hoffest" unter der Hand angepriesen worden war, verwandelte sich binnen weniger Stunden in ein großes, rauschendes Kunst- und Kulturfest. Leben statt Verfall, Lachen statt Abrisslärm.

Existenz gesichert! Gängeviertel und die Stadt Hamburg einigen sich

In ihrem Kampf für die Erhaltung der "Gänge" haben die Aktivisten schon viel erreicht. Im April 2010 überreichten sie der Stadt ein Sanierungs- und Nutzungskonzept für das historische Viertel. Die Politiker ließen sich überzeugen – auch vom großen öffentlichen Druck – und leiteten den Rückkauf von Hanzevest ein. Der Rest ist Geschichte. Doch eine Geschichte, die permanent weitergeschrieben wird. Der letzte große Meilenstein in dieser Historie ist auf das Jahr 2019 datiert. Denn da feierte das Gängeviertel nicht nur pompös und ausgelassen den zehnten Geburtstag der Besetzung, sondern auch den umjubelten Erbbaurechtsvertrag.

Am 25. Juni 2019 hatten sich der Hamburger Senat und die Gängeviertel-Genossenschaft nach Gesprächen, die fast zehn Jahre andauerten, geeinigt: Die Stadt bleibt zwar Eigentümerin des Areals, doch die volle Verantwortung für Instandhaltung, Vermietung und Nutzung liegt bei den Kunstschaffenden – für die nächsten 75 Jahre. Damit legten beide Parteien den Grundstein für weitere Sanierungsarbeiten der denkmalgeschützten Häuser im Gängeviertel. Drei Gebäude wurden bereits saniert und modernisiert, weitere sind in Planung. Wichtig ist dem Verein, dass möglichst viel Originales erhalten bleibt: die Fenster, die Böden. Schließlich macht das den besonderen Charme der Räume aus – und es geht ja auch um die Erhaltung der historischen Bausubstanz.

Und heute? Das Gängeviertel ist laut UNESCO ein "Ort kultureller Vielfalt"

In den Gebäuden (so weit sie halbwegs nutzbar sind) im Gängeviertel herrscht heute reges Leben: Es gibt Ateliers, Werkstätten, Wohnraum, Studios, Bühnen, Seminar- und Kunsträume, die Druckerei, die Jupi-Bar, das vegane Café Nasch und sogar einen feministischen Sexshop mit dem schönen Namen Fuck Yeah. Die UNESCO kürte das Gängeviertel zum "Ort kultureller Vielfalt" und Tausende Gäste aus aller Welt kamen in den vergangenen Jahren zu Ausstellungen, Partys, Diskussionen, Konzerten, Lesungen und natürlich zum alljährlichen Gängeviertel-Geburtstag. Es sieht tatsächlich so aus, als würde das Projekt gelingen – anders als beim Künstler- und Handwerkerhof Bernie in der Bernstorffstraße 117, dem nach wie vor das Aus droht.

2016 wurde das Kulturzentrum Fabrique im Gängeviertel eröffnet

Was die Fabrique ist? Quasi das Herzstück des Gängeviertels, ein 1903 erbautes Fabrikgebäude zur Herstellung von Schnallen und Gürteln. Es wurde bereits von Grund auf saniert und im März 2016 als soziokulturelles Zentrum wiedereröffnet. Hier gibt es zahlreiche, große Räume (100 bis 130 Quadratmeter), in denen verschiedenste Workshops, Veranstaltungen und Gruppen – vom Radiosender bis zur Siebdruck-Werkstatt – unterkommen können. Sogar ein Bewegungsraum ist in der Fabrique des Gängeviertels vorhanden, für selbst verwaltete Proben und Trainings verschiedenster Art.

Doch auch in den anderen Gebäuden ist einiges los. In der Tischlerei arbeiten heute wieder Künstler mit Holz und im Familienhaus herrscht wieder Leben. Dann gibt es das Puppenhaus, die Kutscherhäuser, das Jupi-Haus mit der Jupi-Bar oder auch die "Butze" mit einer Teeküche, einem Umsonst-Laden und einem Tonstudio. In vielen der Gebäuden sind Ateliergemeinschaften, freie Kunstschaffende oder Kreativbüros untergekommen. Mehr über die einzelnen Häuser erfahrt ihr online.

Gegen Rassismus, Ausgrenzung und Homophobie

Am besten kommt ihr einfach selber in die Gänge und schaut euch mal um. Alles sind hier willkommen – Geschlecht, Alter, Herkunft, Sprache, Religion, das alles ist den Mitgliedern des Kollektivs herzlich egal. Und zwar, wie sie ausdrücklich betonen, nicht im Sinne von gleichgültig, sondern in dem Sinne, dass es für sie keine Rolle spielt. Deshalb machen sie sich auch gegen Rassismus, Nationalismus oder Homo- und Transphobie stark. Ehrensache, dass "Komm in die Gänge" auch zu den Unterstützern von "Die Vielen" gehört, einem Verein, der Menschen einen möchte – gegen Nazis, gegen die AfD, gegen Hasshetze und Angstmache. Um die Initiative zu zitieren: "Gerade in Zeiten, in denen Rassismus und Diskriminierung im gesellschaftlichen und medialen Mainstream mehr und mehr akzeptiert werden und eine Partei wie die AfD in allen Parlamenten sitzt, sind alternative Orte wie das Gängeviertel wichtiger denn je." Jawoll.

Hamburgs historische Stätten voller Leben

Wer Interesse an historischen Bauten hat, die heutzutage einem anderen Zweck zugeführt wurden, sollte unbedingt mal den Energiebunker in Wilhelmsburg besuchen.

Unsere Texte, Tipps und Empfehlungen richten sich an alle, die sich für Hamburg interessieren. Deshalb bemühen wir uns um genderneutrale Formulierungen. Nutzen wir die männliche Form, dient dies allein dem Lesefluss. Wir denken aber stets Menschen aller Geschlechter mit.

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